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Daimler: Sparen, dass es quietscht

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat auf einer außerordentlichen Betriebsversammlung seine Belegschaft auf einen scharfen Sparkurs eingeschworen. Um zwei Milliarden Euro sollen die Personalkosten runter. Trotz der Einschnitte sind viele Beschäftigte mit Zetsches Politik einverstanden.

Von Mathias Rittgerott, Stuttgart

Daimler-Chef Dieter Zetsche ist als Kommunikator bekannt, der seine Zuhörer einseift, auch wenn er schlechte Nachrichten überbringt. Dieses Talent hat er auf der kurzfristig angesetzten Betriebsversammlung ausgespielt: "Er hat nüchtern, klar und deutlich gesprochen", berichtet ein Mitarbeiter. Er hat daraus gelernt: Das Unternehmen muss in einer extrem schwierigen Situation stecken. Ein Umsatzeinbruch um 40 Prozent schreckt alle auf, weil niemand Pkw und Lkw kauft. Auch aus der Chefetage sei kein Silberstreif am Horizont zu erkennen. "Vielen in der Zentrale wurde erst jetzt klar: Die Krise trifft uns auch uns", sagt er.

Die roten Fahnen bleiben eingerollt

"Herr Doktor Zetsche", habe die Lage des Konzerns klar dargestellt, sagt eine Beschäftigte anerkennend: "Ich habe Verständnis für den Sparkurs". Nur vereinzelt erntete der Manager Buhrufe und Trillerpfeifen-Pfiffe. Von Drohgebärden und Barrikadenbauen keine Spur. Die roten Fahnen der IG Metall blieben eingerollt. Ungewöhnlich, weil es sonst stets die Daimlermitarbeiter sind, die die Faust ballen, um hohe Tarifabschlüsse zu erkämpfen. Erst Dienstag hatte der Konzern zu der außerordentlichen Betriebsversammlung in allen deutschen Werken geladen. Und für Rätselraten gesorgt. Worum würde es gehen? Nachrichten von Daimler verdrängen im sternfixierten Baden-Württemberg sogar Weltnachrichten. Wenn Daimler hüstelt, liegt das Land danieder, heißt es. Und nun hat Stuttgart eine Lungenentzündung.

"Von der Wucht der Krise sind wir überrascht."

Die Mitarbeiter müssen ordentlich ran - nur diesmal nicht zum malochen, sondern um weniger zu schaffen, als sie könnten. Gift für die Schwabenseele. Zetsche hatte viele Kröten dabei, die er seinen Mitarbeitern zum Schlucken anbot: Fünf Stunden sollen seine Leute in der Woche weniger arbeiten und damit auch weniger verdienen. Die Kurzarbeit, die bereits 68.000 Beschäftigte trifft, will er ausweiten. Urlaubs- und Weihnachtsgeld will er streichen; die vereinbarte Lohnerhöhung verschieben, die Gewinnbeteiligung auf dem Daimler-Konto lassen. Zusammen will Zetsche so zwei Milliarden Euro Personalkosten sparen. Beschlossen ist davon nichts, doch es gebe "keine heiligen Kühle mehr".

"Von der Wucht der Krise sind wir überrascht", sagt eine Mitarbeiterin, die die Betriebsversammlung im Mercedes-Werk in Untertürkheim erlebt hat. Wo doch alles vor zwei Wochen, bei einem früheren Treffen, so viel besser ausgesehen habe. Wo doch erst Ende März Abu Dhabi 1,95 Milliarden Euro in die Firmenkasse spülte und ein Aktienpaket erwarb.

Auch die Manager sollen weniger verdienen

Sparen, dass es quietscht, will der Konzernlenker. "Das schmeckt mir nicht", schimpft ein Angestellter. Doch er schimpft bedächtig: "Wir hoffen, dass es nicht so schlimm kommt." Er sieht die Krise in der Wirtschaft, in der Automobilbranche, und weiß, dass Daimler keine Insel der Glückseligen ist. Doch es schimmert auch der Glaube durch, dass es Daimler besser gehe als anderen, weil es Daimler immer besser ging als dem Durchschnitt. "Die Krise wird auch instrumentalisiert", orakelt der Mann: "Da wird manche Daumenschraube angezogen, die nicht nötig wäre." Dabei beschränkt der Konzern seine Rosskur nicht auf die Belegschaft; auch die Manager sollen weniger verdienen. Das Gesamteinkommen der Führungskräfte sei um fast 30 Prozent gekürzt worden, kündigte Arbeitsdirektor Günther Fleig an, die variablen Vergütungen der Manager, also zum Beispiel Boni, seien sogar um 70 Prozent reduziert worden und damit "regelrecht abgestürzt". Man werde bei einer anhaltenden Krise "nicht zögern, auch dort weitere Kürzungen vorzunehmen."

Das Fußvolk hält das für angebracht: "Logisch, dass die dabei sind. Wir müssen alle verzichten", ist eine junge Mitarbeiterin auf Zetsche-Linie. Fast jeder zeigt Einsicht, wenn auch mit Zähneknirschen. Ein Arbeiter ärgert sich über seine Kurzarbeit, ist aber froh, seinen Job nicht zu verlieren. Eine Frau räumt ein, dass sie sparen können, "wir verdienen ja ganz gut". Sie sagt vor dem Motorenwerk. "Das wird der Einzelhandel spüren." Viele Beschäftigte wollen jedoch nicht darüber reden, was hinter dem Werkstor passiert. Sie geben vor, keine Zeit zu haben. Ein Mann hastet vorbei mit den Worten: "Ich war nicht bei der Betriebsversammlung." Warum? "Ich habe zu viel zu tun." Solche Leute braucht Zetsche: Auch in der Krise zu viel zu tun, um über die Talfahrt zu palavern.

  • Mathias Rittgerott