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Kapitalismus-Debatte: "Fürchtet euch nicht!"

Die Politiker wissen nicht weiter. Die Unternehmer denken nur an die Rendite. Und die Arbeitnehmer zittern um ihre Jobs. Was wird aus dem alten Europa?

Sie haben Glatzen, Lederjacken und Doktortitel. Ihre Agentin nennt sie "Gurus". Wer sie für einen Vortrag buchen will, muss eine Mercedes-S-Klasse für den sicheren Transport der beiden Meisterdenker in der Stadt bereitstellen. Sie sind Popstars. Sie treten mit Bill Clinton auf. Denn sie können die Welt erklären. Und zwar einschließlich Globalisierung, Deindustrialisierung, Großvaters Schicksal und der Frage, was ein VW-Arbeiter tun kann, um seinen Job zu retten. Sie sagen: "Fürchtet euch nicht."

Ein Hausbesuch bei Kjell Nordström und Jonas Ridderstråle. Im feinen Stockholmer Stadtteil Djurgården kostet das Parken auf der Straße knapp drei Euro die Stunde, und nach den Immobilienpreisen sollten Lohnabhängige nicht fragen. Nordströms Haus hat keine Klingel, sondern eine Tastatur an der Tür, auf der man einen Code eingeben muss. Wer den nicht kennt, muss anrufen. Normalsterbliche bekommen weder Code noch Telefonnummer. Sie müssen zur vereinbarten Zeit draußen warten. Dann geht plötzlich die Tür auf. "Hallo, ich bin Kjell." Jonas ist auch da. Sie sind sehr nett.

Im Garten steht ein Tisch mit Stühlen. Die Haushälterin serviert Kaffee und Schokolade. Dann geht es los. Eine Zwei-Stunden-Show plus Zugabe. Am Ende wird Kjell in den Pool springen. Aber bis dahin sagen die beiden viele überraschend ernste und kluge Dinge. Das Beruhigende zuerst: Durch den entfesselten Kapitalismus werde zwar alles anders, aber - zumindest in Ländern wie Deutschland und für die nächsten ein oder zwei Jahrzehnte - nicht wirklich schlimm.

Jonas:

Wir kehren nicht zurück in die Welt der Frühindustrialisierung. Es wird vielmehr eine Welt sein, in der sich die Menschen entscheiden, ob sie zwei oder drei Fernseher haben wollen und nach Mallorca oder Thailand in Urlaub fahren.

Das tut gut. Die beiden Wirtschaftswissenschaftler wischen alles beiseite, was in Gesellschaften wie der deutschen eisern verteidigt wird. Die alte Republik erklären sie für mausetot. Stattdessen stehe eine "doppelte Ökonomie" bevor. Was ist das nun?

Jonas:

Eine Metapher für dramatische Veränderungen: Die Unterschiede zwischen den Besten und dem Rest wachsen. In den 70er Jahren wurden Kosmetika ausdrücklich damit beworben, dass sie für ganz normale Frauen seien. Das ist ein Zeichen für diese Zeit. Es gab eine breite Mittelschicht. Zu der zählte, anders als in früheren Epochen, die große Mehrheit der Bevölkerung. Es könnte sich herausstellen, dass das eine historisch kurze Zwischenphase war.

"Back to normal" nennen sie das. Wenn auch auf einem Wohlstandsniveau, das auch den Verlierern weiter ein ordentliches Auskommen beschert. Die Verteilungskurve des Wohlstands, sagt Kjell, werde eher den zwei Höckern eines Kamels als dem eines Dromedars gleichen. Nicht so viel in der Mitte der Kurve also. Dafür mehr am oberen und mehr am unteren Ende. Was aber kann man tun, um im richtigen Höcker, also bei den Wohlhabenderen, zu landen? Als Erstes: mit den alten Vorstellungen brechen.

Jonas:

Mein Großvater war Fischer. Als er geboren wurde, war klar, dass er Fischer werden würde. Es spielte keine Rolle, ob er es wollte oder besonders gut konnte. Über die Jahrzehnte kamen immer mehr Wahlmöglichkeiten dazu. In einer solchen Welt ist es das Wichtigste, zu wissen, was man wirklich gut kann.

