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Energie: Spitzenpreise für Strom

Strom ist in Deutschland deutlich teurer als in den meisten anderen europäischen Ländern. Nur in Dänemark und Italien zahlen die Verbraucher mehr.

Angesichts der hohen Strompreise hat Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast die Bundesländer zu schärferen Kontrollen aufgefordert. "Die Länder müssen ihre Hausaufgaben machen", so Künast. Das hätten sie bisher nicht getan. Die Grünen forderten mehr Wettbewerb. Die Industrie befürchtet den Verlust von 660.000 Arbeitsplätzen.

Die zuständigen Länderminister müssten die Kartellbehörden dazu auffordern, die Durchleitungsgebühren zu überprüfen, sagte Künast. "Wir stehen vor der Gefahr, dass sich Stromkonzerne einen Schluck aus der Pulle genehmigen."

Das "Oligopol" der großen Stromkonzerne auflösen

Die Durchleitungsgebühren werden erhoben, wenn der Stromversorger eines Kunden das Leitungsnetz eines anderen Betreibers nutzt. Bis zum Spätherbst müssen die Stromkonzerne ihre Durchleitungsgebühren zur Vorabgenehmigung bei der Bundesnetzagentur beziehungsweise den Regulierungsbehörden der Länder vorlegen.

Die energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Michaele Hustedt, forderte mehr Konkurrenz auf dem Energiemarkt: "Da müssen mehr Akteure auf den Markt, da muss es mehr Wettbewerb in der Stromproduktion geben." Auch das Kartellamt solle helfen, das "Oligopol" der großen Stromkonzerne aufzulösen.

Die Finnen haben die günstigsten Strompreise

In Deutschland liegen die Strompreise für Verbraucher europaweit mit an der Spitze. Nur Dänemark und Italien sind noch teurer. Am günstigsten ist Strom in Finnland. Das ergab die Juli-Umfrage der Londoner Energieberatungsgesellschaft Energy Advice, die für den Energie Informationsdienst (EID) vierteljährlich in zwölf EU-Staaten die Strompreise ermittelt.

Bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden pro Jahr zahlen die Dänen dem EID zufolge mit 22,05 Cent pro Kilowattstunde die höchsten Strompreise in der EU. Danach folgen Italien mit 19,99 Cent und Deutschland mit 18,86 Cent pro Kilowattstunde. Die Finnen zahlen nur 10,32 Cent.

Auch in Großbritannien, Frankreich und der Schweiz ist der Haushalts-Strompreis rund ein Drittel niedriger als in Deutschland. In der Bundesrepublik stieg der Strompreis seit Juli 2004 um 7,3 Prozent - mehr als 40 Prozent der Rechnung kassiert laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) der Staat. In Frankreich blieb der Preis seit 2004 dagegen stabil, in Belgien und Großbritannien ging er nach Angaben von Energy Advice sogar zurück.

Vergleich: Haushalts-Strompreise in Cent pro Kilowattstunde

April 1998Juli 2004Juli 2005
Deutschland15,7717,5718,86
Frankreich12,7412,2012,20
Belgien17,0916,2915,47
Niederland11,4218,2918,45
Großbritannien11,7012,43

Nach Aussage des Chefs der Norddeutsche Affinerie AG, Werner Marnette, droht bundesweit der Verlust von bis zu 660.000 Arbeitsplätzen in stromintensiven Unternehmen. Wenn die Preise weiter nach oben getrieben würden, müssten Firmen schließen, warnte Marnette. "Es investiert dann niemand mehr in energieintensive Industrie." Betroffen seien rund viertausend Betriebe in der Metallerzeugung und der Chemie, darunter vor allem mittelständische Firmen. Wegen zu hoher Strompreise muss beispielsweise voraussichtlich die Hamburger Aluminium-Werk GmbH mit 440 Mitarbeitern schließen.

Marnette, der am vergangenen Freitag den Vorsitz des Energieausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) niedergelegt hatte, forderte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) zum Eingreifen auf. In einem Brief an den Minister kritisierte er, "das Ihr Haus weiterhin zum fehlenden Wettbewerb auf den Strom- und Gasmärkten in Deutschland schweigt". Hintergrund waren Aussagen des Stromerzeugerverbandes VDEW, wonach Strom in vielen Industriezweigen nur einen geringen Anteil der Gesamtkosten ausmacht. Das sei unzutreffend, sagte Manette. "Hier soll ein zentrales Problem der deutschen Industrie verniedlicht werden."

Künast warnte die Stromkonzerne davor, die Kohlendioxid-Emissionsrechte als Grund für höhere Strompreise anzugeben. "Wenn sie faktisch kein Geld ausgegeben haben, ist das die Unwahrheit." Marnette verlangte von der Regierung, dafür zu sorgen, dass die Zertifikate nicht in die Strompreise einbezogen würden.

Stromerzeuger waren Anfang des Jahres für den Zeitraum 2005 bis 2007 mit kostenlosen Zertifikaten ausgestattet worden, die sie zum Ausstoß einer bestimmten Menge an Kohlendioxid berechtigen. Der Großversorger RWE hatte den Anstieg der Strompreise mit dem Handel mit diesen Zertifikaten begründet.

DPA/Reuters / DPA / Reuters