Kommentar Regierung besticht Ärzte - wir zahlen


Union und SPD hatten Angst, dass die niedergelassenen Ärzte gegen die Gesundheitsreform rebellieren. Also haben sie eine Art Schweigegeld bezahlt: 2,7 Milliarden Euro pro Jahr fließen zusätzlich in den Honorartopf. Dabei gehören Ärzte ohnehin zu den Spitzenverdienern.
Von Andreas Hoffmann

Zehn, 14 oder gar 20 Prozent mehr Lohn. Auf einen Schlag. Wer hätte das nicht gern? Wovon viele Arbeitnehmer nur träumen, die Ärzte haben es erreicht. Auf sie prasselt ein noch nie da gewesener Geldregen nieder. Knapp 2,7 Milliarden Euro erhalten sie nächstes Jahr mehr, was für jeden der 149.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten ein Plus von über 18.000 Euro pro Jahr bedeuten würde. Ob später tatsächlich so viel ankommt, ist unklar, weil das Honorarsystem kaum jemand durchschaut. Immerhin beziffern die Ärzte den Zuwachs auf durchschnittlich zehn Prozent. Außerdem gleichen sich die Honorare zwischen Ost und West stark an, künftig sollen West-Ärzte in der Regel nur sechs Prozent mehr verdienen als ihre Ost-Kollegen. Auch davon können viele Arbeitnehmer nur träumen. In der Regel liegen Ostgehälter um 20 Prozent unter denen des Westens.

Die Ärzte dürfen jubeln. Der Rest der Republik nicht. Er muss zahlen. Also Sie und ich, die Rentnerin und der Student, der Geringverdiener und die Familie. Für uns alle werden die Krankenkassenbeiträge im nächsten Jahr klettern, kräftig klettern. Das viele Geld fließt unnötig. Anders als die Funktionäre behaupten, verdienen schon jetzt niedergelassene Ärzte meist recht gut. Sie erhalten Geld nicht nur von Krankenkassen und Privatversicherungen. Sie bekommen es von Kommunen, Ländern und vom Bund, wenn sie Beamte behandeln, von der Renten-, Unfall- und Pflegeversicherung und auch direkt aus dem Geldbeutel des Bürgers, wenn sie Sonderleistungen anbieten. Unterm Strich liegt das Einkommen eines niedergelassenen Mediziners im Schnitt bei 126.000 Euro im Jahr, sagt das Statistische Bundesamt. Davon zahlen sie zwar noch Steuern, legen Geld fürs Alter und die Krankenversicherung beiseite. Ein hübsches Sümmchen bleibt dennoch übrig, viele Menschen tragen wesentlich weniger nach Hause, lag doch das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines Arbeitnehmers 2005 bei knapp 30.000 Euro.

Vorlage für Politikverdrossenheit

Natürlich verdient nicht jeder Arzt gut. Es herrschen große Unterschiede, zwischen den Fachrichtungen, zwischen Haus- und Fachärzten und zwischen den Regionen Deutschlands. Der Landarzt, der sich in der Uckermark aufreibt, erhält viel weniger als ein Orthopäde mit Praxis am Starnberger See. Auch das führt dazu, dass auf dem Land mancherorts die Ärzte fehlen. Doch statt diese Mängel gezielt anzugehen, gibt es für alle Mediziner mehr Kohle, auch für den Orthopäden am Starnberger See. Künftig kann er noch mehr Geld in Steuersparmodelle und schnelle Autos stecken, die Euros liefern Rentner und Arbeitslose.

Dass sich die Krankenkassen für dieses Treiben nicht hergeben und den Beschluss ablehnen, muss man loben. Aber die Kassen hatten keine Chance. Union und SPD sich früh auf den Geldregen verständigt. Weil sie Angst hatten. Sie hatten Angst davor, dass die Mediziner in ihren Wartezimmern Stimmung gegen die umstrittene Gesundheitsreform machen. Wobei die Bayern angesichts der nahenden Landtagswahl besonders viel Angst hatten. Deshalb haben sie die Ärzte gekauft. Den Preis zahlen wir alle. Eine bessere Vorlage für Politikverdrossene hat die Große Koalition schon lange nicht mehr geliefert.


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