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Spiel in Baku Ordner nehmen Fan Regenbogen-Flagge ab: Dieser Moment ist eine Schande für den Fußball

Ordner nehmen einem Fan im Stadion seine Regenbogen-Flagge ab
Ordner nehmen einem Fan im Stadion seine Regenbogen-Flagge ab
© Darko Vojinovic / AFP
Bilder eines Fotografen zeigen, dass einem dänischen Fan in Baku eine Regenbogen-Fahne abgenommen wurde. Es ist der Tiefpunkt des Turniers, kommentiert unser Autor. Und fordert die nationalen Verbände auf, sich endlich gegen die Uefa zu wehren.

Es ist der Tiefpunkt dieser Europameisterschaft – und eine Schande für den europäischen Fußball: Auf Bildern ist zweifelsfrei zu erkennen, wie Ordner einen dänischen Fan daran hindern, seine Regenbogen-Flagge zu zeigen. Der Mann hielt die bunte Fahne, ein Zeichen für Toleranz und sexuelle sowie geschlechtliche Vielfalt, vor sich, ehe zwei Männer auf die Entfernung ebendieser drängten.

Tags zuvor hatte die Uefa noch rechtliche Bedenken bei Werbung in Regenbogen-Farben artikuliert und erklärt, warum mehrere Sponsoren, unter anderem Volkswagen, auf entsprechende Bandenwerbung verzichten: "Die Uefa fordert von ihren Sponsoren, dass die Gestaltung der Werbung den lokalen Gesetzen entsprechen. Wir wissen, dass dies in Baku und Sankt Petersburg nicht der Fall ist", teilte der Verband der "Sportschau" mit.

Jedoch: Dieses Verbot galt ausdrücklich nicht für Flaggen von Fans. Die Uefa hatte selbst noch betont, dass Regenbogen-Fahnen in den Stadien nicht untersagt seien – und dies auch explizit auf die Partien in Aserbaidschan bezogen. Vermutlich hatte die Uefa gehofft, die Verantwortlichen in Aserbaidschan würden das auch so sehen. Schließlich sind sexuelle Handlungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts seit dem Jahr 2000 nicht mehr verboten. Jedoch: Einen Schutz vor Diskriminierung gibt es nicht. Das Auswärtige Amt schreibt bei seinen Reisehinweisen zu Aserbaidschan: "Homosexualität ist gesellschaftlich kaum akzeptiert."

Nun jedoch hat die Weltöffentlichkeit gesehen, dass die Ankündigung, den Zuschauer:innen die freie Meinungsäußerung zu ermöglichen, Schall und Rauch war. Es ist eine Schande für den Weltfußball.

Spätestens seit die Uefa der Stadt München untersagte, die Allianz-Arena zur Partie gegen Ungarn in Regenbogenfarben zu illuminieren, tobt (erneut) eine Diskussion über das Vorgehen und die Scheinheiligkeit des Verbandes. "Die Uefa, die sich seit Jahren in aufwändigen Imagekampagnen als tolerante, offene und antirassistische Organisation inszeniert, entblößt sich selbst. Alles nur Marketing, wirklich ernst ist es ihr mit den zur Schau gestellten Werten nicht", kommentierte Kollege Christian Ewers vor rund zwei Wochen für den stern.

Die Uefa kann nicht leugnen, was in Baku geschehen ist

Und der Vorfall von Baku ist eine weitere Steigerung. Konnte man sich im Falle Münchens noch hinter der (ebenfalls hanebüchenen) Argumentation verstecken, dass der Antrag als Zeichen gegen die Politik Ungarns gewertet wurde und man als Fußballverband unpolitisch sein wolle, kann der Verband jetzt nicht mehr abstreiten, dass er Spiele einer Europameisterschaft in ein Land vergeben hat, in dem Zuschauer:innen daran gehindert werden, im Stadion ihre Meinung frei zu äußern.

Der Uefa, davon muss man leider ausgehen, wird das wieder einmal egal sein. Hätten die Funktionäre auch nur einen Funken Anstand, würden sie morgen ihr Bedauern zum Ausdruck bringen. Und verkünden, nie mehr Spiele einer EM oder Finals von Champions League, Europa League oder Conference League in Länder zu vergeben, in denen Regierungen die freie Meinungsäußerung unterdrücken und in denen das gleichberechtigte Leben aller Nationalitäten, Sexualitäten und Geschlechter nicht möglich ist.

Doch genau das wird nicht passieren. Weshalb nun jeder einzelne nationale Verband, allen voran auch der Deutsche Fußball-Bund, ernsthaft darüber nachdenken sollte, seinerseits über Konsequenzen nachzudenken. Zumal in etwas mehr als einem Jahr eine Weltmeisterschaft in Katar stattfindet.

Nach Verbot von Regenbogen-Beleuchtung: Wirklich so proud? Wie ein alter Tweet der Uefa um die Ohren fliegt

Die norwegische Nationalmannschaft hatte im März einen kleinen Vorstoß gewagt, vor einem WM-Qualifikations-Spiel gegen die Menschenrechtssituation in Katar protestiert. Nur, um dann wenige Wochen später zu kommunizieren, das Turnier nicht boykottieren zu wollen.

Es ist Zeit, endlich mal ein richtiges Zeichen zu setzen

Stellen Sie sich einmal vor, die Verbände würden ihrerseits ihren Worten echte Taten folgen lassen. Stellen Sie sich vor, Deutschland, England und Frankreich würden nicht zur WM nach Katar fahren. Oder stellen Sie sich vor, die dänische Nationalmannschaft hätte heute in Baku vom Vorfall auf der Tribüne erfahren und aus Protest den Platz verlassen.

Ja, das mag utopisch klingen. Die Show muss weitergehen, das Geld muss fließen – und die Fußballer hängen natürlich auch aus sportlichen Gesichtspunkten an diesen Turnieren. Und doch ist der große Knall, der große Protest derer, die am Ende für das Produkt Fußball verantwortlich sind – die Spieler – wohl die einzige Chance, um endlich, endlich, endlich für Veränderung zu sorgen. Denn klar ist: Wenn die größten Stars und wichtigsten Mannschaften sich weigern würden, in einem Land wie Aserbaidschan bei einer EM anzutreten, würden die Verbände reagieren. Nicht, weil ihnen dann plötzlich die Menschenrechte wichtig wären. Sondern weil sie ihr Produkt nicht mehr erfolgreich verkaufen könnten.

Die Zeit ist gekommen, die Uefa und die Fifa endlich zur Vernunft zu zwingen.


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