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Gesetz zum Schutz von Prostituierten: Paragrafen und Papierkram: Über die neue Existenzangst von Bordellen

Ein Gesetz soll Huren vor Ausbeutung und Gewalt schützen. Doch viele Bordelle fürchten um ihre Existenz. Die Rotlicht-Akademie bietet Hilfe an.

Von Isabel Stettin

Existenzangst einiger Bordelle: die Rotlicht-Akademie bietet Hilfe

Die Dame links im Bild wird dafür geschätzt, dass sie die Regeln bestimmt. Doch nun muss sie auch Parkplätze für Freier an ihrem Bordell nachweisen können. Christoph Rohr berät Puffbetreiber und Prostituierte zu den Regelungen des Prostitutionsschutzgesetzes

An einem trüben Dienstagnachmittag steuert Christoph Rohr seinen Ford-Kastenwagen in ein verschlafenes Gewerbegebiet am Rande Stuttgarts. Er parkt vor einem dreistöckigen Haus und nimmt seinen silbernen Aktenkoffer. Anna K.*, 42, erwartet ihn in Lederhosen. Hinter ihr stehen eine Streckbank, ein Gitterkäfig, ein Gynäkologenstuhl. Es ist Ruhepause im Sadomaso-Studio. Ungenutzt hängen die ledernen Handfesseln am Andreaskreuz.

Seit 20 Jahren leitet Anna K. das Studio, ihre Mitarbeiterinnen erfüllen ausgefallene Wünsche zahlungskräftiger Männer. Aber seit einem halben Jahr schlagen sie sich auch mit anderen Problemen herum.

"Bisher war es leichter, einen Puff aufzumachen als eine Pommesbude"

Im Sommer 2017 trat das "Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen" in Kraft, kurz "ProstSchG": 38 Paragrafen, die es in sich haben. "Vier Kilo habe ich wegen dieses Bürokratiemonsters abgenommen", klagt Anna. Sie, die "gestandene Domina", verbringe schlaflose Nächte bei "Rechercheorgien" im Internet, getrieben von der Angst, Details zu übersehen, Fristen zu verpassen, am Ende ihr Etablissement schließen zu müssen. So stieß sie auf die Website der "Rotlicht-Akademie". Deshalb sitzt jetzt Christoph Rohr auf ihrer roten Ledercouch.

Rohr, 45, gelernter Industriekaufmann und Energieanlagentechniker, hat vor einem halben Jahr die Rotlicht-Akademie gegründet. Um sich hat er ein Netz von Experten geknüpft, Steuerfachanwälte, Verwaltungswirte, Baurechtler und Menschen wie Michael Beretin, ein als "Rotlicht-Experte" bei RTL 2 bekannter Swingerclub-Manager.

Rohr berät Huren und Bordellbesitzer. "Bisher war es leichter, einen Puff aufzumachen als eine Pommesbude. Das ist jetzt vorbei." Und nun läuft die Übergangsfrist aus. Bis Januar müssen Betreiber ihr Gewerbe anmelden, Prostituierte jeden Geschlechts müssen zur Gesundheitsberatung gehen und einen Ausweis bei sich führen, in der Szene "Hurenpass" genannt. Bordellbetreibern drohen bei Verstößen Bußgelder bis zu 50.000 Euro.

Der Versuch, Ordnung ins Milieu zu bringen und Sexarbeiterinnen zu schützen, überfordert nicht nur die Branche. Das bayerische Sozialministerium räumt "Anlaufschwierigkeiten" ein. Und bundesweit können viele Kommunen erst vom Frühjahr an die Prostituierten registrieren.

"Jammern hilft nichts", sagt Rohr. Gut 30 Rat suchende Betriebe hat er in den vergangenen Wochen besucht, in Regensburg, Konstanz, Augsburg. Manchmal mietet er Tagungsräume in Hotels und hält Seminare ab. Dann sitzt die Tantra-Masseurin neben dem Laufhausbetreiber, die Escort-Dame neben dem Leiter eines FKK-Clubs, um über die Einstufung von Prostituierten als Subunternehmer, Selbstständige oder Arbeitnehmer zu diskutieren.

