Energieexpertin "Klimaschutz kostet nur 70 Cent pro Tag"


Die Welt ist noch zu retten - und das wird noch nicht einmal besonders teuer. Die Energieexpertin Claudia Kemfert rechnet in einem neuen Buch vor, was die Deutschen für den Kampf gegen die Erderwärmung bezahlen müssen.

Frau Professor Kemfert, kennen Sie Ihre persönliche CO₂-Bilanz?

Ja, die kenne ich. Mein CO₂-Fußabdruck war ursprünglich recht groß, und zwar über 17 Tonnen pro Jahr, weil ich so oft nach Amerika fliege. Der deutsche Durchschnitt liegt bei zehn Tonnen. Ich habe mich aber runtergehungert und komme jetzt auf sieben Tonnen.

Wie macht man das, CO₂ runterhungern?

Ich kaufe regionale Produkte bei Biobauern, habe Energiesparlampen, nutze Ökostrom, wohne in einem Neubau, der gedämmt ist, und fahre mit dem Fahrrad zur S-Bahn. Außerdem bin ich Vegetarierin, allerdings weil ich Fleisch einfach nicht vertrage. Und mein Mann und ich fliegen nicht in den Urlaub, sondern fahren an die Nordsee.

Dürfen wir nicht mehr in den Urlaub fliegen?

Doch, genau das sollen Sie weiterhin tun! Sie können es so wie ich machen und Ihre Flüge neutralisieren. Die Ausgleichszahlung für einen Flug nach Gran Canaria kostet maximal 46 Euro. Wenn ich zu einem Kongress nach San Francisco fliege, zahle ich aus der eigenen Tasche für die Neutralisierung hin und zurück 150 Euro, das ist überschaubar. Und das ist für einmal halb um den Globus.

Aber das ist doch eine Illusion. Das CO₂ pustet Ihr Flugzeug trotzdem in die Luft!

Das sagen alle: CO₂-Emissionen sollen doch gar nicht erst entstehen. Das ist aber falsch. Die Klimaabgaben gehen zum Beispiel nach Indonesien, wo dann nicht ein billiges Kohlekraftwerk entsteht, sondern Ihr Geld in den Bau von Biomassekraftwerken gesteckt wird - das schafft zudem Arbeitsplätze. Und: Sie haben CO₂-Emissionen vermieden. Das ist wie mit dem Kuchenessen.

Wie bitte?

Es geht darum, einen Ausgleich zu schaffen. Wenn ich jetzt ein Stück Kuchen esse, macht das dick. Aber ich will ja weder verhungern, noch will ich nur Obst essen. Und - um im Bild zu bleiben - ich will ja auch nicht, dass der Bäcker zumachen muss. Deswegen gehe ich am Abend ins Fitnessstudio und versuche, mir dieses Stück wieder abzutrainieren. Das heißt, wir können unser Leben, wie wir es heute kennen, klimafreundlicher gestalten.

Sie behaupten, jeder könne mit nur 70 Cent am Tag klimaneutral leben. Wie kommen Sie auf diese Summe?

An der Börse für den Emissionshandel, wo Unternehmen das Recht kaufen können, CO₂ auszustoßen, kostet derzeit eine Tonne 25 Euro. Natürlich muss kein Verbrau- cher Emissionsrechte kaufen, aber es ist eine Orientierungsmarke. Jetzt rechne ich: 850 Millionen Tonnen CO₂ produzieren die Deutschen im Jahr. Das sind - bei 82 Millionen Deutschen pro Bürger etwa 10,4 Tonnen CO₂ oder 259 Euro pro Jahr, das ergibt 70 Cent pro Person und Tag. Ich schlage also vor, dass jeder Verbraucher einen Betrag dieser Größenordnung für den Klimaschutz und für klimabewussten Konsum ausgibt.

Und da zählt jeder Bioapfel?

Alles, was Sie können. Egal, ob Energiesparlampe oder Bioapfel oder Ausgleichszahlungen für Flüge.

Ist das nicht ein bisschen so, als kämpfte man mit der Energiesparlampe gegen den Weltuntergang?

Auch Kleinigkeiten ergeben Sinn. Es geht ja nicht darum zu verzichten, sondern bewusst zu konsumieren.

Aber schieben Sie damit nicht den Schwarzen Peter dem Verbraucher zu, der sich brav das teure Elektroauto kaufen soll?

Nein, aber ich finde, man kann die Verbraucher durchaus direkt motivieren. In meinem Bekanntenkreis bemerke ich eine gewisse Lethargie. Nachdem ich mit einer Freundin "Eine unbequeme Wahrheit" von Al Gore geschaut habe, meinte sie: "Da kannst du dir ja gleich die Kugel geben. Was kann ich da denn noch tun? Das bringt doch eh nichts." Daraufhin habe ich geantwortet: "Doch, da geht schon was."

Nämlich 70 Cent ausgeben, und alles wird gut?

Das reicht natürlich nicht allein. Politiker sollten die Ausgaben für die Energieforschung erhöhen und Unternehmen mehr in neue Energietechniken investieren. Aber da tut sich schon viel. In der Wirtschaft sind wir an einem Wendepunkt. Da sind clevere Unternehmer schon dabei, sich umzuorientieren. Mit ihrem Umwelt- Know-how können deutsche Unternehmen vom Klimaschutz global profitieren.

Sehen Sie das nicht zu positiv? Viele Unternehmen fürchten um ihre Existenz, wenn sie zum Klimaschutz gezwungen werden.

