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AKW-Abschaltung Greenpeace hält Atomausstieg bis 2015 für machbar


Deutschland könnte problemlos bis 2015 aus der Atomenergie aussteigen. Zu dieser Auffassung kommt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Auch der von der Bundesregierung eingesetzte Wissenschaftlichen Beirat für Globale Umweltveränderungen spricht sich für die Energiewende aus.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hält Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie bis 2015 ohne Probleme für möglich. Eine Berechnung auf der Basis aktueller Kraftwerksplanungen habe gezeigt, dass die Ausfälle durch bestehende Überkapazitäten und die 51 im Bau oder in Planung befindlichen Kraftwerke ausgeglichen werden könnten, teilte Greenpeace am Donnerstag in Hamburg mit.

Dadurch würden weder die Sicherheit der Stromversorgung noch der Klimaschutz gefährdet. Auch die Strompreise würden nach Angaben von Greenpeace dadurch nicht steigen. Für die 17 deutschen Atomkraftwerke müssen demnach Kapazitäten von 21.000 Megawatt ersetzt werden.

Weltweiter Verzicht auf Atomkraft und fossile Brennstoffe machbar

Zu einem ähnlichen Urteil kommt das von der Bundesregierung berufene Expertengremium für Umwelt und Entwicklung. Die Welt könne und müsse ihren Energiebedarf ohne Atomkraft und fossile Brennstoffe decken, heißt es in dem am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen (WBGU).

"Anspruchsvoller Klimaschutz ist auch ohne Kernenergie möglich", resümieren die Experten in ihrem Gutachten für die Bundesregierung. Sie machen deutlich, dass die geplante Energiewende eine "große Transformation" in Wirtschaft und Gesellschaft erfordere. Nötig für den Systemwechsel seien allerdings massive Investitionen, Änderungen im Konsumverhalten und globale Abgaben auf das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2).

Der Beiratsvorsitzende Hans Joachim Schellnhuber sprach in Berlin von einem "Umbau der Industriegesellschaft auf demokratische Weise". Niemand müsse Angst haben, dass dabei "die Lichter ausgehen", sagte der Potsdamer Klimaforscher. Das "Wohlstandsniveau" sei durch die Umstellung nicht gefährdet, allerdings seien Verhaltensänderungen nötig: "Wir werden ein bisschen effizienter mit Energie umgehen müssen."

Energiewende bis zum Jahr 2050

Als Ziel bis zum Jahr 2050 fordern die Experten die weltweite Umstellung auf eine Versorgung ohne nukleare und fossile Energieträger. Der Ausstieg aus der Atomenergie dürfe also keinesfalls "durch den Wiedereinstieg oder die Verstärkung von Energieerzeugung aus Braun- und Steinkohle kompensiert werden", mahnt der Beirat. Vielmehr sei der Atomausstieg nur durch den "massiven Ausbau der erneuerbaren Energie" machbar.

Die Atomenergie biete sich "insbesondere wegen der nicht vernachlässigbaren Risiken schwerster Schadensfälle, der ungeklärten Endlagerungsproblematik und dem Risiko unkontrollierter Proliferation" nicht als Ausweg an. Von dem in verschiedenen Ländern geplanten Bau neuer Atomkraftwerke raten die Experten daher ab. Die Atomkrise im japanischen Fukushima zeige, "dass schnelle Wege in eine klimaverträgliche Zukunft ohne Kernenergie beschritten werden müssen".

Deutsche wollen Ausstieg nicht mit Atomstrom-Import erkaufen

Die Akzeptanz eines Ausstiegs aus der Kernenergie scheint bei den Deutschen jedoch an Bedingungen geknüpft zu sein. Einer repräsentativen Umfrage des Kölner Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge lehnen rund 70 Prozent der Deutschen lehnen einen Atomausstieg ab, wenn als Konsequenz wie derzeit praktiziert Atomstrom aus dem Ausland gekauft werden muss. Nur 18 Prozent der 1086 Befragten wären trotzdem dafür, die Meiler in Deutschland für immer herunterzufahren.

Die vermehrten Importe haben allerdings nichts mit einer plötzlichen Stromknappheit in Deutschland zu tun. Sondern damit, dass dieser Strom aufgrund eines Wegfalls von billigem Atomstrom aus deutschen Atomkraftwerke für die Stromhändler günstiger war.

Zugleich ist generell eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent dafür, angesichts der Katastrophe von Fukushima noch vor dem Jahr 2020 komplett aus der Atomkraft auszusteigen.

Treibhausgas CO2 bepreisen

Der stellvertretende Beiratsvorsitzende der WBGU, Dirk Messner, trat Befürchtungen entgegen, die Energiewende sei nicht finanzierbar. "Die Daten und Zahlen zeigen uns, dass der Umstieg auf erneuerbare Energie ökonomisch Sinn macht", sagte er in Berlin. Weltweit würden die fossilen Energien mit dreistelligen Milliardenbeträgen subventioniert; durch einen Umstieg würden diese Mittel für die Förderung erneuerbarer Energien frei. Zudem seien auch die Folgekosten des Klimawandels enorm.

Die Experten schlagen der Bundesregierung eine Reihe von konkreten Maßnahmen vor. Das Treibhausgas CO2 solle "mit einem angemessenen Preis belegt werden". Eine europäische Energiepolitik müsse bis 2050 auf eine "vollständige Klimaverträglichkeit" abzielen. Wirtschaftszweige wie die Landwirtschaft sowie gesellschaftliche Prozesse wie die Verstädterung müssten "klimaverträglich gestaltet werden".

Bundesforschungsministerin Annette Schavan und Bundesumweltminister Norbert Röttgen (beide CDU) begrüßten das Gutachten bei der Übergabe als wichtigen Beitrag zur Energiediskussion. Der Beirat war 1992 von der Bundesregierung als unabhängiges Beratergremium ins Leben gerufen worden.

kng/Reuters/DPA DPA Reuters

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