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Die schlagfertigen Antworten fallen mir erst abends im Bett ein

Schüchternes Auftreten, bockige Fahrradschlösser und alberne Karaoke-Einlagen: Lächerlichkeit ist Alltag. Doch erst viel später kommen wir auf den kessen Spruch oder die lockere Antwort. Über Schlagfertigkeit mit Ladehemmung. 

Schlagfertig? Immer erst hinterher!

Schlagfertig? Immer erst hinterher!

Kennen Sie das? Man liegt nachts wach, weil man sich nicht gewehrt hat, als man angegriffen wurde – oder weil man zu feige war, als man mutig hätte sein sollen?

Ja, nachts fallen sie einem dann ein, die Reaktionen. Und man möchte am liebsten nachschießen, nachlegen "Hier meine souveräne – leicht verspätete- Reaktion!" Aber Schlagfertigkeit kennt keine Fristverlängerung. Und manchmal bin ich schüchterner, als ich zugebe.
So wie auf diesem Seminar neulich. Eine Woche waren wir in einem Hotel einquartiert, 60 vollkommen fremde, unterschiedliche Menschen, die zu verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Themen debattieren sollten. Am ersten Tag gab es mittags ein Buffet und Stehtische. Aber ich esse schlecht im Stehen, das stresst mich, ich kann es nicht genießen. Und als ich schon extra langsam an dem Tomate-Mozzarella-Spieß-Tablett stehe und mir von der Putenbrustplatte jedes Maiskorn einzeln auf den Teller lege, wird es nicht besser. Ich habe keine Ahnung, zu wem ich mich stellen soll. Ich lege mir noch ein paar Weintrauben an den Rand meines Tellers, von denen die meisten zu Boden kullern. Wieder etwas Zeit gewonnen – und Würde verloren – beim Aufheben. Und jetzt kommt das Traurige: ich nehme den Teller, schaue hilflos zwischen den Stehtischen und Gruppen hin und her – und fahre schließlich mit dem Aufzug runter, um allein auf der Bettkante in meinem Hotelzimmer zu essen. Das ist nicht arrogant oder gar "busy" – das ist pure Verklemmtheit, Schüchternheit, Dämlichkeit. Denn am nächsten Tag wird es nicht besser. Alle kennen sich bereits, Grüppchen haben sich gebildet – und ich esse auf dem Klo, eingesperrt in meiner Kabine. Darüber werde ich so traurig, dass ich die blöden Hackfleischbällchen (heute ist mir nur EINS vom Teller gerollt, als ich mich am Buffet bediente) in den Mülleimer schiebe, mit der Gabel, schwupp, mitsamt meinem Selbstbewusstsein.

Peinliche Alltäglichkeit

Die Nacht kann der schlimmste Feind des Selbstwertgefühls sein. Gerade an diesen Tagen, an denen alles schiefgelaufen ist.
Der Tee hat die Zunge verbrannt, die Handtasche ist an der Türklinke hängen geblieben, der Nagellack war noch nicht getrocknet, als man die Lieblingsbluse angezogen hat, die Kinder wollten lieber zum Papa auf den Arm, das hat so geklemmt, dass man mitten auf dem Opernplatz einen Wutausbruch bekam und mit verkrampftem Gesicht und verbogenem Bein versuchte, an dem Rad oder wahlweise Schloss zu ziehen – bis man das Rad aus Wut getreten und dabei ein Stöhngeräusch von sich gegeben hat, als ob man einen guten Aufschlag beim Tennis versuche. NavRADtilova. Aber das war kein Aufschlag. Es sah eher nach Ausschlag aus, weil mein Gesicht schon rot gefleckt war und mein Absatz sich beim Rangeln und Ringen mit dem Rad in den Speichen verkeilt hatte. Ich zog an meinem Bein, als ein Kollege mit einer – jedenfalls in dem Augenblick äußerst attraktiv erscheinenden männlichen – Gruppe in vornehmen Anzügen vorbeikam. Ich grüßte, am Boden liegend, niedergestreckt vom eigenen Fahrradschloss und mit dem Schlüsselbund wie ein Hundehalsband um den Nacken, würgelos und würdelos. Mein Ohrring hatte sich inzwischen beim Strampeln in meinem Schal verheddert und ich konnte den Kopf nur schräg nach links halten, weil der Schmuck am Ohrläppchen zog (früher ist mir sowas auch mal beim Knutschen passiert, da war ich mit einem tollen Mann auf seinem Sofa, als meine goldene Creole – das so ein kreisförmiger Ohrring, für die Männer unter uns – in seinem Nasenloch hängenblieb..., es hatte was von Wilhelm Busch, als ich ihm dann versehentlich die Nase lang zog, obwohl ich doch eigentlich seinen Hals küssen wollte). Der Opernplatz in Frankfurt ist ein viel besuchter Ort. Vor allem bei Sonne. An diesem Tag schien – zunächst (das sollte sich noch ändern, es war April) – die Sonne und ich winkte zaghaft vom Boden an mir vorbeispazierende Bekannte, während ich den Ohrring und den Schuh zu entknoten suchte... Dann hat die liebe Seele Schuh... Solche Schuhe bleiben auch gern immer im Kopfsteinpflaster hängen. Manchmal ist der Grat zwischen Glamour und Tollpatsch eben doch sehr schmal. Pumps oder Plumps.

