Affäre Mannesmann Die Bosse im Visier der Ankläger


Müssen Gewerkschaftsführer Klaus Zwickel und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ins Gefängnis, weil sie Managern zu großzügig Millionen-Prämien gewährten? In der Affäre Mannesmann droht den Betroffenen ein peinlicher Prozess. Sie keilen zurück

Am 4. Februar 2000 war Klaus Zwickel in Wolfsburg unterwegs, und "das Thema Mannesmann", sagt er heute, "war für mich erledigt, Schluss, Feierabend". In den Monaten, noch in den Tagen zuvor war der IG-Metall-Chef mit kaum etwas anderem so intensiv befasst. Damals tobte die größte Übernahmeschlacht, die das Land je sah. Der britische Mobilfunkriese Vodafone griff nach dem deutschen Konkurrenten Mannesmann, ein gewaltiges Spektakel: "der Hai" (Vodafone-Boss Chris Gent) gegen "das Superhirn" (Mannesmann-Chef Klaus Esser); England gegen Deutschland. Großdemonstrationen und nationale Aufgeregtheiten. Anfang Februar hatte der Hai gesiegt. Für 180 Milliarden Euro ging der Düsseldorfer Konzern an die Briten; Mannesmanns Aktionäre hatten allein durch den explodierenden Kurs binnen weniger Monate 100 Milliarden Euro dazuverdient. Es war die Zeit von Börsenboom und Wachstumswahn, lange her das alles.

Am 4. Februar 2000

also war Klaus Zwickel in Wolfsburg unterwegs und mit seinen Gedanken ganz woanders, als sein Mobiltelefon klingelte. Joachim Funk war dran, Chef des Aufsichtsrats von Mannesmann, dem auch Zwickel angehörte, und wie der Mitglied im vierköpfigen "Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten". Zwickel erzählt: "Der Funk sagte, es gibt da ein Problem, ich gebe Ihnen mal den Ackermann. Und der hat mir dann die Story erzählt." Der Ackermann: Josef Ackermann, damals Vorstand bei der Deutschen Bank und auch Mitglied in jenem exklusiven Mannesmann-Ausschuss, heute oberster Chef des größten deutschen Geldhauses. Die Story: Auf Initiative des Großaktionärs Hutchison Whampoa aus Hongkong solle Mannesmann-Chef Esser eine "Anerkennungsprämie" von rund 31 Millionen Mark erhalten, die Chefetage von Vodafone habe bereits zugestimmt. "Na gut, habe ich gesagt, wenn die Briten so viel Geld haben, ist mir das egal. Nun ja, das Geld käme schon von Mannesmann, meinte darauf Ackermann. Dann enthalte ich mich der Stimme, habe ich geantwortet." Erzählt jedenfalls Klaus Zwickel.

Fing derart trivial

eine Affäre an, die am Ende Spitzenmanager und -gewerkschafter ins Gefängnis bringen könnte? Ob es wirklich so war, wie Zwickel erzählt, ob es rechtens war und was in den folgenden Wochen geschah, wird voraussichtlich bald die Gerichte beschäftigen. Denn das sonderbare Telefonat war erst der Auftakt für einen beispiellosen "Griff in die Konzernkasse" ("Der Spiegel") von Mannesmann. Kurz bevor das Unternehmen endgültig an die Briten fiel, sollen mehr als 200 Millionen Mark durch den Aufsichtsratsausschuss verteilt worden sein: an ehemalige Vorstände, Manager, Pensionäre, deren Witwen und Waisen.

Allein 60 Millionen

Mark bekam Klaus Esser - neben den rund 31 Millionen Mark "Anerkennung" eine Vertragsabfindung von rund 29 Millionen. Joachim Funk wurde mit sechs Millionen Mark bedacht - "im Hinblick darauf, dass er in den Jahren 1994 bis 1999 als Vorsitzender des Vorstandes maßgeblich zum Unternehmenserfolg und zur Steigerung des Unternehmenswerts beigetragen hat", wie es in einem Beschlussprotokoll vom 17. April 2000 heißt. Bereits am 17. Februar wurden ausweislich eines Beschlussprotokolls "neben verschiedenen nicht dem Vorstand angehörenden Herren" ein paar Vorstandsmitglieder prämiert: "Dr. Kurt-Jürgen Kinzius 3,7 Mio DM, Peter Gerard 2,7 Mio DM, Albert Weismüller 2,0 Mio DM, Lars Berg 1,5 Mio DM". Und am 27. März wurden jene bedacht, die an den aktuellen Erfolgen nun wirklich nicht mehr beteiligt waren: längst pensionierte Vorstandsmitglieder, teils sogar deren Nachkommen.

