Reform der Arbeitsmarkt-Reform "Gift für den Arbeitsmarkt"


Seit Wochen streiten Politiker über eine Reform des Arbeitslosengeldes. Berufsforscher sind hingegen sicher: Eine solche Reform richtet mehr Schaden als Nutzen an. Zu diesem Ergebnis kommen sie in einer neuen Studie.
Von Brigtte Zander

Wir brauchen keine Reform der Reform. Das ist das Fazit einer Untersuchung von Wissenschaftlern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Während Politiker seit Wochen über die Zukunft der Arbeitslosen ihre Profilierungskämpfe austragen, sind die Fachleute längst überzeugt: "Die Mehrheit der älteren Arbeitnehmer will nicht alimentiert werden, sondern eine aktive Rolle in der Berufswelt spielen". Arbeitsmarkt-Forscher des IAB in Nürnberg haben die Folgen der verknappten Transferleistungen auf die Beschäftigung genau beobachtet und analysiert. Durch die Reformen der Agenda 2010 "wurden die negativen Arbeitsanreize einer langen Bezugsdauer verringert", heißt es in ihrer Studie "Transfer - ist weniger mehr?"

Bei längeren Sozial-Zahlungen nehmen sich viele Betroffene Zeit und suchen nach einem idealen Wunsch-Arbeitsplatz. Bei kürzer befristeten Zahlungen von 12 bis 18 Monaten steigt die Neigung, auch ungeliebtere Jobs anzunehmen, wissen die Forscher der IAB. Folglich warnen sie vor einem Aufweichen der Agenda 2010, "weil damit die Anreize zur Arbeitsaufnahme wieder sinken würden".

"Vorschläge sind Gift für den Arbeitsmarkt"

Zu den Mitarbeitern der Studie aus dem Jahr 2006 gehörte auch der IAB-Vizedirektor Ulrich Walwei, der jetzt im stern-Gespräch sagte: "Die Vorschläge zur verlängerten Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes sind populär, aber Gift für den Arbeitsmarkt."

Die Arbeitslosenquote der 50-plus- Generation ist innerhalb eines Jahres, von September 2006 bis September 2007, von 1,1 Millionen auf rund 900.000 gefallen. Diese Erfolgsstory fußt natürlich auf dem konjunkturellen Aufschwung, aber auch auf den Anreizeffekten der Agenda-2010. Da ist man sich beim IAB sicher.

Enorme Frühverrentungswellse

Heute liegt die Bundesrepublik bezüglich der Höhe und Dauer der Transferleistungen für Arbeitslose im europäischen Mittelfeld. Früher rangierte sie im internationalen Vergleich in der Spitzengruppe. Aber dafür lag Deutschland bei der Erwerbsquote der "Silver Ager" ziemlich am Ende. Die Nürnberger Forscher monieren in ihrer Studie: "Besonders die sehr lange Bezugsdauer von Arbeitslosengeld (bis zu 32 Monaten) bei älteren Arbeitslosen" habe zu einer enormen Frühverrentungswelle geführt.

"Eine Vergeudung von Humankapital", nennt Martin Dietz, wissenschaftlicher Referent im IAB, die Ausgrenzung der älteren Arbeitnehmer. Auf die Erfahrung der altbewährten Beschäftigten könne die Wirtschaft, besonders angesichts der drohenden Personalknappheit, in Zukunft nicht verzichten. Das allseits beliebte Abschieben der "Altlasten" auf Kosten der allgemeinen Sozialversicherungs¬systeme wurde erst durch die Reformen der Schröder-Regierung erschwert. Ulrich Walwei begrüßt das: "Ältere Arbeitnehmer gehören in den Arbeitsmarkt".

In der Warteschlange der Jobsuchenden

"Tut man den Menschen überhaupt etwas Gutes, wenn man sie länger alimentiert?", fragt der Arbeitsmarkt-Experte Dietz. Denn Untersuchungen haben gezeigt, dass der Wiedereinstieg ins Berufsleben immer schwerer wird, je länger die Arbeitslosigkeit dauert. "In der Warteschlange der Jobsuchenden rutschen sie immer weiter nach hinten". Statt Arbeitslose mit mehr Geld abzufinden, sollte man die Anstrengungen verstärken, "sie in Arbeit zu bringen oder sie dort zu halten", sagt Dietz.

Nicht nur bei der Vermittlung, auch innerbetrieblich gibt es noch viele offene Baustellen. Es bestehe Nachholbedarf bei betrieblicher Weiterbildung, altersgerechter Gestaltung der Arbeitsplätze und der Gesundheitsvorsorge, mahnen die Berufsforscher. Das Herumbasteln an der Reform der Arbeitslosenversicherung halten IAB-Wissenschaftler grundsätzlich für eine "verkehrte Entwicklung". "Wenn man die Wahl hat zwischen einem Aufweichen der Reformen oder einer Senkung des Arbeitslosenbeitrags, plädieren wir für das letztere, zugunsten einer vorausschauenden Arbeitsmarkpolitik", betont Dietz.


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