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Bernd Osterloh: "Volkswagen kann ohne Porsche"

Der VW-Betriebsrat hat den Einstieg von Porsche in Frage gestellt: "Volkswagen ist in der Lage, mit oder ohne Porsche, weltweit zur Nummer eins zu werden", sagte Bernd Osterloh im stern.de-Interview und kündigte an, im Streit um die Mitbestimmung notfalls vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen.

Herr Osterloh, sind die Protestplakate schon fertig?

Ja, klar.

Mit welchem Aufmarsch rechnen Sie vor der Hauptversammlung?

Das Problem ist, dass die Platzverhältnisse in Hamburg sehr beengt sind. Wenn wir nicht auf die Moorweide ausweichen wollen, können wir mit maximal 1000 bis 1200 Beschäftigten vor Ort protestieren.

Sie wenden sich gegen die Pläne des VW-Großaktionärs Porsche. Andere Firmen würden sich wünschen, ein Familienunternehmen wie Porsche als langfristigen Anteilseigner gewonnen zu haben.

Wir haben den Einstieg von Porsche bei Volkswagen damals begrüßt. Aber da war auch nicht erkennbar, dass Zuffenhausen zum Generalangriff auf die Rechte unserer 360.000 Kolleginnen und Kollegen bläst. Es geht um über 50 Standorte weltweit. Porsche und Volkswagen haben eine sehr unterschiedliche Unternehmenskultur. Bei uns hat das Thema Beschäftigungssicherung einen gleich hohen Stellenwert wie das Thema Wirtschaftlichkeit. Bei Porsche ist so etwas für uns bisher nicht erkennbar.

Porsche war in den vergangenen Jahren nicht dafür bekannt, massenhaft Leute zu entlassen oder Produktion ins Ausland zu verlagern.

Porsche baut 100.000 Autos im Jahr und verdient damit und mit guten Bankgeschäften eine Menge Geld. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ein Mittelständler auch in der Lage ist, ein Unternehmen mit 360.000 Mitarbeitern erfolgreich zu führen.

Sie trauen Porsche nicht zu, Volkswagen erfolgreich zu führen?

Ich habe die Aufgabe, die Belegschaft zu schützen. Wir sind die Anwälte unserer Kolleginnen und Kollegen. Im Moment fehlt mir einfach das Vertrauen in einige Personen bei Porsche. Wir wollen, dass Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit auch in Zukunft gleichrangige Unternehmensziele bei VW sind. Während andere tausende Menschen entlassen haben, wurde bei VW die Vier-Tage-Woche eingeführt. Diese Möglichkeit, innovative Lösungen für Krisen zu finden, gilt es zu erhalten. Ich bin nicht gegen Porsche, ich weiß nur überhaupt nicht, was Porsche mit uns vorhat. Porsche und Volkswagen sind einfach zwei grundverschiedene Unternehmen. Der eine ein Mittelständler und der andere ein Welt-Konzern mit neun Marken.

Ein Großaktionär von Porsche war mal Vorstandsvorsitzender bei Volkswagen. Also ganz so groß dürfte die Unkenntnis nicht sein.

Ferdinand Piëch hat in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender bewiesen, dass er ein genialer Autokonstrukteur ist. Und gleichzeitig auch soziale Kompetenz besitzt. Mit ihm konnten wir immer über die Rettung von Standorten sprechen. Leider führt er aber nicht das operative Geschäft bei Porsche.

Sie setzen sich auch dafür ein, dass das Land Niedersachsen mit einem Anteil von 20 Prozent eine Sperrminorität behält. Warum? Eine solche Ausnahmeregelung gibt es bei keinem anderen Unternehmen in Deutschland.

Das Land Niedersachsen sieht bestimmte Punkte wie die Standort- und Beschäftigungssicherung anders als jemand, der nur auf die Rendite schaut. Sie wissen doch, was bei Nokia passiert ist und Sie wissen, was bei Electrolux passiert ist. Ich habe als Gesamtbetriebsratsvorsitzender gerne noch einen zweiten Aktionär, der andere Schwerpunkte setzt.