Kjell:

Industrialisierung bedeutet Standardisierung des Einzelnen. Die ganze Idee ist, dass einer den anderen ersetzen kann. Der Mensch als Bauteil. Wir konnten das 100 oder 150 Jahre so machen. Es hat funktioniert. Aber jetzt sind Kräfte am Werk, die in die andere Richtung führen. Nämlich zu Individuen, die sehr verschieden sind.

Jonas:

Lange haben wir versucht, abweichendes Verhalten abzustellen. Natürlich nur negative Abweichungen - aber wenn mal etwas Gutes unter den Tisch fiel, war das kein zu schlimmes Opfer. Jetzt müssen wir die positive Abweichung fördern. Schauen Sie sich Franz Beckenbauer an: abweichendes Verhalten im positiven Sinn. Albert Einstein? Positive Abweichung. Bill Gates? Genauso.

Nun ist leider nicht jeder ein Einstein, nicht mal ein Beckenbauer. In einer Welt, in der - wie die beiden sagen - jeder Einzelne eine Marke ist, kommt es darauf an, sich selbst zu Markte zu tragen. Und bei einem deutschen Industriearbeiter ist die Nachfrage da eher mau. Kjell und Jonas sind als Marken perfekt. An Kjells Finger steckt ein Ring mit Dollarzeichen, seine Armbanduhr ist in ein Schweißband integriert. Jonas trägt Schwarz von Kopf bis Fuß - mit Reißverschlüssen am Hosenschlag. So lässig die beiden tun, alles ist sorgfältig inszeniert. Sie können sich verkaufen. Und die anderen?

Nehmen wir einen Industriearbeiter am Band bei VW in Wolfsburg - durchschnittlich ausgebildet und hoch bezahlt, aber ohne irgendwelche hoffnungsvollen Besonderheiten...

Jonas:

... ich wette, dass es die gab, als er fünf oder sechs Jahre alt war. Nur wurden immer seine Schwächen behandelt, nicht seine Stärken gefördert. Wenn er schlecht in Mathe gewesen ist, hat er Nachhilfestunden bekommen. Später schickte VW ihn ins Trainingscenter, wenn er mit Aufgaben nicht zurechtkam. Bevor er geschieden wurde, kam der Familientherapeut. Sie können nicht auf Top-Leistungen hoffen, wenn Sie sich nur um Ihre Schwächen kümmern.

Ist das nicht ein schrecklich elitäres Konzept? Wer nichts Verwertbares in sich entdeckt, fällt durch den Rost.

Jonas: Wir leben in einer elitären Welt. Wer keine einzigartigen Fähigkeiten hat, ist gezwungen, den Wettbewerb mit etwa 1,2 Milliarden Chinesen aufzunehmen.
Kjell: Es gibt zwei Möglichkeiten, im Wettbewerb zu bestehen. Über den Preis oder über die Qualität. Preiswettbewerb ist für Länder wie Schweden oder Deutschland keine Option. Jeden Tag rückt sie in weitere Ferne. Als wir Kinder waren, gab es etwa 600 Millionen Menschen in der industrialisierten Welt. Jetzt geht es um sechs Milliarden, die in diese Welt drängen.
Jonas: Trotzdem kann der Einzelne etwas tun. Er kann sich zum Beispiel eine Beschäftigung suchen, die sich nur schwer verlagern lässt. Also etwa Anstreicher, Friseur. Die Leute werden nicht für einen Haarschnitt nach Indien reisen.

Das ist die Ausgangsbotschaft der beiden. Mit den traditionellen Produktionsjobs geht es zu Ende. Also: VW, Mercedes, Linde, Thyssen - alle Fabriken ab ins Ausland. Nicht heute oder morgen, aber auf Dauer.

Jonas:

Wir werden gezwungen werden, die Natur der Arbeit neu zu definieren. Arbeit war in der ganzen Zeit der Industrialisierung immer eng verbunden mit der Schaffung von finanziellen Werten. Es kann sein, dass wir bei einer Arbeitslosigkeit von 15, 20 oder 25 Prozent dazu kommen, dass Arbeit auch soziales oder kulturelles Kapital erzeugen kann.

Aber auch die, die mit solchen Dingen beschäftigt werden, brauchen am Ende echtes Geld.

