HOME

Job-Coach: Soll ich den Job wechseln - und wird dann alles besser?

Sie sind unzufrieden mit ihrem Job , aber fürchten sich vor einem Jobwechsel? Weil sich vielleicht gar nichts ändert? Job-Coach Ragnhild Struss verrät, wie man erkannt, ob man gehen oder bleiben sollte.

Jobwechsel: Lohnt sich das?

Den Job wechseln - oder mehr aus der alten Arbeitsstelle rausholen?

Getty Images

In meinem aktuellen Job bin ich unzufrieden. So unzufrieden, dass ich kündigen und einen neuen Job suchen möchte. Allerdings ging’s mir schon mehrmals so. Deshalb habe ich Angst, dass sich trotz Wechsel nichts ändert. Wie stelle ich sicher, dass es dieses Mal wirklich besser wird?

Bevor Sie einen Jobwechsel in Betracht ziehen, empfehle ich Ihnen, die Möglichkeiten in Ihrem aktuellen Job auszuschöpfen und sich zu fragen, woran Ihre Unzufriedenheit denn ganz genau liegt. Denn obwohl es sich so anfühlt, als würde ein Neuanfang Erleichterung und Besserung bringen, ist es häufig einfacher, die bestehende Situation zu optimieren, als beruflich wieder von vorne zu beginnen – vielleicht können Sie noch "mehr rausholen" aus Ihrer jetzigen Beschäftigung. Häufig malen wir die gesamte Jobsituation schwarz, obwohl nur an ein, zwei Stellschrauben gedreht werden müsste. Stellen Sie sich daher zu Beginn die folgenden Fragen:  

Ragnhild Struss, 39, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss und Partner Karrierestrategien" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise nach "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit BeBrilliant hat sie  eine App auf den Markt gebracht, die Persönlichkeits- analyse, 360°-Feedback und Coaching "to go" bietet.

Ragnhild Struss, 39, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss und Partner Karrierestrategien" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise nach "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit BeBrilliant hat sie  eine App auf den Markt gebracht, die Persönlichkeits- analyse, 360°-Feedback und Coaching "to go" bietet.

  • Hat mir der Job früher einmal Spaß gemacht? Wenn ja: Was waren die Dinge, die mir Freude bereitet haben? Welche Aufgaben habe ich gerne erledigt? Wie steht es jetzt um diese Faktoren?
  • Kann ich mich mit den Inhalten und Themen des Unternehmens identifizieren? Stehen sie im Einklang mit meinen Werten?
  • Inwiefern habe ich die Möglichkeit, meine Stärken und Potenziale in meine Arbeit einzubringen? Welche meiner Talente bleiben ungenutzt?
  • Gestalten sich meine Arbeitsbeziehungen wie gewünscht? Wie gefällt mir der Umgang miteinander?
  • Und schließlich: Welche Erwartungen habe ich an meinen Job? Auf welche Art könnte ein Job diese Erwartungen erfüllen? 

Wenn Sie beim Großteil Ihrer Antworten Gestaltungspotenzial erkennen, deutet das zumindest auf eine eigentlich gute Ausgangssituation hin. Viele wichtige Grundlagen sind in Ihrem Job gegeben – was hat sich geändert und zu Ihrer Unzufriedenheit geführt? Können diese Dinge womöglich verbessert werden, zum Beispiel durch ein Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten? Überprüfen Sie dabei auch Ihre eigene Einstellung: Kein Job wird es leisten können, Sie jeden Tag zu erfüllen und etwa privaten Frust auszugleichen. Auch langweilige und unangenehme Phasen gehören zum Berufsleben dazu, auch wenn sie nicht überwiegen sollten – hier hilft eine Prise gesunder Realismus.

