Wettbewerb Man nehme vier Sätze...


...und bastele daraus eine Kurzgeschichte: Wir sehen einen Mann und eine Frau auf einem Parkplatz. Der Mann lehnt an einem Mercedes und zündet sich eine Zigarre an. Die Frau hält ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken. Der Mann summt dazu ein Volkslied.

Wir sehen einen Mann und eine Frau auf einem Parkplatz. Der Mann lehnt an einem Mercedes und zündet sich eine Zigarre an. Die Frau hält ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken. Der Mann summt dazu ein Volkslied.

Was könnte zwischen dem Mann und der Frau passiert sein? Diese Frage stellten sich die Teilnehmer des Wettbewerbes, zu dem die Texterschmiede Hamburg und das "stern spezial Campus & Karriere" aufgerufen hatten. Aufgabe war, aus diesen vier vorgegebenen Sätzen und durch das Hinzufügen von Adjektiven eine Kurzgeschichte schreiben.

Ausgedacht hat sich die Aufgabe Axel Schult, Creative Director der Düsseldorfer Agentur stöhr DDB Markenkommunikation GmbH. Für Schult sind die wichtigsten Eigenschaften eines Texters die Liebe zur Sprache, der Mut zum ungewöhnlichen Denken und natürlich der Spaß an Werbung. "Im Gegensatz zu dieser Kurzgeschichte, bei der man die vier Sätze als Starthilfe hat, ist die Werbung oft ein Sprung ins kalte Wasser", sagt Schult. "Der Texter steht bei jeder Kampagnenentwicklung wieder am Anfang." Für die Entwicklung von der Idee zum Werbeslogan ist nicht nur Talent entscheidend, sondern auch der Einsatz des richtigen "Handwerkzeugs".

Dieses Handwerk kann man zum Beispiel in der Texterschmiede in Hamburg erlernen. Der Verein wird von 60 deutschen Werbeagenturen, wie zum Beispiel Scholz & Friends oder Jung von Matt, unterstützt. "Kein Mensch wird mit der Gabe geboren, gute Texte für Produkte oder Dienstleistungen zu schreiben", sagt Schult. Seit 1998 machen es sich die Dozenten aus der Werbebranche zur Aufgabe, jungen Leuten zu vermitteln, wie man an Worten feilt. Wer nach Bestehen eines zweistufigen Aufnahmetests einen der 30 Studienplätze ergattert, den erwartet eine anstrengende Zeit. Neben einem Praktikum in einer der Werbeagenturen büffeln die Studenten abends in der Texterschmiede Theorie und Praxis. Rund 90 Prozent von ihnen finden nach der sieben Monate dauernden Ausbildung einen Job.

Die Gewinner

1. Preis: Ulrike Bungert (Saarbrücken)
2. Preis: Monika Frech (Stuttgart)
3. Preis: Susanne Mittag (Trier)
4. Preis: Melanie Buck (Stuttgart)
5. Preis: F.-Marc Abdel Sayed (Walddorfhäslach)
6. Preis: Verena Krebs (München)
7. Preis: Katja Glorian (Wildberg)
8. Preis: Brite Großmann (Kassel)
9. Preis: Patricia Lobscheid (Kiel)
10. Preis: Inga Lange (Hamburg)
11. Preis: Christoph Babbel (Hamburg)

Die Siegerin des Kurzgeschichten-Wettbewerbs gewann eine Schnupperwoche in der Texterschmiede. Ihre

zehn!

Kurzgeschichten sollten Sie unbedingt lesen.

