Die Welt schaut in diesen Wochen auf Europa. In elf Städten wird hier der kontinentale Fußballmeister ermittelt und die Rückkehr des Sports gefeiert, der zuletzt so ausgemergelt wirkte mit all seinen Geisterspielen und abgesagten Großveranstaltungen. Doch ausgerechnet der Veranstalter dieser Party benimmt sich daneben. Der europäische Fußballverband Uefa hat heute einen Antrag des Münchener Stadtrats abgelehnt, das örtliche Stadion beim EM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben erleuchten zu dürfen. Eine fatale Entscheidung.
Die Uefa, die sich seit Jahren in aufwändigen Imagekampagnen als tolerante, offene und antirassistische Organisation inszeniert, entblößt sich selbst. Alles nur Marketing, wirklich ernst ist es ihr mit den zur Schau gestellten Werten nicht.
Uefa geht vor Ungarn auf die Knie
Die Uefa pocht auf ein einheitliches Branding der Stadien, so wie es im technischen Regelwerk niedergeschrieben steht. Seltsam bloß, dass Russland das Stadion in St. Petersburg in exakt jenem Blau illuminieren darf, das dem Blau des skandalumwitterten Energiekonzerns (und Uefa-Sponsors) Gazprom gleicht. Kein Fall für die Compliance-Abteilung? Wirklich nicht? Aber die Regenbogenfarben, ein Zeichen für die Vielfalt von Lebensformen, das Symbol von Schwulen und Lesben in aller Welt – die sind ernsthaft ein Problem?
Nicht nur die Uefa, auch andere Sportorganisationen wie der Weltfußballverband Fifa oder das Internationale Olympische Komitee (IOC) betonen gern, dass sie politisch und religiös neutral seien. So begründete die Uefa dann auch ihr Verbot für München. Falsch an dieser Rechtfertigung ist zweierlei: Erstens verknüpft sich mit den Regenbogenfarben weder ein politisches noch ein religiöses Statement. Es geht lediglich um Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens. Zweitens: Sport ist nie unpolitisch, im Gegenteil. Er bietet eine ideale Bühne für die Selbstinszenierung von zweifelhaften Machthabern.
Bestes Beispiel: Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gab Wladimir Putin den milden und friedliebenden Staatspräsidenten, der sich die Jugend der Welt ins Land geladen hatte. Wenige Wochen später, die olympische Flamme war kaum erloschen, ließ Putin die Krim einnehmen.
Und auch die Uefa ist Teil eines politischen Spiels. Mit dem Regenbogenverbot sank sie in die Knie vor Viktor Orban und dem ungarischen Parlament. Dieses hat kürzlich ein Gesetz beschlossen, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Bezug auf Homosexualität und Transsexualität beschneidet. Die Uefa möchte Ungarn nicht brüskieren, denn sie benötigt Budapest für eigene Interessen – womöglich schon sehr bald.
Uefa wirkt gegenwartsblind
Die Uefa hat London mit dem Entzug der Austragungsrechte für die Halbfinals und das Finale gedroht, sollten die Quarantäne-Auflagen nicht gelockert werden. London kämpft zwar gerade heftig mit der Delta-Variante des Coronavirus, aber davon will sich die Uefa die Party nicht vermiesen lassen.
Sollte London nicht nachgeben, stünde Budapest als Ersatzspielort bereit. Dieses Signal hat Ungarn bereits gesendet. Im Budapester Stadion wurden schon einige Vorrundenspiele ausgetragen – vollbesetzt mit 50.000 Zuschauern. So, als hätte es die Pandemie nie gegeben.
Die Uefa wähnt sich in einer Position der Stärke. Sie glaubt offenbar, das Publikum würde über ihr schäbiges und erpresserisches Verhalten hinwegsehen – am Ende interessierten sich die Fans ja doch nur für spannenden Spiele und schöne Tore. Aber das stimmt nicht. Die Menschen sind feinfühliger geworden, sie gehen nicht nur für den Klimaschutz auf die Straße, sondern auch für Transparenz, Gleichberechtigung und Vielfalt.
So, wie sich die Uefa in diesen Wochen bei der Europameisterschaft präsentiert, wirkt sie gegenwartsblind. Sie wird sich radikal erneuern müssen, um eine Zukunft zu haben.