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Nach AKW-Abschaltung: Deutschland wird Stromimporteur

Bislang erzeugte Deutschland mehr Strom, als es verbrauchte. Doch seit der Abschaltung der sieben Altmeiler muss Energie importiert werden. Die kommt vor allem aus dem Atomstromland Frankreich.

Die Stromversorgung in Deutschland ist seit der vorübergehenden Abschaltung der sieben ältesten Kernkraftwerke verstärkt auf Importe von Atomstrom-Produzenten Frankreich angewiesen. In der ersten Märzhälfte habe Deutschland noch wie saisonal üblich mehr Strom exportiert als importiert, sagte die Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Branchenverbandes BDEW, Hildegard Müller, am Montag auf der Hannover Messe. "Seit dem 17. März gibt es einen Einfuhrüberschuss. Die Stromflüsse aus Frankreich und Tschechien haben sich verdoppelt, die Stromflüsse in die Niederlande und in die Schweiz haben sich etwa halbiert."

Die Höhe der Importe aus Frankreich betrage bis zu 3000 Megawatt (MW) und aus Tschechien bis zu 2000 MW, teilte der Energiekonzern RWE am Montag mit. Dies sei etwa vom 20. bis 22. März jeweils um 18 Uhr der Fall gewesen. "Insgesamt gilt, dass Deutschland seit dem 16. und 17. März zum Netto-Stromimporteur geworden ist", bestätigte ein Sprecher des Konzerns die Angaben des Branchenverbandes. Bisher gab es in Deutschland dank eines steigenden Ökostromanteils Überschüsse, die ins Ausland exportiert wurden.

Jetzt ist es andersherum. In Spitzenzeiten des Verbrauchs, etwa abends gegen 18 Uhr, werden bis zu 5000 Megawatt (MW) überwiegend Atomstrom aus Frankreich und Tschechien importiert. "Insgesamt gilt, dass Deutschland seit dem 16. und 17. März zum Netto-Stromimporteur geworden ist", heißt es bei RWE, das vor einem Turbo-Atomausstieg warnt und dazu die Keule steigender Strompreise und Stromimporte schwingt. Doch so einfach ist es nicht, das ganze ist starken Schwankungen unterworfen. Am Montagmittag wurden zwar rund 4500 MW aus Frankreich, Tschechien und Dänemark importiert, aber auch 3000 MW in die Niederlande und die Schweiz exportiert. Zum Problem wird das ganze bisher vor allem in Süddeutschland, wo derzeit vier Atomkraftwerke wegen des Moratoriums und einer Revision stillstehen. Damit hier keine Engpässe entstehen, wird Strom aus dem Ausland geholt.

Dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zufolge entspricht die seit der Abschaltung der alten Meiler importierte Strommenge schätzungsweise der Hälfte dessen, was die deutschen Versorger im Vorjahreszeitraum exportiert hatten. Kritiker des Atom-Moratoriums der Bundesregierung hatten darauf verwiesen, dass es sinnlos sei, in Deutschland AKW abzuschalten, um dann fehlende Menge durch Atomstrom oder klimaschädlichen Kohlestrom aus dem Ausland zu decken. Frankreich erzeugt etwa 80 Prozent seines Stroms durch Atomkraftwerke. Tschechien greift vor allem auf Kohlekraftwerke zurück und zu etwa einem Viertel auf AKW.

Comeback der konventionellen Kraftwerke?

Die weitere Entwicklung lasse sich noch nicht abschätzen, sagte Müller. "Mittelfristig könnten sich auch andere Strategien zeigen, etwa das stärkere Ausfahren der bestehenden konventionellen Kraftwerke im Inland." Dies hänge davon ab, inwieweit sich der Betrieb dieser Anlagen lohne. Vor allem ältere Anlagen galten bislang als wenig profitabel. Dies könnte sich aber ändern, da der Großhandelspreis für Strom seit dem Atom-Moratorium deutlich gestiegen ist. AKW-Betreiber wie Eon und RWE prüfen derzeit, welche Kohle- oder Gaskraftwerke sie hochfahren können.

"Es muss auch über konventionelle Kraftwerke gesprochen werden", forderte Müller. Die Diskussion um die richtige Energiepolitik dürfe nicht auf Atomkraft und Ökostrom verengt werden. Die Bundesregierung müsse sich während des Moratoriums mit der Energiewirtschaft, darunter die Stadtwerke, beratschlagen. "Die Lösungen, die dort besprochen werden müssen, gehen weit über Fragen der Kernenergie hinaus. Es geht auch nicht nur um gesellschaftliche Akzeptanz", sagte Müller. Es müsse auch geprüft werden, ob die diskutierten Maßnahmen überhaupt in der Praxis überhaupt etwas taugten.

joe/Reuters/DPA / DPA / Reuters