Kjell:

Wir sollten uns nicht zu viele Sorgen machen. Heute sichern zwei Prozent der Bevölkerung die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Vor 100 Jahren waren 80 Prozent mit Landwirtschaft beschäftigt. Dramatische Strukturwandel sind also möglich. Wir können heute mit einer begrenzten Zahl von Menschen die nötigen Werte schaffen.

Was aber macht der Rest? Sollen die Gewinner in bewachten und klimatisierten Wohngebieten leben, während auf der anderen Seite des Zauns das Leben etwas ungemütlicher wird?

Kjell:

Das ist der amerikanische Weg. Wir sollten es anders machen.

Aber wie? Für Kjell Nordström und Jonas Ridderstråle geht der eigentliche Kampf nicht darum, ob der neue VW-Geländewagen nun in Deutschland gebaut wird oder nicht. Es geht um etwas anderes - um Talente, um die Besten, die Fähigsten. Wer es schaffe, die anzulocken, der müsse sich keine Sorgen mehr machen; auch nicht um die Finanzierbarkeit des sozialen Ausgleichs. Da liege Europas echtes Problem.

Kjell:

Hunderttausende Wissenschaftler haben Europa seit Anfang der 90er Jahre verlassen. Es ist ein Exodus. Als Siemens, ABB, Philips und andere gegründet wurden, waren die besten Universitäten der Welt in Europa. Heute liegen neun der zehn besten in den USA. Es ist dramatisch. Die Europäer bilden die jungen Wissenschaftler mit großem Aufwand aus, und dann gehen die nach Amerika.

Jonas:

Das hat Gründe. Die USA sind kein Land, sondern eine Idee. Sie können Amerikaner werden. Es dauert zwei, drei Jahre. Selbst Arnold Schwarzenegger hat sich entschieden, Amerikaner zu werden.

Kjell:

Das geht so nicht in Schweden oder Deutschland. Da dauert es Generationen.

Jonas:

Die Europäische Union hat keine Idee. Wenn es eine Leitidee gibt, dann die, einen weiteren Albtraum zu verhindern. Kein großer Krieg in Europa. Das ist mehr als verständlich. Aber jetzt ist die Zeit da, endlich eine positive Definition Europas zu verwenden.

Sie sehnen sich nach einem Europa, das attraktiv für die wenigen ist, die den Wohlstand schaffen. Aber wie könnte das aussehen? Die Antwort ist verblüffend: sozialstaatlicher, homogener, friedlicher als alles andere auf der Welt. Ein Kontinent, auf dem nicht jeder Blumentopf von Wachleuten gesichert werden muss.

Jonas:

Es geht darum, die Talentierten dazu zu motivieren, ihren Wohlstand zu teilen. Man kann sie nicht zwingen, weil sie jeden Tag weggehen könnten. Deshalb brauchen wir die Idee einer Gesellschaft, die ihnen etwas zurückgibt - etwas ganz anderes, als sie in Japan oder den USA oder sonst wo bekommen würden. Das ist die Herausforderung für Europa.

Geht es auch konkreter? Was denn nun? Da lehnt sich der Guru zurück und sagt: So genau wisse er es auch nicht. Aber die Richtung sei klar. Und auch: dass die Rettung nicht durch eine Verfassung komme, die ein paar alte Männer schreiben. Überhaupt nicht von der Politik.

Jonas:

Europa sollte sich mehr auf seine großen Konzerne verlassen als auf seine Politiker. Die Konzerne müssen akzeptieren, dass sie eine Verantwortung nicht nur für ihr eigenes Wohlergehen haben, sondern auch für die Gesellschaften, in denen sie aktiv sind.

Das klingt naiv. Zu den Aktionären etwa von Daimler-Chrysler gehören Hedgefonds und Pensionskassen, deren Sorge nun wirklich nicht Deutschlands Zukunft ist.

Jonas: Heute kann der Staat nicht mehr so viel Steuern einsammeln, dass die Politiker Geld an Millionen verteilen können. Deshalb müssen die Unternehmen ihre Verantwortung akzeptieren. Ich glaube, sie werden es aus zwei Gründen tun: Die Talentierten wollen für eine Firma arbeiten, auf die sie stolz sein können. Und die Konsumenten wollen Produkte kaufen, für deren Hersteller sie sich nicht schämen müssen.

