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Lehrstellenmangel: Ene, mene, muh - draußen bleibst du

Ausbildungsplätze werden rar - in diesem Jahr sind bisher 51.000 Lehrstellen weniger als im Vorjahr gemeldet. Ob die viel diskutierte alternative Zwangsabgabe wirklich die Lösung des Problems wäre, ist fraglich.

Die Krise auf dem Lehrstellenmarkt spitzt sich nach Angaben von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) zu. Derzeit gebe es bei einer etwa gleich hohen Zahl von Schulabgängern 51.000 betriebliche Ausbildungsstellen weniger als 2002, sagte sie der in Hannover erscheinenden 'Neuen Presse'. "Die Situation ist kritischer als in den Vorjahren", sagte Bulmahn. Allerdings sagten die aktuellen Zahlen noch nicht viel über das Endergebnis am Jahresende aus.

Die Ministerin wies darauf hin, dass viele Betriebe ihre Lehrstellen erst später meldeten. Bulmahn appellierte an die Betriebe, ihre Verantwortung zur Ausbildung wahrzunehmen: "Wenn nur ein Bruchteil der über 500.000 ausbildungsfähigen, aber tatsächlich nicht ausbildenden Unternehmen in Deutschland Ausbildungsplätze bereitstellen würde, hätten wir kein Ausbildungsproblem."

Müntefering setzt Betriebe unter Druck

SPD-Fraktionschef Franz Müntefering hatte am Montag ebenfalls die Wirtschaft aufgefordert, jetzt mehr Ausbildungsplätze anzubieten und damit nicht erst bis zum Jahresende zu warten. "Der gesetzliche Stichtag für die Lehrstellenbilanz ist der 30. September", sagte Müntefering der dpa in Berlin. Sollten die Unternehmen bis dahin nicht von selbst ausreichend Ausbildungsplätze schaffen, "werden wir gesetzlich handeln". Dazu sei die SPD-Bundestagsfraktion "wild entschlossen". Er spielt damit auf die viel diskutierte Zwangsabgabe für die Unternehmen an, die nicht ausbilden.

Der Präsident des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven, sieht das anders. Die Situation sei bei weitem nicht so schlecht wie befürchtet. Ende September würden voraussichtlich nur noch 20.000 bis 30.000 Lehrstellen fehlen, sagte Ohoven am Dienstag im DeutschlandRadio Berlin. Wenn die Bundesregierung dennoch eine Ausbildungsplatzabgabe einführen wolle, werde sich der Mittelstand mit allen Mitteln dagegen wehren.

Vor allem kleine Betriebe würden bestraft, die auf Grund der wirtschaftlichen Lage vorübergehend weniger Ausbildungsplätze anbieten könnten, argumentierte Ohoven. Große Unternehmen dagegen könnten sich freikaufen. Zudem sei die Vergütung der Lehrlinge in einigen Branchen zu hoch. Dies mache es gerade Kleinunternehmern fast unmöglich, Ausbildungsplätze anzubieten.

Handelskammern werben bei Betrieben

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, hatte zuvor angekündigt, die Wirtschaft werde bis Jahresende zusätzliche Lehrstellen schaffen. Müntefering sagte dazu: "Die Botschaft ist nicht zureichend." Die nachträgliche Vermittlung von Jugendlichen auch nach Beginn des neuen Ausbildungsjahres sei zwar grundsätzlich richtig. Im Mittelpunkt müsse jedoch zunächst das Ziel stehen, bereits zum regulären Stichtag 30. September eine vernünftige Lehrstellenbilanz vorzulegen.

Nach Worten Brauns haben die Industrie- und Handelskammern seit Jahresbeginn rund 300 000 Betriebe in Deutschland angesprochen. Der DIHK-Präsident: "Trotz des konjunkturellen Gegenwinds konnten knapp 10 000 neue Ausbildungsbetriebe gewonnen und 18 000 neue Ausbildungsplätze geschaffen werden."

Vergütungssenkung wäre "ein Hohn"

Der Präsident der Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, sprach sich ebenfalls dafür aus, Möglichkeiten zur Senkung der Lehrlingsvergütung zu schaffen. Wenn Betriebe einmalig zusätzlich Ausbildungsplätze anböten, dann müssten sie dies in Einzelfällen und mit Einverständnis der Belegschaften tun können.

Der DGB wies dies in scharfer Form zurück: Hundts Vorstoß sei ein Hohn für die 30 Prozent der Firmen, die bereits jetzt ausbildeten, sowie "für all jene Jugendlichen, die teilweise für 200 Euro monatlich mit viel Engagement in die Betriebe gehen", sagte DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock der 'Berliner Zeitung'. Der Lehrstellenmangel sei ein "wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Skandal, den den Funktionäre des Arbeitsgeberlagers mit ihrem larmoyanten Gerede vertuschen wollen".