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Arbeitsmarkt: DaimlerChrysler soll Schule machen

Die Einigung zwischen Vorstand und Betriebsrat beim schwäbischen Automobilbauer stößt auf allgemeine Begeisterung. Ministerpräsident Christian Wulff fordert für VW nun ebenfalls die Flexibilisierung des Flächentarifvertrags.

Nach der Einigung auf ein millionenschweres Sparpaket bei DaimlerChrysler hat Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff auch bei Volkswagen längere Arbeitszeiten gefordert. Der niedersächsische Automobilhersteller werde seine 175.000 Arbeitsplätze in Deutschland nicht erhalten können, wenn es beim derzeitigen Haustarifvertrag bleibe, sagte der CDU-Politiker der "Berliner Zeitung" vom Samstag.

"Wenn wir flexibel sind, kreativ sind, bereit sind, mehr Arbeit zu anderen Bedingungen zu leisten, dann haben wir die Chance, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern", sagte Wulff, der Mitglied im Aufsichtsrat der Volkswagen AG ist. Er wünsche sich, dass die Tarifparteien an dieser Stelle vorankämen. Eine generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche halte er für angemessen, sagte Wulf. Volkswagen hat bereits eine 30-prozentige Kostensenkung beim Personal angekündigt. Am Freitag senkte der Autobauer seine Gewinnprognose von 2,5 Milliarden Euro auf 1,9 Milliarden Euro.

Stoiber: "Zukunftssignal für Deutschland"

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat die Einigung beim Autokonzern DaimlerChrysler auf ein drastisches Sparprogramm als "Zukunftssignal für Deutschland" bezeichnet. Die Vereinbarung sei sicherlich auch für viele andere Unternehmen der richtige Weg zum Erhalt von Arbeitsplätzen, sagte Stoiber in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA. "Die Einigung zeigt, dass wir Deutsche bereit und willens sind, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen."

Vorstand und Betriebsrat des Autokonzerns hatten sich auf ein Sparpaket von jährlich 500 Millionen Euro geeinigt. Dafür werden im Gegenzug die Arbeitsplätze in Deutschland bis zum Jahr 2012 gesichert. Der Konzernvorstand verzichtet dauerhaft auf zehn Prozent Gehalt. "Die Forderung der Union nach betrieblichen Bündnissen für Arbeit hat jetzt den Praxistest bestanden", sagte Stoiber. Im Falle einer Regierungsübernahme nach der Bundestagswahl 2006 würden CDU/CSU deshalb diese betrieblichen Bündnisse auch gesetzlich verankern.

Ausdrücklich begrüßte der CSU-Chef die Bereitschaft von DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp zum Gehaltsverzicht. "Wenn von den Arbeitern ein Beitrag zum Erhalt der Arbeitsplätze erwartet wird, sollten auch die Top-Ebenen der Unternehmen einen Beitrag zur Kostensenkung erbringen. Das ist absolut richtig."

Flexibilisierung sichere Arbeitsplätze

Der CSU-Chef bekräftigte seine Forderung, die Bezüge der Spitzenmanager nach angelsächsischem Vorbild offen zu legen. Zudem sollten die Einkommen stärker an den geschäftlichen Erfolg oder Misserfolg des jeweiligen Unternehmens gekoppelt werden. "Eine gesetzliche Begrenzung der Managerbezüge wäre aber falsch, weil sie Top-Leute aus Deutschland fern halten oder vertreiben würde", sagte Stoiber.

Die Einigung bei DaimlerChrysler auf Sparprogramm zeigt auch nach Ansicht des Berliner Wirtschaftsforschers Klaus Zimmermann, dass sich Deutschland mit großen Schritten auf ein anpassungsfähigeres Flächentarifsystem zu bewegt. In einem Interview der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), diese Entwicklung werde den Flächentarifvertrag insgesamt stärken und stabilisieren. "Unterhalb der Lockerung des Flächentarifvertrags wurde bei DaimlerChrysler offenbar alles gemacht, was Kosten senkt und Flexibilität erhöht." Nur die Nutzung aller Möglichkeiten zur Flexibilisierung sichere Wettbewerbsfähigkeit und damit Arbeitsplätze.

Bei den Löhnen am Ende der Fahnenstange angekommen

Generelle Lohnkürzungen oder Arbeitszeitverlängerungen lehnte Zimmermann ab. Nach Jahren geringer Einkommenssteigerungen sei man bei Lohnzurückhaltung, "weitgehend am Ende der Fahnenstange angekommen". Die Unternehmen müssten durch flexiblere Arbeitszeiten mehr Möglichkeiten erhalten, auf unterschiedliche Auftragslagen und Konjunkturschwankungen zu reagieren. Längere Arbeitszeiten gebe es längst. Vollzeitbeschäftigte hätten im vergangenen Jahr durchschnittlich 43 Wochenstunden gearbeitet.

DPA/AP / AP / DPA