Die Mannesmann-Senioren profitierten von einem Versorgungssystem, von dem Normalo-Rentner nur träumen können: Neben einer festen Pension, die 60 Prozent des letzten Festgehalts betrug, gab es eine so genannte Alternativpension, die sich am Einkommen der aktiven Vorstände orientierte - einschließlich aller Tantiemen. In guten Jahren konnte sich das Ruhegeld so mehr als verdoppeln. Und da das Jahr 1999 praktischerweise ein sehr gutes war, wurden die Aufschläge dieses Jahres mit der erwarteten Restlebenszeit der Vorstandsveteranen multipliziert und vorab ausgezahlt: Machte zusammen 61.116.889 Mark für 18 Personen.

Fast zwei Jahre haben

die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft und zeitweise eine Sonderkommission des Landeskriminalamtes diese Vorgänge geprüft: Zeugen verhört, Akten studiert, Gutachten gelesen. Nicht alle Zahlungen beanstanden die Ermittler, sie kommen auf eine Schadenssumme von rund 110 Millionen Mark. In langen Monaten zimmerten die Staatsanwälte eine Anklageschrift, die weit mehr als 500 Seiten umfasst. In den kommenden Tagen wird das komplizierte Werk wohl erst an das Düsseldorfer Landgericht und von da aus weiter an sechs Angeschuldigte gereicht. Lässt das Gericht die Anklage zur Hauptverhandlung zu, folgt ein Prozess, der nicht weniger spektakulär sein wird als die Übernahmeschlacht, die ihn auslöste.

Angeklagt der Untreue

im besonders schweren Fall beziehungsweise der Beihilfe zur Untreue wird die Chefetage der Deutschland AG: der mächtigste Banker, der mächtigste Gewerkschafter, einer der brillantesten Industriemanager - Ackermann, Zwickel, Esser. Dazu Joachim Funk und der einstige Konzernbetriebsratschef Jürgen Ladberg, der den "Ausschuss" komplettierte, sowie Vorstandsassistent Dietmar Droste, der als Protokollführer fungierte. Den Herren drohen, je nach persönlicher Schuld, bis zu zehn Jahre Gefängnis. Da die Strafprozessordnung die Angeklagten zwingt, zu jedem einzelnen Verhandlungstag zu erscheinen, ist für monatelange Furore gesorgt. Zumal einige der besseren Strafverteidiger der Republik im Landgericht Düsseldorf auftreten - und die Angeklagten nicht wie Schuljungen auf der Bank sitzen werden, die beim Äpfelklauen erwischt worden sind: Reue werden sie nicht zeigen, weil sie keine Reue empfinden. Kühl hält Esser fest: "Es gibt nicht den geringsten Verdacht irgendeiner rechtswidrigen Handlung von mir. Eine Anklage wäre deswegen illegal."

Der Frankfurter Spitzenanwalt

Rainer Hamm, der Zwickel verteidigt, findet "die Idee, dass sich führende Vertreter des Kapitals und der Arbeiterbewegung verschworen haben sollen, um Mannesmann zu schädigen, schon sehr komisch". Esser hat vor Monaten eine Amtshaftungsklage gegen das Land Nordrhein-Westfalen eingereicht und verlangt wegen Rufschädigung Schmerzensgeld und Schadensersatz in sechsstelliger Höhe. Er kann seine Verachtung für die Staatsanwälte nur schwer verbergen: "Wir haben 20 Mal gefragt, welche Tathandlung mir vorgeworfen wird. 19 Mal haben wir keine Antwort bekommen. Einmal hieß es: Ja, es gibt eine Tathandlung: dass Sie das Geld bekommen haben. Da wird es klar: Die Staatsanwälte behaupten nicht einmal eine strafbare Handlung!"

Zerknirscht gibt

sich allenfalls IG-Metall-Chef Zwickel. Zwar findet auch er den Vorwurf noch immer "absurd", er habe das Unternehmen geschädigt und sich strafrechtlich schuldig gemacht. Und er betont gern, dass er sich in entscheidenden Abstimmungen ja enthalten habe (wenn auch nicht in allen). Doch Zwickel weiß, dass das ein bisschen wenig ist für einen ansonsten nicht eben kleinlauten Gewerkschafter. "Ich trage allenfalls politisch-moralische Schuld", sagt er. "Warum bloß habe ich damals nicht einfach nein gesagt? Dann hätte ich mir einen Haufen Ärger erspart." Tja, warum? Durch sein Verhalten hat er es erst möglich gemacht, dass die Millionen ausgezahlt wurden.

