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Stress, Überarbeitung, Tod: Sie arbeiten mehr als 39 Stunden pro Woche? Dann kann der Job tödlich sein

Überstunden, Stress - und ein Smartphone, das dauerhafte Erreichbarkeit signalisiert: Wir schuften bis zum Umfallen. Die 39-Stunden-Woche scheint ein Relikt vergangener Tage. Eine gefährliche Entwicklung, denn diese Arbeitsweise kann das Leben verkürzen.

Arbeiten bis zum Umfallen?

Arbeiten bis zum Umfallen?

Getty Images

Die Mail von Justin Kwan war 2015 berüchtigt unter den Praktikanten der britischen Bank Barclays. Unter der Betreffzeile "Willkommen im Dschungel" macht er den Neuankömmlingen von der Uni klar, dass "die Spielzeit zu Ende" sei. "Willkommen in der höheren Liga, liebe Jungen und Mädchen". Praktikanten seien diejenigen, die als letztes das Büro verlassen würden. Sich ein Kissen mitzubringen, sei ratsam. "Es macht das Schlafen unter dem Schreibtisch sehr viel komfortabler...", so der Ratschlag. Als ein Praktikant für ein Familienfest ein Wochenende frei haben wollte, wurde ihm gesagt, dass er gehen könne. Den Schreibtisch habe er zu räumen, das Telefon sollte er abgeben. 

Eigentlich war die nicht-autorisierte Mail als etwas sarkastischer Witz gedacht. Gelacht habe keiner, so Peter Fleming, der sich in seinem Buch "The Death of Homo Economicus: Work, Debt and the Myth of Endless Accumulation" mit der enormen Arbeitsbelastung in einigen Firmen auseinandersetzt. Damals war es kaum zwei Jahre her, dass ein 21-jähriger Praktikant nach 72-Stunden Dauerarbeit bei der Bank of America verstarb.

39 Stunden pro Woche? Ein Relikt

Morgens um neun Uhr beginnen und um 17 Uhr das Büro verlassen, eben die klassische 39-Stunden-Woche - für Fleming ist das ein Relikt aus vergangenen Tagen. Längst gilt nur derjenige als produktiv und karriereorientiert, der bis in die Nacht schuftet, auch spät abends noch Emails beantwortet und sein Leben dem Job unterordnet. Überarbeitung ist zur Norm geworden, wer früh Feierabend macht, gilt als Bremser. "Entspannung, Hobbys, Kindererziehung oder das Lesen eines Buches werden als Faulheit abgetan. So mächtig ist die Mythologie der Arbeit", schreibt Fleming in einem Gastbeitrag für den britischen "Guardian".

Eigentlich sollte uns die Technik das Arbeiten erleichtern. Doch längst seien die Mitarbeiter zu Sklaven des Smartphones verkommen. "Wie unsere Handys gehen wir erst am Ende des Tages in Bereitschaft, wenn wir erschöpft ins Bett kriechen. Diese unerbittliche Freudlosigkeit zeigt sich besonders im Urlaub", schreibt Fleming. "In den USA, einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt, haben die Mitarbeiter Glück, wenn sie überhaupt zwei Wochen Urlaub pro Jahr bekommen."

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Überarbeitung ist ein Killer

Man könnte fast meinen, dass wir das Hamsterrad in den Büros zum Überleben brauchen würden. Doch Flemming hofft auf ein Umdenken. Vor allem die Kosten für diese Arbeitsweise könnten nicht mehr einfach ignoriert werden. Stress und Überarbeitung haben einen hohen Preis - sie seien potentielle Killer, so Flemming.

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Die Forscher des Medical Centers der Columbia Universität haben 8000 45-jährige Mitarbeiter mit einem Schrittzähler ausgestattet. Durchschnittlich waren die Angestellten 12,3 Stunden am Tag inaktiv. Sie fanden heraus, dass das Risiko vorzeitig zu sterben bei Mitarbeitern, die täglich rund 13 Stunden sitzen, doppelt so häufig auftrat als bei Mitarbeitern, die "nur" 11,5 Stunden am Tag inaktiv sind. Kurz: Wer sich auch nur ein bisschen bewegt, verlängert signifikant die Lebenserwartung. "Langes Sitzen im Büro hat eine ähnliche Wirkung wie Rauchen", fasst Fleming die Resultate zusammen.

Doch alle Änderungsversuche haben einen Knackpunkt: Sie sollen nur die Zeit, die wir arbeitend verbringen, reduzieren. Das sei löblich, doch Flemming geht das nicht weit genug. Vielmehr müssten wir die Bedingungen der Arbeit überprüfen - und dringend ändern. "Wenn ein Job erbärmlich und übermäßig stressig ist, können sogar ein paar Stunden ein existenzieller Albtraum sein", schreibt er.

Wo ist das Leben geblieben?

Fragt man Fleming, wie Arbeitsplätze aussehen müssten, antwortet er: "Um Arbeitsplätze für unser psychisches und physiologisches Wohlergehen zu schaffen, müssen wir viel weniger arbeiten. Dafür brauchen wir bessere Jobs, wo Hierarchien flach und Aufgaben vielfältiger und bedeutungsvoller sind." Doch der Kapitalismus in seiner bisherigen Form sei nicht dafür bekannt, solche Arbeitsplätze zu schaffen. Und das hat Folgen: In Großbritannien gaben bei einer Befragung mehr als ein Drittel der Mitarbeiter an, dass sie ihren Jobs als bedeutungslos wahrnehmen. "Und wenn die Moral so niedrig ist, ist es auch egal, wie viele Fitness-Gutscheine, Achtsamkeitsprogramme und Körbe mit Bio-Obst die Arbeitgeber springen lassen. Selbst der engagierteste Mitarbeiter wird das Gefühl haben, dass etwas grundsätzlich fehlt. Ein Leben."

kg