Ist es nicht das Ende der Demokratie, wenn nicht mehr Parlamente, sondern die Chefs großer Unternehmen über soziales Engagement entscheiden?

Kjell:

Natürlich haben die Politiker weiter die Macht, Gesetze zu erlassen. Unsere Vorstellung von sozialer Sicherheit muss sich aber ändern. Das Problem ist, dass Sicherheit heute etwas ganz anderes ist als früher. Sicherheit in unserer Zeit gibt etwa die Fähigkeit, die besten Professoren anzuziehen.

Von Kjells Garten sieht man über den Fluss auf die Insel Beckholmen. Da rotten alte Werftanlagen vor sich hin. Sie kann Kjell betrachten, wenn er im Winter seinen Pool auf 40 Grad heizt und sich die Schneeflocken auf den Kopf segeln lässt. Es ist eine verrückte Welt, die sie beschreiben. Und das Gewinner-Ambiente in Kjells edel und minimalistisch eingerichtetem Haus scheint ihnen Recht zu geben. Für die Verlierer, auch wenn sie weiter auf Mallorca Urlaub machen können, ist die Glücksindustrie da. Sie kümmert sich darum, dass den weniger stark nachgefragten Individuen nicht langweilig wird.

Jonas:

Die Leute bei Sony etwa sind mit all den netten, kleinen Sachen, die sie herstellen, im Glücksgeschäft. Wenn man mit ihnen redet, sagen sie, unsere größten Wettbewerber sind heute nicht mehr Samsung oder Siemens, sondern Alkohol und Drogen.

Die Macht haben nicht mehr die Kapitalisten, nicht die Gewerkschaften, nicht die Politiker - das Sagen haben die, die schlauer und produktiver als der Rest sind. Dass die Deutsche Bank ein paar Londoner Investmentbanker weit besser bezahlt als ihren Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann, finden sie nur folgerichtig. "Ronaldinho verdient auch mehr als sein Trainer, obwohl der der Boss ist." Nicht die mit den großen Titeln sahnen ab, sondern die mit den großen Talenten. Aber das ist anstrengend.

Eigentlich müssten wenigstens diese neuen Helden die glücklichsten Menschen sein. In Ihrem Buch schreiben Sie dagegen, viele Talentierte seien permanent erschöpft, hätten wenig Sex, wenig Schlaf.

Kjell: In unserer Zeit ist es Luxus, acht Stunden schlafen zu können - und nicht, ein großes Auto zu fahren. Ruhe ist Luxus.

Warum sagen diese Alleskönner nicht: Ich arbeite nur acht Stunden am Tag oder nur sechs Monate im Jahr?

Jonas:

Sie wissen, dass ihre Fähigkeiten nicht ewig gefragt sein werden. Es ist wie mit Milch: Es gibt ein Haltbarkeitsdatum.

Für Menschen?

Jonas:

Ja, auch für Menschen. Für uns. Vielleicht ruft in zwei Jahren keiner mehr an, und niemand kauft mehr unsere Bücher. Deshalb sagen wir heute zu, wenn uns jemand bittet, zu einem Auftritt nach London zu kommen.

Die Neuerfindung des Kapitalismus vergleichen Sie mit der Reformation. Wird sie, wie einst Luthers Thesen, zu einem bitteren Konflikt führen?

Jonas:

Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt. Aber es gibt viel Potenzial für einen Konflikt zwischen denen mit Fähigkeiten und Zugang zum Markt und denen, die nicht imstande sind, ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen.

Ihre Jobs an der Stockholmer Uni haben die beiden aufgegeben. Sie sind vielleicht 150 Tage im Jahr zu Hause. Auch wenn Nordström schon 47 Jahre alt ist und Ridderstråle immerhin 39, macht es ihnen Spaß, anders zu sein als der Rest. Niemals kopieren, lautet ihr oberstes Gebot. Immer anders sein. Jonas etwa plaudert locker darüber, dass seine Tochter neulich in einem Gucci-Laden ganz schrecklich gefurzt hat, um das dann allen noch mal mitzuteilen. Kjell, noch einen Tick extrovertierter, springt sofort in den Pool, als der Fotograf ihn darum bittet. Jeder ist seine eigene Marke, sagen sie. Jeder muss sich verkaufen. Da draußen finde eine Revolution statt.

Stefan Schmitz / print