Die damalige Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hatte das ProstSchG 2016 auf den Weg gebracht. Ihr Ziel: die Frauen vor Ausbeutung, Menschenhandel, Gewalt und Krankheiten zu schützen. Gut gemeint, schlecht gemacht, sagen Kritiker. Denn das Gesetz unter grabe die Grundrechte von Prostituierten. Der Frankfurter Verein Doña Carmen hat gemeinsam mit 24 Unterstützern aus der Branche eine Verfassungsbeschwerde formuliert. "Das Prostituiertenschutzgesetz schützt die Frauen in der Prostitution so wenig wie die Sonnencreme die Sonne", schreibt der Verein.

Domina Sandra fürchtet ein "Zwangsouting"

So müssen Huren beim Gesundheitsamt Namen, Meldeadresse, Geburtsdatum und -ort, Staatsangehörigkeit, Passbilder und geplante Arbeitsorte hinterlegen. Im "Hurenpass" dürfen sie zwar einen Aliasnamen eintragen lassen, unklar ist aber, wer auf die gespeicherten Daten zugreifen kann. Auch Domina Sandra*, die sich beim Beratungstermin dazugesetzt hat, fürchtet ein "Zwangsouting". Für ihre Studioleiterin Anna wird es darum immer schwerer, genügend Frauen zu finden. Einige haben bereits aufgegeben – aus Angst. Andere Prostituierte machen weiter, illegal. Damit bleiben sie auf sich allein gestellt und schlecht geschützt. Obwohl das Gesetz sie genau davor bewahren will.

Hauptberuflich arbeitet die 32-jährige Sandra als Marketingangestellte. Wie viele ihrer Kolleginnen – Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern, Psychologinnen – wird sie erst nach Feierabend zur Domina. Seit zehn Jahren mietet sie sich für Doktor- und Erziehungsspiele in SM-Studios ein. Von Rohr erhofft sie sich Tipps, wie sie ihr Doppelleben vor Familie und Kollegen schützen kann.

"Auch ich habe nicht auf alles eine Antwort", sagt Rohr seufzend. Doch er hat einen Vorschlag: Per Whatsapp oder E-Mail leitet er Nachrichten an jene Frauen weiter, die von Stadt zu Stadt reisen, die in Deutschland keinen festen Wohnsitz haben oder wie Sandra keine verfängliche Post erhalten wollen. "Deine Meldeadresse kann dann anonym bleiben", erklärt Rohr. Er hinterlässt einen Stapel Werbeflyer seines Services "zustellanschrift.de" für 99 Euro pro Jahr. Dann setzt er sich wieder ans Steuer.

Rohr ist einer der wenigen, die vom neuen Gesetz profitieren. "Natürlich bin ich keine Hilfsorganisation, sondern Geschäftsmann", gibt er zu. 150 Seminarteilnehmer hat er geschult. Der Kaufmann stammt selbst aus dem Milieu. Sechs Jahre leitete er den Swingerclub "Fiagra" in Ulm, er betrieb eine Tabledance-Bar, eine Erotikdisco, organisierte Schaumpartys und nannte sich "jüngster Swingerclub-Besitzer" Deutschlands, da war er 28. Den Ärger über bürokratische Vorschriften kenne er aus eigener Erfahrung, sagt Rohr. Er erinnert sich an Inspektoren des Ordnungsamts, die an den schweren Vorhängen seines Clubs zündelten, um den Stoff auf den vorgeschriebenen Entflammschutz zu überprüfen. Weil ihn immer mehr Kollegen im Milieu wegen der anstehenden Änderungen um Rat fragten, gründete Rohr die Rotlicht-Akademie und bot in Ulm das erste Seminar an.

"Einige sind extra 100 Kilometer gefahren, um vor Kollegen aus ihrer Stadt nicht über ihre Zukunftssorgen reden zu müssen", erzählt Rohr. "Wie früher im Swingerclub hatten Nachbarn und Konkurrenten allerdings den gleichen Gedanken."

