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Fleischbranche: Fall Tönnies: "Es ist eine Schande, dass es Corona brauchte, damit sich etwas ändert"

Die Corona-Fälle beim Fleischverwerter Tönnies steigen weiter, Tausende Menschen sind in Quarantäne. Nun will auch die Politik härter durchgreifen - trotz des Widerstandes der Branche.

Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Hunderte neue Coronafälle in Fleischbetrieb

Es sind ereignisreiche Tage für den Großschlachter Tönnies. Nachdem mehr als 1000 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet wurden, über 6500 Mitarbeiter inklusive Chef Clemens Tönnies sowie alle ihre Haushaltsangehörigen in Quarantäne mussten, kündigte der Konzern gerade an, den Schlachtbetrieb aufrecht zu erhalten. Doch die Folgen des Ausbruchs könnten die Firma - und die gesamte Branche - noch für Jahre beschäftigen. Die Politik will durchgreifen.

Das kündigte Arbeitsminister Hubertus Heil an. "Wir wollen die Kontrollen weiter verschärfen, noch bevor das neue Gesetz zur Arbeitssicherheit in der Fleischindustrie da ist", sagte Heil dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland". Vor allem die in der Fleischindustrie weit verbreiteten Werkverträge stehen im Visier der Gespräche mit den Ländern. "Wir machen mit dem Verbot von Werkverträgen im Kernbereich der Fleischindustrie auf jeden Fall ernst", macht Heil klar. "Ganz egal, welche Anstrengungen milliardenschwere Unternehmen auch in die Wege leiten, um dieses Vorhaben zu torpedieren."

Verarbeitung in einem Schlachthof

In der Fleischindustrie werden Werkverträge für Arbeiter zur Falle (Archivbild).

Die Branche kämpft gegen die neuen Regeln

Die Werkverträge gelten als eines der entscheidenden Probleme der Branche. Statt die Schlachter selbst einzustellen, holen sie die oft unter prekären Bedingungen lebenden Arbeiter über Subunternehmer in die Betriebe. "Es ist Zeit, in diesem Bereich aufzuräumen", erklärte Heil deshalb schon im Mai, erhielt dafür auch Unterstützung von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Die Firmen dürften sich nicht hinter den Subunternehmen wegducken, sagte sie der "Tagesschau".

Aus den Wirtschaftsverbänden hatte es harte Kritik an den Plänen gegeben. Es sei "willkürliche Diskriminierung", erklärte der Verband der Fleischwirtschaft, die Geflügelwirtschaft erklärte laut der "Tagesschau" gar, die Pläne seien verfassungswidrig. Die Arbeitgeberverbände sehen die Änderungen ebenfalls als Einschränkung bei der freien Wahl der Mitarbeiter.

Dem widersprechen die Gewerkschaften. Die Zeitpläne seien realistisch, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gasstätten (NGG) der DPA. "Es ist ja tatsächlich eine Schande, dass es Corona brauchte, damit sich etwas ändert in der Branche." Der Personalmangel sei ein vorgeschobenes Argument der Lobbyisten - schließlich müssten die nur die Subunternehmer selbst einstellen.

Ideale Bedingungen für Pandemien

Dass ausgerechnet die Fleischbranche so stark vom Coronavirus betroffen ist, dürfte kein Zufall sein. Zum einen ist in den gekühlten Großhallen mit Ventilation ohnehin schon eine gute Grundlage zur Verbreitung von Krankheiten gegeben. Zum anderen verschlimmert aber die Arbeitssituation die Lage noch weiter. In den Schlachthöfen arbeiten oft Gastarbeiter zu Billigstlöhnen, sie werden oft in in viel zu engen Unterkünften unter fragwürdigen Bedingungen untergebracht. 

Anton Hofreiter, Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion, hatte die Bedingungen gegenüber der "Passauer Neuen Presse" als "skandalös" bezeichnet. Die Bedingungen in den Hallen müsste ebenso geändert werden wie die Unterbringung der Mitarbeiter. "Das System kann so nicht weitergehen", ist er sich sicher. Er fordert, die Gesetzesnovelle schon nächste Woche zur Abstimmung zu bringen. "Die Regierung schützt bislang das Geschäftsmodell der Billigfleischproduzenten auf Kosten der Gesundheit."

Quellen: Redaktionsnetzwerk Deutschland, Tagesschau, DPA, Passauer Neue Presse