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Handys, Laptops und Co.: Der Schlüsselrohstoff Lithium könnte das arme Bolivien reich machen. Doch zu welchem Preis?

Hier, in den bolivianischen Anden, lagert der wichtigste Stoff für die digitale Revolution: Lithium. Welche Chance für das ärmste Land Südamerikas! Und welche Gefahr für seine Natur.

Von Silke Gronwald

Bolivien: Lithium könnte dem armen Land zu Reichtum verhelfen

Am Salar de Uyuni in Bolivien, dem größten Salzsee der Welt, beladen Salzbauern ihren Laster

Die schneeweiße Mondlandschaft funkelt in der Sonne, die dicken Krusten aus Salzkristallen erinnern an zersplitterte Eisschollen – bei jedem Schritt knirschen sie unter den Schuhen. Auf der endlosen Ebene ragen in der Ferne einige wenige Riesenkakteen auf, wie Wolkenkratzer am Horizont. Hoch darüber, im makellos blauen Himmel, segeln mit ruhigem Flügelschlag rosa leuchtende Flamingos.

Glitzernd, kitschig, surreal – der Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Welt, wirkt, als hätte sich ein Hollywood-Genie als Landschaftsgärtner verwirklicht und eine Art psychedelisches Winter-Wonderland geschaffen.

Gigantische Salzpfanne

Der See liegt auf knapp 3700 Meter Höhe, mitten in den bolivianischen Anden. Mit 10.000 Quadratkilometern ist er zwölfmal so groß wie Berlin – man kann ihn sogar aus dem Weltall sehen. Tagsüber brennt die Sonne, nachts fällt die Temperatur schon mal auf minus zehn Grad.

Magdalena und Manuel (hinten) arbeiten als traditionelle Salzbauern. Sie ­fürchten massive Umweltschäden durch den Lithiumabbau.

Magdalena und Manuel (hinten) arbeiten als traditionelle Salzbauern. Sie ­fürchten massive Umweltschäden durch den Lithiumabbau.

Die extremen Klimabedingungen und die dünne Höhenluft haben über Jahrmillionen hinweg das Wasser verdunsten lassen. Zurück blieb eine gigantische Salzpfanne, bedeckt mit dieser meterdicken Kristallkruste. Jedes Jahr, wenn die Regenzeit über die Anden kommt, sammelt sich hier eine dünne Wasserschicht, wenige Zentimeter nur, die die Wüste dann in einen gigantischen Spiegel verwandeln.

Seit Menschengedenken schön, seit Menschengedenken unwirtlich, so lag der Salar de Uyuni unbeachtet und einsam in den Anden – bis…, ja, bis die Welt süchtig wurde nach einem Rohstoff. Denn hier, in der bolivianischen Hochebene, lagert der Schlüsselrohstoff des 21. Jahrhunderts: Lithium. 3Li, das leichteste aller festen Elemente und heute, nach vielen Jahrhunderten der Nichtbeachtung, der neue Superstar im Periodensystem.

Dieses unscheinbare weiße Pulver ist die wichtigste Zutat, um Hochleistungsakkus herzustellen, wie sie in Laptops, Smartphones und vor allem in Elektrofahrzeugen verbaut werden. Der große Vorteil von Lithiumbatterien: Sie lassen sich wieder und wieder aufladen, ohne, wie herkömmliche Nickel-Kadmium-Modelle, irgendwann Ladekapazität zu verlieren. Lithiumbatterien sind immun gegen den sogenannten Memory-Effekt – und deshalb wichtige Voraussetzung für die Technik einer digitalen Gesellschaft.

Die unterirdisch fließende Sole wird durch dicke Rohre an die Oberfläche gepumpt, und in Pools getrocknet

Die unterirdisch fließende Sole wird durch dicke Rohre an die Oberfläche gepumpt, und in Pools getrocknet

Noch bis zur Jahrtausendwende genügten rund 70.000 Tonnen Lithium, um den weltweiten Bedarf zu decken. Man verwendete den Rohstoff vor allem in der Glas- und Keramikindustrie. Auch die Gesundheitsbranche nutzte ihn in geringen Mengen – als Medikament, um bipolare Störungen und Depressionen zu behandeln.

"Weißes Gold" aus Bolivien

Heute stecken in jedem einzelnen Handy einige Gramm des Leichtmetalls, in einem Laptop sind es immerhin schon 30 Gramm und in einer normalen Elektroautobatterie knapp 20 Kilo. Der Tesla S, mit 310 Kilowattstunden das leistungsstärkste Modell der Elon-Musk-Flotte, kommt sogar auf rund einen Zentner Lithium pro Fahrzeug. Der Bedarf hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht, und Experten gehen davon aus, dass er sich bis 2025 noch einmal verdoppeln wird.