Zwickels Glaubwürdigkeit hat es zudem wenig geholfen, dass er sich noch am 18. Februar 2000 öffentlich echauffierte, die Zahlungen an Esser seien "unanständig hoch und für keinen Arbeitnehmer mehr nachvollziehbar" -, und schlicht log, die Prämie "war weder ein Thema im Aufsichtsrat, noch ist darüber im Aufsichtsratsausschuss für Vorstandsangelegenheiten gesprochen worden". Sowohl am 4. als auch am 17. Februar hatte Zwickel an diesen Entscheidungen selbst mitgewirkt. "Ja, ich habe einen Fehler gemacht", bekannte ein angeschlagener Klaus Zwickel im August 2001 im stern-interview. Es waren wohl ein paar mehr.

Formal wird es in

dem Prozess um die Rechtmäßigkeit der Zahlungen gehen, um Pflichtverletzungen und umdatierte Beschlussprotokolle. Tatsächlich aber, das zeigt schon das Beispiel Zwickel, geht es um mehr. Etwa um die Beteiligung der Gewerkschaften an heiklen Entscheidungen im Unternehmen, bei denen zuweilen die ehrwürdige deutsche Mitbestimmung zum rheinischen Klüngelkapitalismus zu degenerieren droht. "Der Zwickel kriegt wegen dieser Sache schon deswegen keinen allzu großen Ärger in der IG Metall, weil wir alle Schmutz an den Händen haben", sagt ein Bezirksleiter der Gewerkschaft. "Jeder von uns hat schon mal irgendwelche Schweinereien mitgetragen, um beim nächsten Mal selbst etwas durchsetzen zu können. So funktioniert das nun mal." Bei Klaus Esser klingt das naturgemäß etwas anders: "Ich rechne es den Gewerkschaften hoch an, dass sie in den Aufsichtsräten konstruktiv daran mitwirken, dass wir fähige Leute in die Vorstände bekommen. Wir können beim besten Willen anspruchsvolle Vorstandsposten ja nicht mit Staatsanwälten besetzen." Man brauche andere Leute, "und die haben auch einen anderen Marktwert".

Der Prozess wird,

wenn er stattfindet, auch deshalb spannend, weil sehr unterschiedliche Welten aufeinander treffen werden. Hier die Staatsanwälte, die bestreiten, dass es für die teuren Entscheidungen überhaupt eine Rechtsgrundlage gab. Dort Esser und seine Kollegen, für die das Verfahren ein Angriff auf die unternehmerische Freiheit ist. Der Fall sei "von grundsätzlicher Bedeutung, denn es geht darum, wer künftig im Unternehmen das Sagen hat: die Eigentümer und der Aufsichtsrat - oder Staatsanwälte", meint Esser. Bei der Deutschen Bank stilisiert einer das Ganze "zum weiteren Sargnagel für den Standort Deutschland - wer ist denn noch bereit, ein Aufsichtratsmandat anzunehmen, wenn er damit rechnen muss, dafür in den Knast zu wandern?".

Die Beschuldigten

teilen heftig gegen jene aus, die gegen sie ermitteln. Sie vermuten bei den Staatsanwälten entweder Profilierungssucht ("Die wollen den Prozess ihres Lebens führen"), Neid oder politische Motive. "Die beiden zuständigen Staatsanwälte haben gesagt: Wir gestalten ein Scherbengericht über die Führungsqualität der deutschen Wirtschaft", zitiert Esser. Selbst Sozialdemokrat Zwickel sagt: "In einem anderen Bundesland als Nordrhein-Westfalen wäre dieses Verfahren nie zustande gekommen." Der einflussreiche Wirtschaftsanwalt Ralph Wollburg, der schon Mannesmanns Verteidigung gegen Vodafone koordinierte, sekundiert: "Hier wird versucht, das eigene Urteil über die Angemessenheit von Management-Vergütungen mit dem Mittel des Strafrechts durchzusetzen. Dazu sind Staatsanwälte nicht befugt; hierüber entscheidet ausschließlich der Aufsichtsrat."