Südfrankreich

Wir schlendern die schmale gepflasterte Gasse vom Marktplatz in Limoux runter zur Aude, die sich malerisch durch die südfranzösische Kleinstadt schlängelt, und sehen, noch bevor wir den gemütlichen Backsteinbau der in französischem Stil radikalen Bürgerinitiative erreichen, einen zahnlosen älteren Mann und eine Frau mit umgebundener Kochschürze auf einem Parkplatz, unweit der grölend protestierenden Menschenmasse, die sich vor dem Anwesen des Maire versammelt hat. Der Mann lehnt sich mit seiner rußigen Holzfällerkleidung an einem frisch polierten Mercedes und zündet sich, sein Transparent mit der Aufschrift "Einen Fußballplatz für unsere Jugend" lässig unter den Arm geklemmt, eine Zigarre an. Die Frau hält ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen schwarz-weiß bemalten Kinderball in den offenen Kofferraum des Bürgermeister-Autos zu kicken, ohne dabei ihren Digestif zu verschütten. Der Mann summt dazu ein cathalanisches Volkslied, in das die umstehende Bevölkerung bald aus voller Kehle einstimmt.

Eifersucht

Ich hasse Spionagen, eine Ehe muss laufen oder nicht, sag ich immer - aber nun sitz ich mit dieser albernen Verkleidung neben Gabi und wir sehen einen Mann und eine Frau auf einem Parkplatz. Der Mann ahnt nichts, lehnt an einem Mercedes und zündet sich eine Zigarre an, und ich hasse ihn für all die Gespräche, in denen wir gemeinsam das Rauchen verteufelt hatten. Die Frau ist mindestens zehn Jahre jünger als ich, blond natürlich, und hält ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen Kinderball lieblos in den offenen Kofferraum des Autos - unseren Autos! - zu kicken. Patricks Kindersitz hat sie auch schon in den hinteren Teil des Wagens manövriert, und der Mann zieht sich aus und summt dazu ein Volkslied - er, der nie singt, der Alkohol hasst, der angeblich auf Dunkelhaarige steht und mir vor 14 Jahren mit leuchtenden Augen ewige Treue geschworen hat - ich ziehe mit bebenden Händen die Pistole aus meiner Tasche und drücke ab.

Weihnachtszeit

Kurz nach Ladenschluss riecht es hier immer nach Feierabend: Trude trägt unter vorsichtigem Tupfen ihr Nach-der-Arbeit Parfüm auf, Jeanette schließt mit einem letzten Anflug von Hektik die Kasse zu, Elli schlüpft mit einem Lächeln auf dem Gesicht in ihren Mantel, und Karin, die Dienstälteste hier bei "Niceshop", schaltet mit vorwurfsvollem Blick die überhitzte Kaffeemaschine ab, um dann den gemeinsamen routinemäßigen Kontrollgang durch den Laden anzuführen, hin zu den großen, bereits weihnachtlich dekorierten Fensterscheiben, durch die wir artig wie immer die tristen Stellplätze an der Nordseite des Gebäudes begutachten - und wir sehen einen mit Smoking und Krawatte bekleideten Mann und eine nicht schlecht in Schale geworfene jüngere Frau auf einem Parkplatz, den zwei unserer Mitarbeiterinnen bereits vor einer halben Stunde abgesperrt hatten. Der Mann lehnt mit Einkaufstaschen und allerlei Ramschartikeln beladen an einem bis zum Dach mit Kleinkram vollgestopften Mercedes und zündet sich, seine Augen gen Himmel rollend, eine Zigarre an. Die Frau hält ein Glas Whiskey samt der dazugehörigen Flasche in der Hand, während sie versucht einen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken, aus dem bereits mehrere Rollen rotes Geschenkpapier sowie das untere Stammende eines Christbaumes ragen. Der Mann summt dazu leiernd ein Volkslied, wohlwissend, dass dies erst der Beginn einer entnervenden Serie von vorweihnachtlichen Schnäppcheneinkäufen sein würde.

Sehr unauffällig

Wir stehen total bekifft gegenüber von "Mark's and Spencer's" in London, sehen einen Mann und eine Frau auf einem Parkplatz und kratzen mit unserem Plastiklöffel die kärglichen Reste aus dem geklauten Nutellen-Glas. Der Mann scheint uns irgendwie zu beobachten, er lehnt an einem Mercedes und zündet sich eine Zigarre an. Die Frau hält pfeifend ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken. Der Mann summt dazu ein Volkslied, und weil kein Mensch sich so übertrieben unauffällig verhalten kann, verkrümeln wir uns lieber, bevor uns ein Lachanfall vor den Augen der peinlich schlecht getarnten Ladendetektive zu Boden reißt.

