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IG Metall-Gewerkschaftstag: Geschlossene Gewerkschaft

Mit nahezu sozialistischen Ergebnissen hat die IG Metall in Leipzig ihren neuen Vorstand gewählt. Der neue Gewerkschaftschef Berthold Huber bekam knapp 93 Prozent der Stimmen - und war darüber selbst am meisten überrascht.

Von Lars Radau, Leipzig

Leipzig, hat Berthold Huber kürzlich einem Reporter erzählt, habe ihn tief geprägt. Gleich nach dem Fall der Mauer schickte ihn der damalige IG-Metall-Chef Franz Steinkühler als Aufbauhelfer in den Osten, um Gewerkschaftsstrukturen um- und aufzubauen. Gegen teilweise rabiaten Widerstand organisierte er gewerkschaftliche Wahlen, brachte den Bezirk Sachsen in den Nachwendewirren auf Kurs und in Fahrt. Auch wenn das Intermezzo aus privaten Gründen schnell wieder endete - noch heute, sagt Huber von sich, "sei er viel mehr ein 89er als ein 68er".

Grandioses Ergebnis

An diesem Vormittag revanchiert sich die Stadt. Nicht nur der 57-jährige Huber, sondern alle wahlberechtigten Delegierten des Gewerkschaftstages halten die Luft an, als Versammlungsleiter Markus Eulenbach das Ergebnis verkündet. 462 von 499 Stimmen - das sind fast 93 Prozent Zustimmung für den neuen Ersten Vorsitzenden der größten Einzelgewerkschaft Europas. Huber nickt, hinter seiner dünnen Brille schimmert es kurz. Unter rhythmischem Klatschen und stehenden Ovationen der Gewerkschafter geht er hinter das Mikrofon, um seine Wahl aufzunehmen. Mit gerührter, leicht wackeliger Stimme verkündet er, dass er dieses Ergebnis als klares Bekenntnis der IG Metall werte, "einmütig und geschlossen" aufzutreten. Das verstehe er gleichzeitig als Auftrag. "Und das ich den mit all meiner Kraft umsetze - darauf könnt ihr euch verlassen."

Dabei hatte nie in Frage gestanden, dass der gelernte Werkzeugmacher ein gutes Ergebnis bekommen würde. Seine heutige Wahl ist auch Teil eines Burgfriedens, den Huber mit seinem Vorgänger Jürgen Peters schließen musste. Als es 2003 um die Nachfolge des Gewerkschaftschefs Klaus Zwickel ging, hatte der Machtkampf zwischen linken Traditionalisten um Peters und liberaleren Modernisierern, zu denen Huber gezählt wird, die IG Metall fast zerrissen. Zwickel konnte seinen Wunschkandidaten Huber im Vorstand nicht durchsetzen - und so einigte der sich mit seinem Kontrahenten Peters darauf, für die kommenden vier Jahre in die zweite Reihe zu treten. Mit der klaren Perspektive, dann den Vorsitz zu übernehmen.

Zeit der Grabenkämpfe ist vorbei

Dass seine Wahl jetzt allerdings derartig einmütig ausfällt, überrascht Huber offenbar selbst am meisten. Noch immer sichtlich gerührt verlässt er das Podium - und verschwindet im Pulk der bereits Schlange stehenden Gratulanten. Der erste ist Jürgen Peters - nicht nur der Höflichkeit halber. In den vergangenen vier Jahren hatten sich die beiden nach "zugegebenermaßen schweren Stürmen", wie es der scheidende Vorsitzende in seiner Abschiedrede beschrieb, zusammengerauft und gemeinsam "konstruktive Arbeit" geleistet.

Dass die IG Metall aus der Krise und den Zeiten der Grabenkämpfe herausgefunden hat, wollen die Delegierten heute offenbar um jeden Preis unter Beweis stellen. Auch Hubers künftiger Stellvertreter Detlef Wetzel, bislang Vorsitzender des mächtigen Gewerkschafts-Bezirks Nordrhein-Westfalen, und der neue alte Hauptkassierer Bertin Eichler werden mit fast sozialistischen Ergebnissen gewählt. Wetzel, der ebenso wie Huber als Modernisierer gilt, erhält 87,4 Prozent der Stimmen, Kassenwart Eichler sogar 96,6 Prozent. Und die 29 ehrenamtlichen Vorstände wählt der Gewerkschaftstag der Einfachheit halber im Block per Handzeichen - natürlich einstimmig.

"Neuen Zielgruppen zuwenden"

Die Erwartungen an die neue Führung sind groß. Einige seiner Schwerpunkte hatte Huber schon lange vor der Wahl in etlichen Interviews kommuniziert, morgen wird er sie laut Programm in einem "Zukunftsreferat" noch einmal detailliert ausbreiten. Huber und Wetzel treten an, den Mitglieder- und Bedeutungsschwund der IG Metall zu stoppen. Bereits im kommenden Jahr, sagt Huber, solle wieder die "schwarze Null" erreicht sein - die Zahl der Austritte sich also mit der Zahl der Neueintritte zumindest die Waage halten. Gleichzeitig müsse die IG Metall sich auch zunehmend "neuen Zielgruppen zuwenden". Denn der typische Arbeiter, der mit einem Haupt- oder Realschulabschluss einfache Tätigkeiten verrichte, sei eine immer seltener werde Spezies. Gleichwohl gebe gerade unter den Zeitarbeitern noch ein "großes Mobilisierungspotenzial".

Folgt man Jens Köhler, hat Huber auch diese Erkenntnis aus Leipzig. Der neue Vorsitzende, erzählt der Betriebsratschef des Leipziger BMW-Werks, habe vor etwa anderthalb Jahren an einer Vertrauensleutekonferenz im Werk teilgenommen. Und habe dort plastisch vor Augen geführt bekommen, "dass fast die Hälfte der Kollegen am Band für die gleiche Arbeit deutlich weniger verdienen" - weil sie von Zeitarbeitsfirmen entsandt sind. Neben dem Impuls, an dieser Situation etwas zu ändern, bewegen Huber auch ganz grundlegende taktische Erwägungen. "Eine Gewerkschaft braucht einfach viele Mitglieder", betont er, "nur dann wird sie ernst genommen und ist fähig zur Auseinandersetzung."

2008 wird ein "Megatarifjahr"

Die, ist Huber sicher, kommt im nächsten Jahr auf die Gewerkschaft zu. "2008 ist ein Megatarifjahr", hatte er bereits zum Auftakt des Gewerkschaftstages verkündet. So laufe etwa im Oktober der Metalltarifvertrag aus. "Das wird ein großes Stück Arbeit", schwört Huber die Delegierten ein. Für das die Gewerkschaft eben auch auf Einmütigkeit und Geschlossenheit angewiesen ist.

An Olivier Höbel soll das jedenfalls nicht scheitern. Der Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen ist ebenfalls sichtlich zufrieden mit dem Wahlergebnis. "Es manifestiert für mich auch den Willen, sich voll in die inhaltliche Arbeit zu stürzen", betont er. Dass es mit den neuen Gesichtern an der Spitze dabei auch eine deutlich spürbare Kursänderung geben werde, glaubt Höbel nicht. "Mit etwas mehr Flexibilität, die ja sowohl Huber als auch Wetzel zugeschrieben wird, lässt sich auch schon eine ganze Menge erreichen."