Die Sole wird in das begehrte Lithium­carbonat verwandelt

Die Sole wird in das begehrte Lithium­carbonat verwandelt

Zum Glück sind die Reserven an Lithium, anders als bei Seltenen Erden, hoch. Allein im Salar de Uyuni sollen nach einer Schätzung der bolivianischen Regierung bis zu 140 Millionen Tonnen lagern - eines der größten Vorkommen weltweit.

Wellblechhütten und einige rostige Lastwagen säumen den Weg, an dessen Ende ein mehrstöckiger Firmenkomplex steht: die Fabrik Planta Llipi in der Region Potosí am Rande der Salzwüste. Die Fabrik gehört dem bolivianischen Staat. Der Ingenieur Lino Fita trägt einen weißen Schutzhelm und einen roten Overall. Ein Berg des weißen Goldes“ liegt vor ihm auf dem Tisch. Fita überwacht den chemischen Prozess und kontrolliert den Reinheitsgehalt des Produkts.

Luisa Flores (r.) betreibt ein kleines Hotel am Rande des Salar de Uyuni. Die Wände der Herberge sind aus Salzblöcken gemauert.

Luisa Flores (r.) betreibt ein kleines Hotel am Rande des Salar de Uyuni. Die Wände der Herberge sind aus Salzblöcken gemauert.

Um an den Schatz des Salzsees zu kommen, muss das Unternehmen die unterirdisch strömende, salzhaltige Sole an die Oberfläche pumpen und nach und nach in eine Kette von unterschiedlich großen Verdunstungsbecken leiten. Dann wirkt die Kraft der Sonne. Über mehrere Monate hinweg reduziert sie die Flüssigkeit, bis das Lithiumchlorid in den rechteckigen Pools die nötige Konzentration erreicht hat. Anschließend wird die Lösung mit Natriumcarbonat versetzt, um Lithiumcarbonat zu erhalten. Erst jetzt kann das begehrte Material gefiltert, getrocknet und von Baggern in dicke Plastiksäcke abgefüllt werden, die schließlich in die Welt hinausgeschickt werden – in die USA, nach China und Europa, wo derzeit riesige Batteriefabriken entstehen.

Alpakas und Quinoa

An den Börsen wird das Leichtmetall mit bis zu 10.000 Dollar pro Tonne gehandelt. Damit hat sich der Preis innerhalb der vergangenen zehn Jahre mehr als verdoppelt. Für die Investmentbanker des New Yorker Geldhauses Goldman Sachs ist die Substanz das Benzin des 21. Jahrhunderts. Sie glauben an das unmittelbar bevorstehende Ende des Otto-Motors und die künftige Vorherrschaft der E-Mobilität. Heute ist der prozentuale Anteil der elektrisch angetriebenen Fahrzeuge zwar noch einstellig. In China waren es Ende vergangenen Jahres gerade mal 3,9 Prozent, in Deutschland erst 1,9 – aber die Wachstumsraten sind enorm. Laut dem Forschungszentrum ZSW in Stuttgart lag die Zahl der Neuzulassungen von Elektroautos 2018 weltweit bei 2,2 Millionen. Schon in zwei Jahren, so Experten, könnten es doppelt so viele sein.

Uyuni ist mit rund 20000 Einwohnern die größte Stadt der Region. Die Landbevölkerung lebt unter anderem von der Alpakazucht.

Uyuni ist mit rund 20000 Einwohnern die größte Stadt der Region. Die Landbevölkerung lebt unter anderem von der Alpakazucht.

Solche Zahlen wecken die Sehnsüchte der Anleger, man setzt begeistert auf den Rohstoff – doch wie viel der finanziellen Hoffnung kommt als echtes Geld bei der Bevölkerung Boliviens an? Können die Armen in dieser Region vom Boom profitieren?

Luisa Flores betreibt ein kleines Hotel am südlichen Zipfel der Uyuni-Wüste. Ihr Haus ist komplett aus dem Salz des Sees gebaut. Die Dorfbewohner sägen handliche Blöcke aus der harten Kruste und vermauern sie wie Backsteine.