Der Rahmen,

den "das Aktiengesetz dem Aufsichtsrat bei der Bemessung der Vorstandsbezüge einräumt, ist außerordentlich weit - die getroffenen Entscheidungen lagen deutlich innerhalb des gegebenen Ermessensspielraums", argumentiert Wollburg. In umfangreichen Gutachten haben Experten nachzuweisen versucht, dass auch im Fall Mannesmann dieser Rahmen nicht gesprengt wurde - und die gezahlten Summen, gemessen am gesamten Deal, so ungewöhnlich nicht sind. Auch Klaus Esser weiß, dass eine Erfolgsprämie von 31 Millionen Mark viel Geld ist - und rechnet bisweilen vor, dass es so viel nun auch wieder nicht ist. Denn diese 31 Millionen machten nur 0,1 Promille der Summe aus, um die der Börsenwert von Mannesmann während seiner Vorstandstätigkeit gewachsen sei: rund 300 Milliarden Mark. Wie gesagt, fremde Welten.

Dass die Vorgänge aus dem Winter 2000, den Monaten des irrsinnigsten Börsen-Hypes, nun unversehens in die Zeit von Wirtschaftskrise und Sparappellen plumpsen, gibt dem Ganzen zusätzlichen Pfeffer. Viele Experten bezweifeln dennoch, dass es möglich sei, als unverschämt hoch empfundene Vergütungen mit den Mitteln des Strafrechts zu ahnden. Was ist schon der juristisch präzise Maßstab für das Gehalt von Managern, die Milliardengewinne, zuweilen aber auch Milliardenverluste produzieren?

Doch die Staatsanwaltschaft

lässt sich darauf in der Anklageschrift gar nicht ein. Ihre Logik ist schlichter: Für die gezahlten Prämien und Pensionsabfindungen gab es gar keine Rechtsgrundlage. Damit ist es letztlich egal, wie viel Esser und Kollegen bekamen - auch weniger wäre zu viel gewesen. Das Unternehmen hatte nichts davon, Managern Millionen hinterherzuwerfen, die das Haus längst verlassen hatten oder bald verlassen würden. Mannesmann wurde also sehr viel Geld entzogen, ohne dass dem ein Nutzen entgegenstand. Damit wurde die Firma geschädigt.

Viel Stoff für das

Gericht, viel Zucker für Anwälte und Gutachter. Doch wie immer ein möglicher Prozess ausgehen wird - für die Beschuldigten ist der ganze Vorgang hochnotpeinlich. Schwer vorstellbar, dass der amtierende Vorstandssprecher der Deutschen Bank sich über Monate vor Gericht verantworten muss, weil er das Geld eines Unternehmens, das er zu kontrollieren hatte, veruntreut haben soll. Doch Josef Ackermann wird dringend gebraucht, weil die Bank erhebliche Probleme hat. Vorsorglich hat der Aufsichtsrat der Deutschen Bank vergangenen Sommer eine Solidaritätserklärung für den Chef formuliert - einstimmig, mit den Stimmen der Gewerkschaften.

Bitter ist das Ganze

auch für Klaus Zwickel. Sein Vorgänger Franz Steinkühler stürzte einst über unsaubere Aktiengeschäfte. Nun muss der wackere Zwickel, dem niemand zutraut, sich bereichert zu haben, mit dem Vorwurf leben, illegal mit dem Kapital gekungelt zu haben. Sein Amt kosten wird ihn das kaum. Sein Schuldeingeständnis im stern ließ den Unmut bei der IG Metall verrauchen, und im Oktober tritt er ohnehin ab: Zwickel ist dann 64.

Bleibt Klaus Esser.

Der fähige Manager ist, seit er die Millionen annahm und sich das Ermittlungsverfahren quälend lange hinzieht, so etwas wie ein Ausgestoßener. Er ist heute Partner bei der amerikanischen Private-Equity-Firma General Atlantic und sitzt in einem schmucken Büro in der Düsseldorfer Königsallee. Kein schlechtes Leben, doch Esser ist anzumerken, dass er glaubt, für einen wie ihn gäbe es Größeres zu tun. Die großen Jobs sind ihm derzeit jedoch verschlossen. Würde er ein Angebot annehmen, das Verfahren gegen eine Geldbuße einzustellen? "Nein. Das gäbe den völlig falschen Eindruck, gegen mich gäbe es einen Verdacht und deshalb Anlass zur Geldbuße. Und genau das stimmt nicht." Hoch gepokert, vielleicht zu hoch.

Arne Daniels print

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