Ein besonderer Tag

Wir schauen vom Fenster der Praxis für Schwangerschaftsfrüherkennung hinunter auf das erst neulich begrünte, nun bereits üppig in blühenden Frühlingsfarben bewachsene Krankenhausgelände und sehen einen jungen Mann und eine Frau auf einem Parkplatz, die gerade in ihrem, weit um ihre kantigen Hüften schlackernden, kirschroten Umstandskleid das Untersuchungszimmer zwei verlassen hatte. Der Mann, mühsam und wenig erfolgreich sein Grinsen verbergend, lehnt an einem nachtblauen Mercedes mit der Aufschrift "Exclu-Car - der Autoverleih für besondere Anlässe" und zündet sich eine Zigarre an. Die Frau hat die überschüssigen Falten ihres viel zu weiten Kleides achtlos hinter dem Rücken verknotet und hält nun ein Glas Whiskey in der Hand, während sie mit verbissener Anstrengung und höhnischen Bemerkungen in die Richtung des kopfschüttelnden Mannes versucht, einen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken. Der Mann summt dazu inbrünstig ein Volkslied - für ihn der Inbegriff des Spießertums - und pafft erleichtert darüber, dass der negativ ausgefallene Schwangerschaftstest ihn nun noch einmal vor Einfamilienhaus mit obligatorischer Tanne im Vorgarten bewahrt hat, den Rauch seiner Zigarre aus.

Aliens

"Earthrider-One an Cockpit: Wir erreichen zwölf-tausendstel Sekunden nach Abflug vom Planeten Argh planmäßig gegen einundfünfzig Uhr unserer Zeit die angepeilte Position über dem Planeten Erde - wir sehen durch Luke A einen definitiv menschlichen, bekleideten Mann und eine ebenfalls bekleidete Frau auf einem Ufo-Parkplatz in einem Weizenfeld nahe Edinburgh. Der Mann beschäftigt sich derzeit mit den gesuchten Dokumenten - der Titel lautet: Kornkreisforschung - lehnt dabei an einem harmlosen Erdfahrzeug namens Mercedes und zündet sich gerade eine Zigarre an. Die Frau kann trotz ihrer menschlichen Gestalt eindeutig als eine von uns identifiziert werden, denn sie hält ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken. Der Mann summt dazu ein schottisches Volkslied, er schöpft also bislang keinerlei Verdacht: Wir können ihn bei der Landung assimilieren."

Frostig

Nachdem Pia unser bei einem etwas zu wohlmeinenden Mitarbeiter der Autovermietung in Dänemark geliehenes Auto gekonnt gegen den nun völlig verbogenen Laternenpfahl gesetzt hat, verlässt die Fähre laut tutend den nebligen Hafen von Puttgarden, und wir sehen - wenn auch etwas verschwommen nach einer weiteren Palette Bacardi-Breezer - einen Mann und eine Frau auf einem leeren Parkplatz, gleich neben der einzigen, zur nun mit dem ersten Frost beginnenden Wintersaison sorgfältig verriegelten Kneipe "Windhuk". Der Mann lehnt offensichtlich müde an einem hellgelben, ziemlich verbeulten Mercedes und zündet sich dabei eine von den feuchtkalten Nebelschwaden durchweichte Zigarre an, die er gerade umständlich aus seiner zerrissenen Hemdtasche gefingert hatte. Die Frau, die er dabei lächelnd und kopfnickend beobachtet, hält, von unserem Unfall eher nebenbei amüsiert, ein halbvolles Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen Kinderball in den offenen, weil abgerissenen Kofferraum des schrottreifen Autos zu kicken, das nun nicht mehr vermag das junge Pärchen den weiten Weg durch Deutschland zu befördern. Der Mann summt dazu ein Volkslied, seine Zigarre wie einen Dirigentenstock im nun aufkommenden eiskalten Wind schwingend, mit dem die nun folgende Nacht auf dem einzigen Bahnhof der Insel Fehmarn eingeleitet werden soll - und wir alle wissen, dass dies der Beginn einer völlig chaotischen Freundschaft ist.

