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Lehrstellenmangel Schlechte Karten für Jugendliche

Ungeachtet der 35.000 Jugendlichen ohne Lehrstelle wollen viele Unternehmen in Deutschland keine zusätzlichen Ausbildungsplätze schaffen. Sie sehen ihre Kapazitäten erschöpft.

Ungeachtet der 35.000 Jugendlichen ohne Lehrstelle wollen viele Unternehmen in Deutschland keine zusätzlichen Ausbildungsplätze schaffen. Sie sehen ihre Kapazitäten erschöpft, wie eine dpa-Umfrage bei Großunternehmen ergab. Etliche Firmen kritisierten zudem eine mangelnde Qualifikation jugendlicher Bewerber.

Fortschritte bei der Vermittlung von Lehrlingen meldet dagegen vor allem der Mittelstand: Industrie- und Handelskammern sind optimistisch, die Lehrstellenlücke weiter schließen zu können. Laut Bundesregierung gibt es derzeit 20.200 Ausbildungsplätze zu wenig. Außerdem sind 14.800 Lehrstellen noch nicht besetzt. Die Wirtschaft hatte zusätzliche Vermittlungsanstrengungen zugesagt.

Mehr ist beim besten Willen nicht drin

Beim Autokonzern DaimlerChrysler in Stuttgart bleibt die Zahl der neuen Auszubildenden in Deutschland konstant bei 2.800. "Wir bilden bereits über Bedarf aus", sagte eine Sprecherin. Auch die Neustädter Baumarktkette Hornbach, die derzeit 577 Jugendliche in 14 Berufen ausbildet, will nicht aufstocken. Ein Sprecher sagte, mehr sei "beim besten Willen nicht zu erwarten". Der Medizintechnikhersteller Dräger, größter gewerblicher Arbeitgeber in Schleswig-Holstein, sieht mit 200 Auszubildenden und einer Ausbildungsquote von sieben Prozent der Belegschaft seine Kapazitäten erschöpft.

Auch die Glaswerke Mainz und die größte deutsche Werft HDW in Kiel sehen ihre Pflicht erfüllt. Beim Schreibgerätehersteller Faber-Castell in Stein bei Nürnberg heißt es: "Wir hätten gar nicht die Arbeitsplätze." Ebenso argumentiert der Spielwaren-Hersteller BIG in Fürth. Adidas-Salomon erklärte: "Wir haben das Ziel, später auch alle Auszubildende zu übernehmen. Das wäre bei einer größeren Zahl nicht unbedingt gewährleistet."

Geeignete Azubis sind Mangelware

Andere Unternehmen haben auf die Lehrstellenoffensive der Tarifparteien reagiert. So will der Rüsselsheimer Autohersteller Opel, der im Jahr durchschnittlich 230 Auszubildende einstellt, 39 zusätzliche Lehrstellen schaffen. Der Betreiber des Frankfurter Flughafens, hat 2003 die Zahl der neuen Ausbildungsplätze ebenfalls aufgestockt. "Wenn man sieht, wie die Lage ist, dann kann man auch noch besser werden", sagte ein Fraport-Sprecher. Die Deutsche Bahn bietet in diesem Jahr 2.320 Ausbildungsplätze an, 320 mehr als im Vorjahr. Auf Drängen der Bundesregierung sei die Zahl bereits zwei Mal aufgestockt worden, sagte eine Sprecherin.

Unternehmen und Handwerkskammern bemängelten die Qualifizierung der jugendlichen Bewerber. Bei Bewerbungsgesprächen für die Ausbildungsinitiative Sachsen im September hätten sich 2.174 junge Leute vorgestellt, von denen 1.088 in den Hauptfächern den Leistungsdurchschnitt 4 und schlechter hatten, teilte die IHK Leipzig mit. Dies bestätigt die Debeka-Versicherungsgruppe in Koblenz. "Wir haben aufgegeben, Hauptschüler zu nehmen. Das hat keinen Zweck, die fallen uns durch die Prüfung." Die Keksfabrik Griesson-de Beukelaer hatte nach eigenen Angaben sogar Probleme, überhaupt geeignete Azubis zu finden.

Keine Einigung über Ausbildungssituation

Industrie- und Handelskammern meldeten bei der Vermittlung von Jugendlichen Fortschritte. "Keiner bleibt auf der Straße, das haben wir in den letzten Jahren immer geschafft", sagte Hans-Peter Schmidt von der IHK Leipzig. In diesem Jahr seien 350 Betriebe gewonnen worden, die erstmals oder wieder ausbilden. Auch in Bremen zeigte die Werbung von Handelskammer, Handwerkskammer und Arbeitsamt Erfolge. Nach Angaben des Arbeitsamtes sank die Zahl der bis Ende September noch nicht vermittelten Bewerber gegenüber dem Vorjahr um 17,5 Prozent. Von 5.109 Bewerbern waren noch 221 unversorgt.

Auch in Halle-Dessau haben die mittelständischen Betriebe laut IHK ihr Soll erfüllt. In Lübeck konnten laut Kammer bis Ende September 3.263 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden, 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Die IHK Pfalz zählte Ende September 4.564 neue Ausbildungsverhältnisse, was einem Plus von einem Prozent zum Vorjahr entspricht. Die Kammern in Baden-Württemberg verzeichneten hingegen im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Rückgang der Ausbildungsverhältnisse um 3,5 Prozent auf 37.903. Bis Ende des Jahres werde die Situation jedoch ausgeglichen sein.

In Mecklenburg-Vorpommern zeigt nach Angaben der Landesregierung eine Ausbildungsplatzförderung von Landesregierung, Gewerkschaften und Unternehmen Erfolge. Trotzdem waren Ende September noch 1.959 Jugendliche ohne Lehrstelle. Das Brandenburger Arbeitsministerium teilte mit, die Ausbildungslücke sei rechnerisch so gut wie geschlossen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund bestreitet dies.

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