Haben Sie mit den obenstehenden Fragen hingegen vor allem herausgefunden, dass es keinen Veränderungsspielraum gibt, scheint tatsächlich etwas im Argen zu sein. Im Folgenden finden Sie Hinweise darauf, dass Ihre Unzufriedenheit im Job sich nicht so leicht lösen lässt und Sie tatsächlich kündigen sollten:

  • Sie können sich nicht weiterentwickeln und hadern mit der Routine: Auch nach Jahren führen Sie Tag für Tag die gleichen Aufgaben aus. Es gibt nichts, das Sie herausfordert, und Sie können nichts Neues mehr lernen. Eine solche Situation kann bei einigen Menschen zu Boreout führen, einem Zustand ausgesprochener Unterforderung im Arbeitsleben, der mit psychosomatischen Beschwerden, Niedergeschlagenheit und Depression einhergeht. Wichtig: Ein Problem wird zu viel Routine wohlgemerkt nur für Charaktere, die bei Abwechslung und Herausforderungen aufblühen. Einige Menschen bevorzugen berechenbare, immer gleiche Abläufe, da sie ihnen Sicherheit bieten.
  • Sie stehen enorm unter Druck: Überstunden stehen an der Tagesordnung, der Workload ist permanent zu hoch und für Pausen haben Sie ohnehin keine Zeit mehr? Bei einer solchen andauernden Überlastung besteht die Gefahr auszubrennen. Wenn Sie bereits Symptome wie dauerhafte Erschöpfung, zunehmende Gleichgültigkeit oder ein nagendes Gefühl von Misserfolg an sich wahrnehmen, ist es Zeit, die Notbremse zu ziehen – sonst droht ein Burnout!
  • Sie leiden unter dem schlechten Betriebsklima: Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz können einem das Leben zur Hölle machen. Mobbing, nervige Kollegen oder ein cholerischer Chef drücken enorm auf die Stimmung und das Selbstbewusstsein. Geht das Problem nur von einer oder wenigen Personen aus, besteht gegebenenfalls die Möglichkeit, es zu lösen – zum Beispiel, indem Sie das vertrauliche Gespräch mit einem Vorgesetzten oder dem Betriebsrat suchen. Ist die Situation jedoch bereits festgefahren oder besteht das Problem strukturell im gesamten Unternehmen, kann es die bessere Wahl sein, sich zeitnah nach einem anderen Job umzusehen.
  • Der Job erscheint Ihnen sinnlos: Immer öfter haben Sie das Gefühl, mit Ihren Tätigkeiten eigentlich nur Zeit zu verschwenden. "Macht es überhaupt einen Unterschied, ob ich meinen Job erledige oder nicht?", fragen Sie sich vielleicht. Eine kleine Sinnkrise kann jeden einmal treffen. Doch wenn Sie immer wieder mit solchen Gedanken zu kämpfen haben, passt womöglich Ihre Arbeit einfach nicht zu Ihren Wertvorstellungen. Jeder Mensch hat ganz eigene Werte, die sein Handeln leiten und die ihm ein Gefühl von Sinnhaftigkeit vermitteln. Während der eine aufblüht, wenn er etwas für das Gemeinwohl tut, sind einem anderen vor allem Freiheit und Unabhängigkeit wichtig. Manche Menschen fühlen sich erfüllt beim Erreichen von Status und Prestige, während Tradition und Beständigkeit für andere viel ausschlaggebender sind. Fragen Sie sich, was Ihnen im (Arbeits-)Leben wirklich wichtig ist, und dann suchen Sie sich eine Aufgabe, hinter der Sie stehen können.
  • Sie stecken in einer Karriere-Sackgasse: In Ihrem Unternehmen bieten sich Ihnen keine Aufstiegschancen, den Wunsch nach einer Gehaltserhöhung äußern Sie seit Jahren vergeblich und es fehlt Ihnen auch im Arbeitsalltag an Wertschätzung? Das kann einerseits daran liegen, dass Sie und Ihre Ergebnisse nicht sichtbar genug sind und Sie in Feedback-Gesprächen zu bescheiden auftreten. Haben Sie jedoch wirklich viele Gelegenheiten genutzt, um Ihre Leistungen unter Beweis zu stellen und sich somit für einen Karrieresprung zu qualifizieren, und es passiert trotzdem nichts? Dann sollten Sie einmal ausloten, welche Möglichkeiten sich Ihnen bei der Konkurrenz bieten.