Karaoke und andere Pannen

Später stürzte noch mein Computer im Büro ab, das bunte Rädchen drehte sich endlos auf dem Monitor (heute hatte ich definitiv ein Rad-Problem in jeglicher Hinsicht) und ich musste wieder einmal den IT-Mann anrufen und um Hilfe bitten. Als er kommt, ist die letzte aufgerufene Seite das Facebook-Profil eines Kollegen und ein Chat-Fenster mit von mir versendeten Selfies auf Facebook ist auf. "Ich hab was recherchiert..." sage ich kleinlaut zur Erklärung, als er meinen Bildschirm mustert. Erst kürzlich musste ich mein Büro-Handy bei unseren Computerexperten abgeben. Die IT hat jetzt jedenfalls alle meine whatsapp-Chats mit sehr fragwürdigen Videos (was einem Freunde halt so schicken, wenn sie betrunken sind), einem Gruselkabinett an Fotos und meinem eigenen Karaokegesang (ich wollte mal hören, wie ich so klinge und hatte letztens einen Freund gebeten, mich bei meinem Karaoke-Abend aufzunehmen, ausgerechnet bei Aerosmith, einem äußerst herausfordernden Song mit Höhen, Tiefen und viel Geschrei). Hätte ich lassen sollen! Wer solche Inhalte hört und sieht hat sicher keinen Respekt mehr vor der Frau Anwältin (die jedenfalls nicht nur Bilder von sich in einer Robe auf dem Telefon hat)! #notblessed #donotlovemylife Das Handy ist entblößender und entlarvender als ein Tagebuch (auch übrigens nicht vergessen, dass Menschen, die im Zug oder Flieger hinter einem sitzen, mitlesen können, wenn man sülzige Liebesnachrichten, übertriebene Wutausbrüche oder Nacktfotos versendet, Geschlechtskrankheiten googelt oder Kontodaten eingibt... nur ein kleiner Hinweis! Ich habe nämlich schon so Einiges auf den Displays vor mir gelesen und gesehen, das gewiss nicht für meine Augen bestimmt war)

Ja, im Suff überschätzt man sich leicht. Und wenn man nüchtern wachliegt, kommen die ganzen Zerfleischungsgedanken wieder. Wie hätte ich die Situation am Fahrradschloss cooler meistern können? Warum habe ich mich gestern auf der Veranstaltung nicht getraut, diese tolle Rednerin anzusprechen? Was hätte ich meinem Kollegen erwidern sollen, der sich so abfällig über Teilzeitmuttis geäußert hat?

Durchstreichen und weitergehen, so sollte man es handhaben. Ich habe mir jetzt jedenfalls ein Zahlenschloss für mein Fahrrad gekauft. Und wenn ich nicht einschlafen kann, lese ich mir einfach ein paar gute Witze durch. Vielleicht passt ja irgendwann mal einer, wenn ich wieder schlagfertig sein muss.

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