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Beliebtes Gebäck in Chile Nestlé benennt Keks um – viele empfinden den Namen aber nicht als rassistisch

Menschen stehen vor einem großen Verkaufsregal mit Schokolade
Produkte der Firma Nestlé. Der Schweizer Nahrungsmittelhersteller verkauft seine Produkte in der ganzen Welt
© Gaetan Bally / Picture Alliance
Die Zahl der Produkte, die im Zuge der Rassismus-Diskussion umbenannt werden, steigt. Jüngstes Beispiel ist Nestlé. Die Schweizer taufen einen Keks um, was womöglich nicht überall gut ankommen wird.

Die internationale Rassismus-Debatte wird inzwischen intensiv in der Lebensmittelbranche geführt. Das zeigen etliche Entscheidungen, Produkte wie Eis, Reis oder Frühstückszutaten umzubenennen. Die "Black-Lives-Matter"-Bewegung, die nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd weltweit massiven Zulauf bekam, wirkt bis ins Marketing großer Konzerne.

Eine wichtige Frage dabei ist auch immer: Wie tief ist der Alltagsrassismus verwurzelt? Oft fällt er vielen Menschen kaum auf. Was ihnen als normaler Sprachgebrauch erscheint, kann in einem diskriminierenden Weltbild wurzeln und rassistische Stereotype bedienen. Kein Wunder, dass manche Produktnamen, teils viele Jahrzehnte alt, in jüngerer Zeit hitzig in den sozialen Medien diskutiert wurden. Das Ergebnis war nicht selten: ein neuer Name.

Nestlé findet alten Namen für Keksmarke in Chile nicht mehr angemessen

Die Entscheidung des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé, eine Schokokeks-Marke in Chile umzubenennen, ist das jüngste Beispiel für die sprachliche Aufräumaktion, zu der sich die Lebensmittelindustrie augenscheinlich entschlossen hat.

Der Keks "Negrita" aus dem Hause Nestlé wird künftig "Chokita" heißen. Die Entscheidung sei im Sinne einer "Kultur des Respekts und der Nicht-Diskriminierung" getroffen worden, so das Unternehmen mit Hauptsitz in Vevey. Das Gebäck, ein in Schoko getauchter Vanillekeks, war gut 60 Jahre lang als "Negrita" verkauft worden. Ab Oktober bekommt es seinen neuen Namen, der keine Stereotype mehr bedienen soll.

Weißes Model mit dunkel gefärbtem Gesicht

Laut des schweizerischen Medienportals "Blick" war auf der Packung in den frühen Jahren der Vermarktung das Gesicht einer schwarzen Frau abgebildet. In den 1990-er Jahren warb ein TV-Spot für das Gebäck, in dem ein weißes Model mitspielte, das sich das Gesicht dunkel geschminkt hatte. Der Spot aus dem Jahr 1993 ist auf Youtube abrufbar. Sich dunkelhäutig zu schminken, wurde in den 90er-Jahren kaum als Problem angesehen. Heute gilt das Blackfacing als diskriminierend und beleidigend.

Ob "Negrita" unisono als rassistischer Ausdruck gewertet wird, obwohl er wörtlich übersetzt "kleiner schwarzer weiblicher Mensch" bedeutet, ist jedoch zumindest zweifelhaft. Eigentlich ist dieses Wort vor allem ein Kosename.

In Südamerika ruft der Ausdruck offenbar nicht in erster Linie Assoziationen mit Diskriminierung hervor. Das zeigt der Fall des uruguayischen Fußballstars Edison Cavan: Der Stürmer von Manchester United hatte im vergangenen Herbst einen Instagram-Post geschrieben und sich bei einem Freund mit "Gracias, negrito" bedankt – woraufhin Cavan vom englischen Fußballverband eine Sperre für drei Spiele, eine Geldbuße von 100.000 Pfund und einen Antirassismus-Kurs aufgebrummt bekam. Aus Berichten zu dem Fall geht hervor, dass der Post eindeutig nicht als herabsetzend zu verstehen war – und es noch nicht einmal klar war, welche Hautfarbe der Angesprochene hatte. Man denke nur an die Anrede "Dicker", die man auch oft in Deutschland hört.

In Südamerika erregte die Strafe gegen den Spieler deshalb auch einen Sturm der Entrüstung. Der Fußballverband von Uruguay habe auf die Sprachakademie des Landes verwiesen, so die "Süddeutsche Zeitung". Termini wie "negrito" oder "negrita" seien in Uruguay genauso als Kosenamen gängig wie "gordito" oder "gordita", also: Dickerchen. Die Engländer sollten den Südamerikanern bitte keine Lehrstunde in Rassismus erteilen, so der Tenor aus Lateinamerika.

Neuer Name für den Nestlé-Keks ist neutral

Warum benennt Nestlé also seinen Keks um? Hintergrund sei, dass der Rassismus gegenüber Schwarzen und Ureinwohnern in vielen Ländern Lateinamerikas weit verbreitet sei, schreibt die Nachrichtenagentur AFP. Offenbar will das Unternehmen mit einem Produktnamen wie "Chokita" besser keine Flanke für Rassismus-Kritik bieten. Der Name klingt neutral.

Nestlé selbst gab laut AFP als Begründung für den neuen Namen "Chokita" an, es gebe ein "gestiegenes Bewusstsein von Marken und ihrer visuellen Sprache in Bezug auf die Verwendung von Stereotypen oder kulturellen Darstellungen", die als "unangemessen" angesehen werden könnten.

Auch andere Hersteller benannten jüngst Lebensmittel um

Nestlés jüngste Entscheidung ist auch nur eine aus einer ganzen Reihe von Umbenennungen: Bahlsen hatte als Reaktion auf eine Rassismus-Debatte in sozialen Netzwerken vor mehreren Wochen bekannt gegeben, die Waffeln "Afrika" in "Perpetum" umzubennen. Die Firma Hanses aus Dänemark gab seinem Eskimo-Eis einen neuen Namen, da das Wort "Eskimo" von den Ureinwohnern Alaskas als inakzeptabel angesehen wird – es sei eine koloniale Bezeichnung für die Völker dort, hieß es in Berichten zu der Namensdebatte im vergangenen Jahr.

Ebenfalls im vergangenen Jahr kündigte der US-Konzern Mars an, seinen "Uncle-Ben's-Reis" in "Ben's Original" umzubenennen. Auf den neuen Verpackungen, die seit Anfang des Jahres im Handel sind, ist auch nicht mehr das Porträt eines schwarzen Mannes abgebildet.

Pepsi schließlich benannte seine Frühstücksprodukte-Serie "Aunt Jemima" um. Dieser Markenname und das Bild einer schwarzen Frau wurden besonders heftig kritisiert – da es genau die Stereotype von schwarzem Personal bediene, so der Tenor der Kritik. Der neue Name ist "Pearl Milling Company". Auf den Verpackungen sind inzwischen nur die Produkte abgebildet – und keine dienstbare schwarze Frau mehr, in deren Porträt eine Erinnerung an die Sklaverei mitschwingt.

Billie Eilish entschuldigt sich nach Rassismus-Vorwürfen auf Instagram

Sehen Sie im Video: Rassismus-Vorwürfe gegen Weltstar Billie EIlish. Auslöser ist ein auf TikTok veröffentlichtes, altes Video, das die Sängerin in Erklärungsnot bringt.

Quellen: "T-Online", "Blick", "Süddeutsche.de", "BR", Youtube, mit AFP


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