Sozialmagazin "Keine Eintagsfliege"


Hilfe zur Selbsthilfe: Beim fränkischen Sozialmagazin "Straßenfeger" arbeiten Kranke, Arbeits- und Obdachlose. Und das mit vollem Erfolg. Die Zeitung erfreut sich größter Beliebtheit.

20 Jahre lang hatte Klaus-Peter Bartsch für die Kantine des Auswärtigen Amtes in Bonn gearbeitet. Durch seine Tätigkeit kam er immer wieder in Kontakt mit den Größen der deutschen und internationalen Politik - bis er nach einem Bandscheibenvorfall seinen Job verlor. Wie bei vielen anderen Schicksalsgenossen begann sein Abstieg auf der gesellschaftlichen Leiter bis zur Sozialhilfe. Als Bartsch nach Nürnberg zog, fand er dort eine Möglichkeit, sein Leben neu zu gestalten: als Verkäufer des "Straßenkreuzers". Das fränkische Sozialmagazin feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen.

Ein anspruchsvolles journalistisches Produkt, Verdienstmöglichkeit für sozial Ausgegrenzte und die Förderung des Dialogs in der Gesellschaft - das alles steckt hinter der Idee der sozialen Straßenzeitungen. Sie schwappte Anfang der 90er Jahre von Amerika über England nach Deutschland. Das Motto lautet: "Hilfe zur Selbsthilfe". Menschen wie Klaus-Peter Bartsch, die von Krankheit, Arbeits- und Wohnungslosigkeit betroffen sind und aus eigener Kraft die Armutsfalle nicht überwinden können, soll eine Alternative zum Betteln geboten werden und die Möglichkeit, wieder den Anschluss an die Gesellschaft zu finden.

Bunt gemischte Leserschaft

"Der Verkauf ist eine hervorragende Kommunikationsmöglichkeit zwischen Menschen, die sonst nie miteinander reden würden", sagt Ilse Weiß, Chefredakteurin und einzige hauptamtliche Mitarbeiterin des Magazins. Davon kann Klaus-Peter Bartsch ein Lied singen. Er zählt Kinder, Hausfrauen und Rentner ebenso zu seinen Stammkunden wie Professoren und Landtagsabgeordnete. Das Zubrot macht es ihm möglich, ein einigermaßen annehmliches Leben zu führen. Unter anderem wird ihm von einem Käufer eine kleine Mietwohnung zur Verfügung gestellt, sonst ein häufig aussichtsloses Unterfangen für Arme und Obdachlose.

Für 60 Cent pro Heft können alle, die von Sozialhilfe leben, den Straßenkreuzer erwerben und im Gegenzug 90 Cent des Verkaufserlöses behalten. "Im Grunde genommen kommt das Konzept der Ich-AG von uns", merkt Weiß süffisant an. Ursprünglich war der Verkauf allerdings eher als Übergangslösung gedacht, um Menschen in Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern und damit wieder in Lohn und Brot zu bringen. Heute sind die Kunden zwar da, aber keine Arbeitsplätze, die sie anbieten könnten. Angesichts der steigenden Verkäuferzahlen gerade unter den Jüngeren ist das Magazin für viele zu einer dauerhaften Einnahmequelle geworden.

Soziale Themen, die von anderen Medien nicht beachtet werden

Der Straßenkreuzer wird von professionellen Journalisten, Fotografen und Grafikern ehrenamtlich und gemeinsam mit den Obdachlosen erstellt. Sie greifen soziale Themen auf, die in anderen Medien keinen Platz finden würden. In der Schreibwerkstatt können Interessierte unter den rund 50 Verkäufern ihre ersten journalistischen Erfahrungen sammeln. So initiierten sie schon Ende Februar eine Umfrage zur Gesundheitsreform, aus der hervorging, dass Arme und Obdachlose aus Angst vor Praxisgebühr und Medikamentenzuzahlungen kaum noch zum Arzt gehen. Ein Ergebnis, das nun auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung bestätigt hat.

Das Sozialmagazin trug noch bis vor kurzem den Untertitel: "Frankens Magazin für Menschen in sozialer Not". Mit der Namensänderung wollen die Herausgeber mit dem Vorurteil aufräumen, dass der Straßenkreuzer eine reine Wohlfahrtsangelegenheit sei. "Wir wollen nicht Seiten mit Leid und Gejammer füllen" betont Ilse Weiß. Themen aus der regionalen Kulturszene sind ebenso gefragt wie Geschichten, die unterhalten und Menschen aus anderen Schichten miteinbeziehen.

Bekanntheitsgrad steigt stetig

Auf Grund der thematischen Vielfalt ist mit der Zeitschrift auch ihr Bekanntheitsgrad gewachsen. Für den Erfolg spricht nicht zuletzt die Auflage, die sich in den letzten zehn Jahren auf mehr als 20 000 verdoppelt hat. Mittlerweile empfiehlt sogar das Sozialamt Arbeitslosen, den Straßenkreuzer zu verkaufen. Von dem Magazin profitieren nicht nur die Verkäufer, sondern auch die Kunden. Studenten machen den Straßenkreuzer zum Thema ihrer Hausarbeiten, Schüler diskutieren die Artikel im Sozialkundeunterricht. Ein Pfarrer soll sogar einen Comic als Grundlage für seine Predigt verwendet haben. Zeichen, die die anfängliche Hoffnung der Macher bestätigen: "Der Straßenkreuzer soll keine Eintagsfliege werden."

Martin Dörner/DPA DPA

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