Intellektuell wertvoll

Benno streicht sich seine fettigen Haarsträhnen aus dem Gesicht, hustet feucht in die Runde und legt los: "Also, wir sehen einen Mann und eine Frau auf einem Parkplatz, so mit Graffiti und Schnickschnack, ne." Er schmiert kurz eine unbrauchbare Skizze ans Board, zieht hektisch an seiner Selbstgedrehten und hebt den Zeigefinger: "Der Mann lehnt an einem Mercedes oder so und zündet sich eine Zigarre an. Und jetzt kommt's: Die Frau hält ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, einen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken und im Hintergrund kommen dann die zehn schwangeren Bauchtänzerinnen aus dem Nichts angeschwebt." Benno wirft einen triumphierenden Blick in die schweigende Runde, wendet sich wieder seinen Kritzeleien zu und dröhnt: "Der Mann summt dazu ein Volkslied, und dann kommt der Abspann, ja - Mensch Kinder, und wenn ihr euch hier in der Regie kulturell überfordert fühlt, dann werdet doch Schauspieler oder Sozialarbeiter."

Urlaub

Wir gehen seit unserem Umzug vor einem halben Jahr jeden Sonntag spazieren, Pedro, ich und Franka, Pedros Tochter aus erster Ehe, und wenn wir um die erste Ecke nach unserem Häuserblock biegen, sehen wir immer diesen marokkanischen Mann und eine ältere Frau auf einem Parkplatz. Der Mann lehnt dann immer ölverschmiert an einem Mercedes und zündet sich eine Zigarre an, während er verkündet, dass das Auto bestimmt nächste Woche endlich repariert sei. Die Frau, die normalerweise immer freundlich grüßt und Süßigkeiten für Franka aus ihrer Tasche zaubert, schimpft heute aufgebracht darüber, dass sie es satt hat, diese Urlaubsreise immer und immer wieder zu verschieben, gerade wegen der Kinder, und sie hält ein Glas Whiskey in der Hand, während sie versucht, eine prall aufgeblasenen Kinderball zu den Reisetaschen in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken. Der Mann drückt sich beide Zeigefinger in die Ohren und summt dazu ein Volkslied, dass ihm immer wieder in die Melodie von "Keine Sterne in Athen, dafür Schnaps in Sankt Kathrein" abzugleiten droht.

Pech gehabt

Wir sehen, wie so oft Samstags hinter'm "Black Hole" in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung am Rande Saarbrückens, einen etwas overdressten jungen Mann (offensichtlich wieder einer von diesen neuzugezogenen BWL-Studenten) und eine angetrunkene ältere Stricherin auf einem Parkplatz, der alles andere als anheimelnd direkt neben Bahngleisen, leeren Bierdosen und benutzten Präservativen entstanden ist. Der Mann lehnt scheinbar gelangweilt an einem nagelneuen Mercedes und zündet sich eine Zigarre an, vermutlich glaubend, sein zur Schau getragener Wohlstand würde in dieser Gegend Eindruck auf Obdachlose und Bordellbesitzer machen. Die Frau hält wild gestikulierend ein mittlerweile leeres Glas Whiskey in der Hand, während sie, mühsam die Balance auf ihren High-heels haltend, versucht, einen herumliegenden schmutzigen Kinderball in den offenen Kofferraum des Autos zu kicken. Der Mann summt dazu siegessicher ein Volkslied, in der irrigen Annahme sein soeben beendetes Telefonat mit dem Polizeiamt West müsse dazu führen, dass ein Streifenwagen einträfe, bevor Papis Wagen nur noch ein Haufen Schrott sein würde.


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