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Bergbau-Altlasten: Wer zahlt die Zeche?

Der Chef des Steinkohlekonzerns RAG, Werner Müller, will Bergbau-Altlasten beim Staat abladen. Es geht auch um seinen Job.

Werner Müller, Chef des hoch subventionierten Steinkohlekonzerns RAG, ist ein geschmeidiger Mann. Im NRW-Wahlkampf unterstützte er die kohlefreundliche SPD. Großspurig versprach Kanzler Schröders Ex-Wirtschaftsminister dem Stammland der Sozialdemokraten neue Fördertürme und Koksöfen.

Dabei dachte Müller schon Wochen vor der Landtagswahl an das Ende des Bergbaus. Bereits im März roch die politische Spürnase den Machtwechsel am Rhein und traf sich, wie er auf Anfrage bestätigte, mit dem CDU-Spitzenkandidaten und Bergbaukritiker Jürgen Rüttgers. Müller erläuterte ihm seine Börsenpläne für die RAG und ließ durchblicken, dass er im Falle der Regierungsübernahme durch Schwarz-Gelb dem Stopp der Steinkohlesubventionen keinen Widerstand entgegensetzen werde. Bedingung: Unterstützung beim Kurs der RAG Richtung Börse. Womöglich könne NRW vom Emissionserlös profitieren, deutete Müller an. Rüttgers war angesichts leerer Kassen erregt. "Was für die RAG gut ist, ist auch gut für NRW", sagte er kurz darauf.

Folgerichtig zog Müller acht Tage nach der Wahl die Zusage zum bereits geplanten Ausbau einer Kokerei wieder zurück und gestand mit inszeniertem Kleinmut ein, es sei "das Recht der Politik, den deutschen Steinkohlebergbau zu schließen". Das Genehmigungsverfahren für eine neue Zeche in Hamm läuft zwar weiter. Doch das zieht sich Jahre hin - ob sie dann wirklich gebaut wird, ist unsicherer denn je.

Börse statt Bergbau - es geht nicht mehr nur um die Kumpel. Es geht längst auch um Müllers Job. Misslingt ihm der Gang aufs Parkett, dürften seine Tage als RAG-Vorstandsvorsitzender gezählt sein. Seit seinem Amtsantritt hat er sich stets auf Duz- und Kohlefreund Schröder verlassen. Bei den Wahlen im Herbst droht ihm nun die gesamte Berliner Lobby wegzubrechen. Und bei den RAG-Mehrheitseigentümern Eon, RWE und Thyssen-Krupp hat er "nicht einen einzigen Freund mehr", verrät ein Gesellschafter. Sie fühlen sich "völlig genervt davon, dass Müller ständig mit dem Kanzler winkt". Top-Manager bezeichnen ihn als "rüde" und "arrogant".

Noch wird Müller gebraucht: Er soll sämtliche Folgelasten des Bergbaus auf den Staat abwälzen, um die RAG für den Börsengang aufzupolieren. Rund 550 Millionen Euro im Jahr zahlt die Firma derzeit für Pensionen, Bergbauschäden und Pumpwerke, die das ausgehöhlte Ruhrgebiet auf ewig vor Überflutung durchs Grundwasser schützen müssen. Experten schätzen, dass die Kosten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag nie unter 100 Millionen jährlich sinken. Als Gegenleistung lockt Müller mit fünf Milliarden Euro aus dem Börsengang.

Die RAG-Gesellschafter könnten so aber die unkalkulierbaren Risiken aus ihren Büchern löschen. Und sie wollen noch einige Millionen für ihre RAG-Anteile einfahren. Den kompletten Erlös von der Börse, wie von Müller geplant, wollen sie nicht an den Staat abgeben. Schließlich hatte der RAG-Chef im März selbst verkündet, der Konzern sei satte neun Milliarden Euro wert.

Das brachte damals den Eon-Boss und RAG-Aufsichtsratschef Wulf Bernotat in Bedrängnis: Angelsächsische Aktionäre fragten sich, warum ein Konzern, der neun Milliarden wert sei, den Besitzern trotzdem nur je einen Euro bringen soll. "Wäre der Müller nicht vorgeprescht, hätte das alles so laufen können", heißt es aus dem Management eines RAG-Eigentümers. "So aber ist der Börsengang in weite Ferne gerückt." Die Gesellschafter lassen nun bis zum Herbst von Wirtschaftsprüfern exakt ausrechnen, wie viel die RAG wirklich wert ist.

Rolf-Herbert Peters/Jan Boris Wintzenburg / print