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Paketbote erzählt von "Sklavenarbeit": Die dunkle Seite des Päckchenwahnsinns

Päckchen bestellen ist leicht, Pakete austragen nicht: Sven Mertens schuftete neun Jahre für UPS und GLS, heute ist sein Rücken kaputt und sein soziales Umfeld auch. Einblicke in eine kranke Branche.

Von Daniel Bakir

Sven Mertens fuhr neun Jahre lang Pakete für UPS und GLS im Raum Hamburg aus

Sven Mertens fuhr neun Jahre lang Pakete für UPS und GLS im Raum Hamburg aus

Für die Paketdienste geht es in diesen Tagen in den Endspurt. Jeder zweite Deutsche kauft Weihnachtsgeschenke online und nicht wenige erst auf den letzten Drücker. Wir sind es mittlerweile einfach gewohnt, per Mausklick zu ordern und unseren Kram ein, zwei Tage später vorbeigebracht zu bekommen.

Den Preis für unsere Bequemlichkeit zahlen andere. Die Paketboten, die sich für wenig Geld den Rücken krumm machen: Es geht nicht um diejenigen, die die Post zu ordentlichen Löhnen unbefristet beschäftigt. Sondern um die Arbeitssklaven, die man jederzeit mit einem Arschtritt auf die Straße setzen kann, weil sie befristete Verträge haben. Die von Subunternehmern zu Niedrigstlöhnen ausgebeutet werden, bis der Rücken nicht mehr mitmacht. Oder das Leben insgesamt nicht mehr.

15-Stunden-Tage vor Weihnachten

Sven Mertens ist einer von ihnen. Neun Jahre schuftete er als Paketfahrer, erst für einen Subunternehmer von GLS, dann für den Konkurrenten UPS. Der "Subi", wie Mertens seinen ersten Chef nennt, hielt nicht viel von geregelten Arbeitszeiten und anständiger Bezahlung. In der Vorweihnachtszeit ließ er Mertens jeden Tag von 5 bis 20 Uhr arbeiten, Pausen waren nicht vorgesehen. Am Monatsende gab es einen Lohn von 1600 Euro brutto. Auf Beschwerden regierte der Chef etwa so: "Sven, du bist ein Sklave und als Sklave kannst du nur erschossen oder verkauft werden." Diesen Spruch bekommt Mertens bis heute nicht aus dem Kopf.

Sechs Jahre machte Mertens das mit, dann ging er zu UPS, wo er für die gleiche Plackerei immerhin mehr Geld bekam. Rund 2000 Euro netto seien im Monat herausgesprungen, sagt Mertens. Die Bedingungen aber waren kaum besser. Die Arbeitszeit wurde zwar über ein mobiles Gerät elektronisch erfasst. Doch wenn die Schicht rum war, aber noch Pakete im Wagen, dann stellte Mertens eben die Zeiterfassung aus.

Unbezahlte Überstunden waren immer noch besser, als dem Chef mit nicht-ausgelieferten Paketen unter die Augen zu treten, erzählt Mertens. 50-Stunden-Wochen waren nichts Ungewöhnliches, manchmal auch deutlich mehr. Auf bis zu 200 Stopps für Paketabholungen und - lieferungen kommt er pro Schicht. Die Pakete wiegen bis zu 70 Kilo.

Vom Chef rausgemobbt

Mertens machte die Plackerei mit, auch weil er hoffte, in der Hierarchie aufzusteigen. Seine Vorgesetzten aber wussten ihn klein zu halten. Als Mertens' Mutter an Krebs erkrankte, beantragte er drei Wochen Urlaub, um Zeit für sie zu haben. Die Zusage für den Urlaub aber hatte er nur mündlich. Als es soweit war, sollte er doch arbeiten, erst nach großem Hickhack bekam Mertens frei. "Ich hätte von meinem Chef mehr Menschlichkeit erwartet", klagt Mertens an. Ein unglücklicher Zufall machte alles noch schlimmer: Im Anschluss an seinen Urlaub lag Mertens wegen Krankheit zwei Wochen flach und konnte nicht arbeiten. Jetzt ist er beim Chef endgültig unten durch.

Von da an, so erzählt Mertens, habe der Chef alles versucht, ihn aus der Firma zu mobben. "Ich mach dir das Leben zur Hölle", habe er Mertens gesagt. Jeder noch so kleine Vorwand sei für eine Abmahnung genutzt worden. Irgendwann gab Mertens auf - entnervt, ausgebrannt und mit kaputtem Rücken. "Der Job hat mich fertig gemacht", sagt der 35-Jährige. Auch sein soziales Umfeld übersteht den Stress nicht ohne Brüche. Die Beziehung geht kaputt, für Freundschaften bleibt keine Zeit und für Hobbys auch nicht. "Nach der Arbeit mal im Park eine Runde Fußball spielen, das habe ich zeitlich einfach nicht geschafft", sagt Mertens.

Derzeit macht Mertens eine Umschulung. Pakete austragen, das kann er sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen.

Nachtrag, 22. Dezember: UPS möchte darauf hinweisen, "dass die in dem Artikel zitierten Arbeitsbedingungen nicht die allgemeine Situation bei UPS widerspiegeln".

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