HOME

Karriere und Familie: "Wir finden immer eine Lösung"

Nur wenige deutsche Unternehmen engagieren sich ernsthaft für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie - so wie der Outdoor- Ausstatter Vaude.

Von Catrin Boldebuck

Teilzeit, Vollzeit - Wolfgang Ungelert und seine Frau wählen sich die Arbeitsmodelle, wie es gerade zu ihrer Familiensituation passt. "Als meine Frau studierte, habe ich voll gearbeitet, anschließend hatten wir beide Ganztagsjobs, und nun arbeite ich halb", erzählt der 36-Jährige. Nur eines war für beide immer klar: Keiner bleibt ganz zu Hause. Zurzeit hat Wolfgang Ungelert seine Arbeitszeit drastisch reduziert, damit er ab mittags für die vier Kinder da sein kann. Er arbeitet im Produktmanagement beim Outdoor-Spezialisten Vaude in Tettnang am Bodensee. Seine Frau Antje von Dewitz, 35, macht derweil Karriere: Sie ist Marketingleiterin bei Vaude und übernimmt demnächst die Geschäftsführung des Unternehmens, das ihr Vater gegründet hat.

Flexible Arbeitszeiten sind kein Privileg

Kein Problem für den Ingenieur: "Ich bin zwar schon so erzogen worden: Der Mann ist der Ernährer der Familie. Aber Antje macht das auch ganz gut." Sie versucht, mittags mit den Kindern zu essen und Besprechungstermine nicht zu spät zu legen.

"Es gab viele Sitzungen, in die ich meine Kinder mitgenommen und gestillt habe", erzählt Antje. Sobald die Kinder größer sind, will auch Wolfgang wieder mehr arbeiten. Flexible Arbeitszeiten sind bei Vaude kein Privileg für den Schwiegersohn des Chefs, sondern völlig normal. In der Region am Bodensee herrscht Vollbeschäftigung, da müssen sich die Arbeitgeber etwas einfallen lassen, um attraktiv zu sein.

Viel Aufklärungsarbeit vonnöten

Personalleiter Helmut Norwat sagt: "Wenn ein Mitarbeiter zu mir kommt und sagt, dass er eine Zeit lang weniger arbeiten will, dann finden wir eine Lösung." Denn nur zufriedene Mitarbeiter seien produktive Mitarbeiter. Gerade hat er einen EDV-Experten eingestellt, der im Vorstellungsgespräch klarstellte: Ich brauche Zeit für meine Familie. Bei anderen Unternehmen wäre das Gespräch an dem Punkt zu Ende gewesen. Personalleiter Norwat machte dem EDV-Administrator ein Angebot: Bis zur Geburt seines Kindes im Dezember arbeitet er voll, dann geht er vier Monate in Elternzeit. Sobald sein Kind mit sechs Monaten einen Platz im Betriebskindergarten, dem Vaude-Kinderhaus, bekommt, steigt er wieder ein - mit einer 50-Prozent-Stelle. Der Mann hat unterschrieben.

Flexible Arbeitszeitmodelle wie bei Vaude sind in Deutschland selten. Nur etwa ein Drittel der Unternehmen in Deutschland kümmert sich ernsthaft um das Thema Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Gerade mahnte EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla zum wiederholten Male, Deutschland müsse endlich mehr dafür tun. Ute Lysk prüft und vergibt im Auftrag der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung das "Audit Beruf und Familie". Sie beobachtet: "Vor allem die Chefs kleiner Firmen fürchten, dass sie Drückeberger anlocken, die ihr Unternehmen ruinieren, wenn sie mehr Flexibilität zulassen." Von den 3,3 Millionen Unternehmen in Deutschland haben bisher gerade mal 600 das "Prüfsiegel" erhalten, das jährlich unter der Schirmherrschaft des Familienministeriums vergeben wird. "Da gibt es noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten", sagt Unternehmensberaterin Ute Lysk.

print
Themen in diesem Artikel