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Wirtschaftsverbände: Jeder soll ein Lehrstellen-Angebot kriegen

35.000 Jugendliche ohne Lehrstelle - die Rufe nach einer Ausbildungsplatzabgabe werden immer lauter. Im verzweifelten Versuch, sich das zu ersparen, will die Wirtschaft nun jedem Jugendlichen ein Angebot machen

Angesichts von 35.000 Jugendlichen ohne Lehrstelle in Deutschland geht die Debatte um eine gesetzliche Ausbildungsabgabe in der rot-grünen Koalition weiter. "Wir müssen jetzt eine Ausbildungsumlage vorbereiten", sagte Grünen-Chef Reinhard Bütikofer der 'Berliner Zeitung'.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (beide SPD) hatten am Donnerstagabend dagegen betont, vor der Entscheidung über eine Abgabe für die deutschen Unternehmen werde die nachträgliche Vermittlung der noch unversorgten Jugendlichen abgewartet.

Die Wirtschaftsverbände werden in den kommenden Wochen "jeden einzelnen" der zum gesetzlichen Stichtag 30. September unvermittelten Jugendlichen anschreiben und nach einem Beratungsgespräch ein Angebot machen. Das sagte Bulmahn nach einem Gespräch mit den Tarifpartnern in Berlin.

Gesetzliche Maßnahmen schon angedroht

Clement sagte, die Vermittlung laufe "nicht ganz so gut wie erhofft". Parallel zur Nachvermittlung müssten noch Ausbildungsplätze mobilisiert werden. Bulmahn betonte, zunächst setzte die Regierung auf freiwillige Maßnahmen. Bundeskanzler Gerhard Schröder habe aber bereits gesetzliche Maßnahmen für den Fall angedroht, dass nicht genügend Plätze gefunden würden.

Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hanns-Eberhard Schleyer, versprach eine "umfassende Nachvermittlung". Er räumte allerdings ein, dass bisher nur 20 bis 40 Prozent der angeschriebenen Jugendlichen das Gesprächsangebot angenommen hätten. Schleyer sagte, er sei trotzdem zuversichtlich, das "Problem bis Jahresende weitestgehend zu lösen".

Viele Bewerber sind in Ersatzmaßnahmen "geparkt"

DGB-Chef Sommer äußerte sich skeptisch zum Angebot der Wirtschaft, jeden zu vermitteln, und sagte: "Wenn das so wäre, wäre es gut." Aber nur 47 Prozent der Bewerber hätten einen Platz im dualen System aus betrieblicher und schulischer Ausbildung gefunden. Dies anderen seien in Ersatzmaßnahmen und Warteschleifen abgedrängt worden. Deshalb müsse die Politik jetzt handeln, sonst gebe es nächstes Jahr "das gleiche Gewürge". Die Gewerkschaften kämpften weiter für eine Ausbildungsplatzabgabe.

Bütikofer forderte, der Staat müsse aktiv werden, da die Wirtschaft nicht genügend Lehrstellen bereitgestellt habe. Auch Juso-Chef Niels Annen forderte die Ausbildungsabgabe. Noch nicht einmal jeder zweite Bewerber bekomme eine ordentliche betriebliche Ausbildung, sagte er der Zeitung. 174.000 Jugendliche seien in Berufsschulen und Weiterbildungsmaßnahmen geparkt. Der Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaft und Arbeit, Rainer Wend (SPD), lehnte Zwangsmaßnahmen dagegen ab.

Zehn Jugendverbände hatten angesichts der 35.000 unversorgten Lehrstellenbewerber von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eine Ausbildungsumlage gefordert. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt forderte die rot-grüne Koalition dagegen auf, "das Gerede über die Ausbildungsabgabe sofort einzustellen".