"Sensibilisieren Sie zur Situation von Opfern von Menschenhandel?"

Rohr parkt vor einem gutbürgerlichen schwäbischen Lokal in Stuttgart. Er ist mit Christina Serli, 51, verabredet, Geschäftsname: Verena. Toupierter schwarzer Zopf, Pfälzer Zungenschlag, der Silberschmuck an den Händen klimpert. Früher habe sie im Vertrieb gearbeitet, erzählt Serli. In einer "Sektlaune" habe sie beschlossen, einen Puff zu eröffnen. 2011 mietete sie die erste Wohnung an, suchte über eine Onlineplattform Prostituierte. Elf weitere Terminwohnungen für rund 20 Hostessen und Escort-Damen kamen hinzu, viele sind Stammmieterinnen.

"Wir sind nichts für die schnelle Nummer." Serli spricht von "Sugardaddys" und "Girlfriend-Experience" für Männer, die eine ganze Nacht wie mit einer Geliebten verbringen wollen. Doch neuerdings dreht sich ihr Leben um Nutzungsänderung, Brandschutzverordnung und Anmeldebescheinigungen. Aus ihrer Prada-Tasche zieht sie den Erlaubnisantrag für ihre Arbeit im Rotlicht. Zum Betriebskonzept gibt es eine Menge Fragen: "Wo und wie findet die Anbahnung zwischen Prostituierten und Kunden/Kundinnen statt?" – "Existieren im Betrieb feste oder mobile Einrichtungen, die zur Prostitutionsausübung genutzt werden? (z. B. Whirlpool, Jacuzzi, Hot Tub …)" – "Sensibilisieren Sie Ihre im Betrieb verantwortlichen Personen zur Situation von Opfern von Menschenhandel?" – "Wie erfolgt die Reinigung von Flächen, auf denen eine sexuelle Dienstleistung stattfindet?"

Christina Serli hat alles beantwortet. Vieles leuchtet ihr ein. Nicht aber, warum sie plötzlich bei jeder Terminwohnung Parkplätze vorweisen muss. Auch nicht, wieso Freier und Frauen nun getrennte Toiletten brauchen und Brandschutztüren gefordert sind. "In unseren Wohnungen sind doch weiterhin nur maximal zwei Frauen und zwei Freier."

Ihre Existenz hänge nun von der "Willkür der Behörden" ab, klagt Serli. Rohr breitet eine Bauakte seines früheren Clubs aus, als Vorlage. Er geht Punkt für Punkt mit ihr durch: wo Notrufknöpfe neben den Betten installiert werden und welche Türen sich von innen öffnen lassen müssen.

"Was machst du, wenn deine Mieterinnen jetzt nicht mehr im selben Bett arbeiten und schlafen dürfen?", fragt er. "Dann gibt es eben ein Arbeitszimmer für die beiden Damen und ein gemeinsames Schlafzimmer", antwortet sie. "Nur bei meinen Einzimmerwohnungen wird das schwierig." Serli runzelt die Stirn.

Die Anzahl selbstbestimmter Bordelle könnte sinken

Erst am Vortag habe ein Kollege gesagt, er schmeiße hin. Zu kompliziert die Auflagen, zu aufwendig die Umsetzung. "Der Rotlicht-Akademie gebe ich gute Prognosen, vielen Betrieben nicht, weil sie plötzlich Anforderungen wie ein großes Bordell erfüllen sollen." Sie fürchtet, dass die Anzahl "selbstbestimmter Etablissements" schnell sinke und es bald nur noch Laufhäuser gebe.

Serli alias Verena zeigt auf ihrem Smartphone die Annoncen auf Kollegin.de, mit denen sie für ihre Wohnungen wirbt: Kingsize-Betten, rote Herzchen auf der Decke, Buddha-Statuen in den Regalen. "Die kannst du fast als Zimmer für die Hochzeitsnacht vermieten", scherzt Rohr.

Christina Serli hat tatsächlich schon eine neue Geschäftsidee: "Wenn ich meine Wohnungen aufgeben muss, werde ich Wedding Planner."

*Name von der Redaktion geändert