Sie vergleichen Porsche mit Nokia?

Wer gibt mir die Garantie, dass Porsche nicht genauso handelt wie Nokia in Bochum?

Dass bei VW keine Margen möglich sind, wie bei einem Sportwagenhersteller, weiß man wahrscheinlich auch in Zuffenhausen.

Glauben Sie das? Ich lese die Presse und staune über Aussagen wie: Es ist nicht wichtig, wie viele Autos man verkauft, sondern dass man damit Geld verdient. Ein Mittelständler tritt mit solchen Sätzen an, um einen Großkonzern zu übernehmen. Unglaublich.

Ist eine Einigung überhaupt noch möglich? Beide Seiten haben sich in den jeweiligen Schützengräben verschanzt.

Wir werden von der Forderung einer angemessenen Beteiligung an der Mitbestimmung von VW nicht abrücken.

Das schließt Porsche jedoch kategorisch aus.

Wenn Porsche eine angemessen Beteiligung ausschließt, dann brauchen wir nicht zu reden. Nur: Wir gehen notfalls durch alle Instanzen. Dann treffen wir uns eben das nächste Mal vor Gericht, genauer gesagt am 29. April vor dem Arbeitsgericht Stuttgart und dann wieder vor dem Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg und dann eben vor dem Bundesarbeitsgericht. Porsche hat eine europäische Aktiengesellschaft gegründet. In der letzten Konsequenz werden wir deshalb auch, wenn man uns die Möglichkeit gibt, bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. Spätestens dort werden dann alle Fragen geklärt.

Das Klima scheint so vergiftet, dass eine gütliche Einigung kaum noch möglich ist.

Ich sage seit einem dreiviertel Jahr, dass ich an einer Einigung interessiert bin. Was ich nicht akzeptieren kann, ist ein Basta aus Zuffenhausen. Wir brauchen ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe.

Wann haben Sie zum letzten Mal Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück getroffen?

Wir telefonieren öfter. Wir arbeiten miteinander und respektieren uns.

Herr Hück kämpft mit Ihnen um eine gute Mitbestimmung von Volkswagen innerhalb der Porsche Holding?

Er sichert die Belange der Belegschaft von Porsche, ich die der von Volkswagen. Die Porsche-Belegschaft macht einen guten Job, wir kämpfen nicht gegeneinander. Ich will nur eine angemessene Beteiligung der VW-Belegschaft sichern. Dann steht einer guten Zusammenarbeit mit Porsche nichts im Wege.

Dann verzichten Sie auch auf Ihren Widerstand beim Thema Sperrminorität?

Auf keinen Fall. Ich kann auch gut mit zwei Großaktionären, vor allem mit einem wie dem Land Niedersachsen, leben.

Porsche nicht.

Was passiert, wenn Niedersachsen noch fünf Prozent dazukauft?

Dann bräuchte man keine Ausnahmeregelung. Ministerpräsident Christian Wulff hat sich aber in dieser Richtung bisher nicht geäußert.

Muss er auch noch nicht - er hat genügend Zeit.

Halten Sie das wirklich für wahrscheinlich?

Volkswagen ist ein extrem erfolgreiches Unternehmen. Da kann ich ihren Pessimismus nicht teilen. Wir haben im vergangenen Jahr über sechs Millionen Fahrzeuge verkauft. Wir sind in den kommenden Jahren in der Lage, mit oder ohne Porsche, weltweit zur Nummer eins zu werden. Und mindestens so profitabel zu werden wie Toyota.

Porsche braucht VW, aber VW nicht Porsche?

Ganz genau. EU-Kommissar Günther Verheugen hat gesagt, wenn Porsche die Mehrheit bei Volkswagen übernimmt, sind sie beim Thema CO2 fein raus. Wolfgang Porsche hat etwas Ähnliches auch im stern gesagt, oder? VW ist auf Erfolgskurs. Den wollen wir mit Dr. Winterkorn fortsetzen. Eine Marke im Sportwagensegment brauchen wir dafür nicht unbedingt. Schließlich haben wir schon Lamborghini in unserer Palette.

Interview: Marcus Gatzke