Auch Quinoa-Anbau wird betrieben

Auch Quinoa-Anbau wird betrieben

Flores, eine freundliche Frau mit wettergegerbtem Gesicht und rundem Rücken, steht in der kleinen Küche. Auf dem Gasherd dampft ein Topf mit Suppe, auf dem Tisch liegt eine geblümte Plastikdecke. Von der Lithiumproduktion, die gar nicht weit entfernt so erfolgreich betrieben wird, bekommen die Menschen im Dorf nur wenig mit. Sie leben weiter von der Alpakazucht und dem Anbau von Quinoa, dem Grundnahrungsmittel der Region. In den Fabrikhallen zur Lithiumherstellung sind vor allem Facharbeiter aus der fernen Hauptstadt La Paz angestellt. Und die übernachten nicht im Hotel von Luisa Flores, sondern in eigenen Unterkünften nahe der Fabrik. Nur neulich, da kam doch mal ein Vertreter der Fabrik bei ihr vorbei und versuchte, sie zu den örtlichen Wasservorkommen auszufragen. Die sonst so redselige Frau schwieg beharrlich und schickte den Beamten zum Teufel. Dabei wollte sie ihm auf keinen Fall behilflich sein. In einer der trockensten Regionen der Welt ist ­Wasser ein kostbares Gut.

Saudi-Arabien Südamerikas

Bei allen finanziellen Hoffnungen, die sich an das Lithium knüpfen, bleibt ein großes ökologisches Problem: Die Produktion verschlingt gigantische Mengen an Wasser. Für eine einzige Tonne Lithium, so der forensische Geologe Fernando Díaz von der Universität Buenos Aires, werden bis zu zwei Millionen Liter Wasser benötigt.

Der chinesische Auto- und Batteriehersteller Xindayang Electric Vehicle produziert gelbe Elektro-Minis in Serie. Alle sind mit Lithiumzellen ausgestattet.

Der chinesische Auto- und Batteriehersteller Xindayang Electric Vehicle produziert gelbe Elektro-Minis in Serie. Alle sind mit Lithiumzellen ausgestattet.

Umweltschützer beobachten die steigende Produktion weltweit deshalb mit Sorge. Sie fürchten, dass die Lebensgrundlage der örtlichen Bauern verloren geht. Die Organisation Brot für die Welt“ hat die Situation in den Gebieten rund um den Uyuni-See analysiert und kommt zu dem Schluss, dass sich schon jetzt ernste Umweltprobleme zeigen. Der Grundwasserspiegel sinkt, und angrenzende Flussebenen und Vegetationen vertrocknen. Im Report des Hilfswerks heißt es: Für die indigenen Gemeinschaften vor Ort wird es immer schwieriger, ihrer traditionellen Lebensweise, die sich auf Viehzucht, Landwirtschaft und die Gewinnung von Salz gründet, nachzugehen. Obwohl das Land den indigenen Gemeinschaften gehört, werden sie in die Entscheidung über den Lithiumabbau nicht einbezogen.“

Die Belange der Bauern spielen politisch bisher kaum eine Rolle. Für den bolivianischen Präsidenten Evo Morales ist nicht Landwirtschaft, sondern Lithium die strategisch wichtigste Ressource. Der dienstälteste Staatschef Südamerikas will sämtliche Produktionsstufen – vom Trocknen des Salzwassers bis zum fertigen Akku – komplett in bolivianischer Hand behalten. So hofft er, dass sein Land eine Art Saudi-Arabien Südamerikas werden könnte.

Wegen Smogs und der schlechten Sicht müssen in Harbin im Nordosten Chinas immer wieder Flüge gestrichen, Auto­bahnen gesperrt und Schulen geschlossen werden.

Wegen Smogs und der schlechten Sicht müssen in Harbin im Nordosten Chinas immer wieder Flüge gestrichen, Auto­bahnen gesperrt und Schulen geschlossen werden.

Ein äußerst ehrgeiziges Vorhaben in dem technisch unterentwickelten Land, für das es sicher ausländisches Kapital und Know-how brauchen wird. Deshalb hat der Präsident der 2017 gegründeten staatlichen Firma Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) erlaubt, Partnerschaften mit privaten ausländischen Firmen einzugehen. Einzige Voraussetzung: Die YLB muss die Mehrheit behalten.

Lithium für bis zu 150.000 Volkswagen-Akkus

Und so gründete YLB im vergangenen Dezember ein Joint Venture mit dem schwäbischen Mittelständler ACI. Für die Firma aus Zimmern bei Rottweil ist das ein großer Erfolg. Wolfgang Schmutz, gelernter Maschinenbauer und Eigentümer der ACI-Gruppe, schaffte damit, woran viele Großkonzerne zuvor gescheitert waren. Er gewann das Vertrauen der Südamerikaner.

Durch den Aufbau der Partnerschaft erhält Deutschland nun Zugriff auf den begehrten Batterierohstoff: Lithium für bis zu 150.000 Volkswagen-Akkus. Das schwäbische Unternehmen verspricht, ein Verfahren zu nutzen, das den Wasserhaushalt der Region nicht belasten soll. Zudem will es Sozial- und Umweltstandards einhalten. Die Förderung soll im Jahr 2022 starten. Die Menschen der Region hoffen, dass die Versprechen der beiden Unternehmen mehr als ein guter Vorsatz sind.