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Metaller-Warnstreiks: "Plus ist Muss"

Vor der neuen Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie am Donnerstag hat die IG Metall ihre Warnstreiks massiv ausgeweitet. Die 100.000 Streikenden in über 600 Betrieben sollen der Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn Nachdruck verleihen.

Am Montag um 3.00 Uhr stehen die Bänder still. Eigentlich werden im DaimlerChrysler-Werk in Düsseldorf Transporter produziert, 30 in der Stunde. Jetzt aber legen die Beschäftigen drei Stunden vor Schichtende ihre Arbeit nieder, die meisten gehen nach draußen vor das Tor 3. Nach dem Ende der Friedenspflicht in der Metall- und Elektroindustrie und ersten Arbeitsniederlegungen am Wochenende in anderen Bundesländern haben nun auch in Nordrhein-Westfalen Warnstreiks begonnen. Insgesamt 100.000 Arbeitnehmer in rund 600 Betrieben wollen sich nach IG-Metall-Angaben in der laufenden Woche daran beteiligen.

Wollen einen "großen Batzen"

Der wirtschaftliche Aufschwung dürfe nicht nur in den Vorstandsetagen ankommen, sondern auch bei den Kollegen in den Betrieben, ruft der Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen, Detlef Wetzel, den mehreren hundert Arbeitern zu. Um 20 Prozent seien die Einkommen der Manager der DAX-Konzerne im vergangenen Jahr gestiegen. Die versammelte Nachtschicht quittiert dies mit schrillen Pfiffen. "Einen großen Batzen von diesem Anteil wollen wir in den Tarifverträgen sehen", fordert Wetzel. Die Metaller haben Fackeln angezündet und Transparente ausgerollt mit der Aufschrift "Plus ist Muss" und "6,5 Prozent müssen her, das ist fair!"

Das Angebot der Arbeitgeber für eine lineare Gehaltserhöhung um 2,5 Prozent nennt Wetzel "eine Unverschämtheit, für diejenigen, die die Leistung erbracht haben". Dem einmaligen Konjunkturbonus von 0,5 Prozent erteilt er eine Absage, genauso wie einer Flexibilisierung des Weihnachtsgelds. Stattdessen seien "stabile Einkommenserhöhungen" angebracht, denn die Preise würden nach einem Jahr ja auch nicht wieder fallen. Die Arbeiter jubeln.

Arbeiter wollen an Gewinnen beteiligt werden

In der Belegschaft gibt es eine große Erwartungshaltung. Die Arbeitnehmer wollen an den Gewinnsteigerungen ihres Unternehmens beteiligt werden. Das sei ihr gutes Recht, sind sie überzeugt. Karsten Hibel (43) arbeitet seit fast 25 Jahren in der Produktion bei DaimlerChrysler. Er sagt: "Die Konjunktur ist gestiegen, da können wir doch auch etwas abbekommen."

Der Betriebsratsvorsitzende Thomas Weilbier weist darauf hin, dass gerade das Werk in Düsseldorf besonders gut dastehe: "Wir produzieren auf vollen Touren, fahren eine Sonderschicht nach der anderen." Deshalb sei das Angebot der Arbeitgeber auch im Hinblick auf die günstigen Konjunkturprognosen zu gering. "Wir werden bis zum Äußersten gehen, wenn die Warnstreiks nicht ausreichen, müssen wir uns andere Instrumente überlegen", stellt Weilbier klar. Gleichwohl könne man mit dem Unternehmen auch darüber reden, den Produktionsrückstand wieder aufzuholen. Aber erst, wenn ein akzeptabler Tarifabschluss unter Dach und Fach sei.

Vier vor dem Komma

"Man hätte mehr fordern sollen, mindestens acht Prozent", sagt Heiko Haferkamp (32), der seit 14 Jahren im Betrieb ist. Um eine größere Verhandlungsbasis zu haben, und damit am Ende für ihn und seine Familie auch genug dabei herauskommt. Er hofft auf ein schnelles Ende des Tarifkonflikts, aber so ganz mag er nicht daran glauben.

In Baden-Württemberg wird am Donnerstag weiterverhandelt, laut Medienberichten soll dort der Durchbruch auch für andere Bezirke angestrebt werden. Über den Ausgang mag der IG-Metall-Verhandlungsführer Wetzel nicht spekulieren. "Wenn man in Verhandlungen geht, muss man am Ende immer einen Kompromiss akzeptieren", sagt er. Eine Vier vor dem Komma, das ist für viele die Schmerzgrenze. Wenn es nicht zu einem Kompromiss komme, drohe der Tarifstreit zu eskalieren, warnt Wetzel. "Die Arbeitgeber müssen sich bewegen."

Sebastian Erb/DDP / DDP