Erst analysieren, dann raus aus der Negativschleife

Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass Sie einen neuen Job suchen wollen? Damit es wirklich besser wird, können Sie zunächst identifizieren, was Sie auf Ihrer jetzigen Arbeit unzufrieden gemacht hat, um dann systematisch darauf zu achten, dass die Bedingungen bei Ihrem potentiellen neuen Arbeitgeber zuträglicher sind. Sie haben schon häufiger den Job gewechselt, was eventuell ein Hinweis darauf ist, dass Sie bei den Bewerbungen nicht wählerisch genug sind? Lassen Sie sich Zeit und gehen Sie durchdacht vor – die Grundlage bildet Ihre Persönlichkeit. Damit Sie den Negativfokus hinter sich lassen, sollten Sie sich darüber hinaus vor allem fragen: Wie müssen die Arbeitsbedingungen in Zukunft sein, damit der Job zu mir passt? Mit dieser Frage formulieren Sie positive Kriterien und entwickeln eine Hin-zu-Motivation – und die wirkt deutlich beflügelnder und nachhaltiger als eine Von-weg-Motivation à la "Hauptsache, ich kann den Mist hinter mir lassen!". Halten Sie schriftlich Ihre Wünsche an die neue Arbeitsstelle fest, am besten nach Priorität geordnet. 

Hält der neue Arbeitsplatz, was er verspricht?

Zu wissen, was Sie wollen, ist der erste Schritt. Doch wie können Sie sicher sein, dass der neue Arbeitgeber auch wirklich das bietet, was Sie sich wünschen? In Stellenausschreibungen klingt schließlich jeder Job wie ein Jackpot: Von "hoher Eigenverantwortung" über „ein dynamisches Team mit flachen Hierarchien“ bis hin zu „gratis Obst und andere Benefits“ versprechen Annoncen meist ideale Arbeitsbedingungen. Nicht immer entspricht dies am Ende der Realität. 

Was Sie tun können, um Ihrem Wunscharbeitgeber auf den Zahn zu fühlen: Checken Sie neben der Stellenanzeige auch die Homepage des Unternehmens ausführlich. Das gibt bereits erste Hinweise auf Werte, Kultur und Umgangston. Die meisten Firmen bieten zudem ein Social-Media-Angebot an – informieren Sie sich also auch, was und wie auf Facebook, Instagram und Twitter kommuniziert wird. Was heute außerdem an Relevanz gewinnt, sind die Bewertungen eines Unternehmens durch (ehemalige) Mitarbeiter auf Portalen wie Kununu, Glassdoor oder Xing. Je nach Branche haben Sie vielleicht auch Kollegen oder Freunde, die beim Arbeitgeber Ihrer Wahl bereits Erfahrungen gesammelt haben und ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Solche persönlichen Berichte sind Gold wert und Sie können der Person gezielte Fragen zu für Sie interessanten Themen stellen.

Finaler Check vor Ort

Schließlich empfehle ich Ihnen, im Vorstellungsgespräch gezielt die Punkte anzusprechen, die Ihnen wichtig sind. Scheuen Sie sich nicht nachzufragen, wie die in der Annonce versprochenen Bedingungen konkret im Arbeitsalltag umgesetzt werden. Im Rahmen des persönlichen Kennenlernens haben Sie außerdem schon einmal die Gelegenheit, die Bürostimmung vor Ort zu testen: Wie werden Sie begrüßt? Wie wirken die anderen Mitarbeiter auf Sie? Welche unterschwelligen "Vibes" nehmen Sie wahr? Ihre Intuition ist dabei ein wichtiger Indikator. Sind Sie sich trotz eines ersten positiven Eindrucks noch nicht ganz sicher, können Sie um einen Probearbeitstag bitten. Innerhalb von acht Stunden mit Ihrem neuen Team gewinnen Sie einen noch realistischeren Eindruck, wie der tatsächliche Arbeitsalltag aussieht.  

Abschließend möchte ich Ihnen den Tipp geben, sich nicht verrückt zu machen: Letztendlich können Sie vorher nie ganz sicher sein, ob "beim nächsten Job alles besser" wird. Wenn Sie aber genau wissen, was Ihnen wichtig ist, und dann auch noch Ihren neuen Arbeitgeber auf Herz und Nieren geprüft haben, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. Und sollte sich Ihre Wahl doch als Fehlentscheidung entpuppen, suchen Sie einfach weiter – die Probezeit dient schließlich sowohl dem Arbeitgeber als auch dem Arbeitnehmer als Testphase.

Beziehung am Arbeitsplatz: Neue Studie: Mehrheit der Deutschen hatten schon mal sexuelle Fantasien über Kollegen
Ragnhild Struss