Keine Frage: Bei vielen Unternehmen ist noch viel technischer Fortschritt und Energieeffizienz nötig, um unabhängig von Kohle und Öl zu werden, in der Stahlbranche zum Beispiel. Natürlich sehen die Konzerne erst einmal den riesigen Berg. Ich glaube nur, dass lautes Jammern nicht helfen wird. Und auf lange Sicht sehe ich deutlich mehr Gewinner als Verlierer.

Trotzdem fordern Sie, dass sich die Politik einmischen und gezielt Anreize schaffen soll. Das heißt Subventionen.

Es geht eher um eine gezielte Förderung. Wenn man nur die Hälfte der jährlich rund 2,7 Milliarden Euro Steinkohlesubventionen für die Erforschung neuer Techniken zum Ersatz von Kohle oder Öl oder für die Entwicklung CO₂-armer Kohlekraftwerke verwenden würde, wären wir schon sehr viel weiter. Das hat die Politik bislang versäumt und die Forschungsausgaben seit 1991 stetig reduziert. Heute sind es rund 420 Millionen Euro, das ist nun wirklich nicht genug. Man hat gedacht, der Energiemarkt regele das schon. Stattdessen sind die Preise explodiert. Solche Entwicklungen könnte man durch mehr neue Techniken vermeiden.

Den forcierten Ausbau erneuerbarer Energien muss der Verbraucher allerdings in Form hoher Strompreise bezahlen.

Das kann man volkswirtschaftlich kritisieren, und es gibt genug Kollegen, die sagen, diese Förderung sei überflüssig. Das würde stimmen, wenn es stattdessen international verbindliche Klimaschutzziele gäbe, die man durch einen internationalen Emissionsrechtehandel erreichen könnte. Aber so weit sind wir leider noch nicht.

Kritiker sagen, von der Förderung alternativer Energien profitierten vor allem die Hersteller von Solarmodulen und Windrädern. Denen gehe es um Profit, nicht um neue, effizientere Anlagen.

Richtig ist das Gegenteil. Die Branche steckt unglaublich viel Geld in die Forschung, weil das Erneuerbare-Energien- Gesetz sinkende Fördersätze vorschreibt.

Ihr Buch ist eine Art Verheißung: Wir können alles erreichen, ohne verzichten zu müssen. Aber wird es nicht doch teuer, wenn wir uns richtig in den Klimaschutz reinhängen?

Nicht mehr als 70 Cent pro Tag pro Person. Das würde ich durchaus als eine hohe Belastung sehen, aber ganz ohne Kosten geht es nicht. Vor allem wird es sehr, sehr teuer, wenn wir nichts unternehmen.

Wie teuer wird es denn?

Neben den steigenden Preisen für fossile Energien werden der Klimawandel und die damit einhergehenden Wetter-Extreme Geld im mehrstelligen Milliardenbereich verschlingen, beispielsweise für höhere Deiche oder für Anpassungsfonds für ärmere Länder.

Einige Umweltökonomen sagen auch viele Vorteile des Klimawandels voraus - zum Beispiel, wenn der Permafrostboden in Russland auftaut und wertvolle Rohstoffe freigibt.

Das ist nicht ganz falsch. Russland und Nordeuropa kommen beim Klimawandel anfangs nicht ganz so schlecht weg. Aber es gibt genug Regionen, wo es schlimm aussehen wird. Wenn die globale Oberflächentemperatur um nicht mehr als zwei Grad steigt, sind die positiven Effekte des Klimawandels deutlich höher als die negativen. Wenn die Temperaturen aber weiter steigen, werden die Extremereignisse und damit die volkswirtschaftlichen Schäden deutlich zunehmen.

Müssen denn schon wieder wir Deutschen den Umweltschutz-Vorreiter spielen?

Bislang ist uns das nicht zum Nachteil geworden. Im Gegenteil: Selbst ohne Klimawandel wäre es ein volkswirtschaftlicher Vorteil, effizienter mit Energie umzugehen oder Alternativen parat zu haben, wenn irgendwann das Öl ausgeht. Im Übrigen: Wenn wir nichts machen, schieben wir bloß den Zeitpunkt auf, an dem wir uns damit auseinandersetzen müssen.

In China wird pro Woche ein Kohlekraftwerk gebaut. Was können wir schon mit irgendwelchen kleinen Einsparungen erreichen?

Klar, wenn nur wir Deutschen Klimaschutz betreiben und sonst niemand, lässt sich der Klimawandel nicht eindämmen. Aber auch die Chinesen oder Inder wollen ja nicht unsere Fehler wiederholen und würden am liebsten effizientere Kohlekraftwerke bauen, am besten mit CO₂-Abscheidung.

Wenn Klimaschutz doch so leicht ist, warum machen es dann nicht längst alle?

Bis vor Kurzem war der Ölpreis ja noch sehr niedrig und bot dazu keinen echten Anreiz. Erst wenn der Preis hochgeht, fangen alle an zu rotieren. Der Energiemarkt ist aber ein sehr träger Markt. Ein Kohlekraftwerk zu entwickeln, genehmigt zu bekommen und zu bauen dauert 10, 15 Jahre, und das steht dann erst mal 40, 50 Jahre. Das abzuschalten ist unglaublich teuer. Deswegen muss man sich vorher überlegen, ob man es nicht durch alternative Energien ersetzen kann.

Oder durch Atomenergie, die erforscht ist.

Um den weltweiten Energiebedarf zu decken, müssten weltweit 1400 neue Kernkraftwerke gebaut werden. Das ist finanziell und ökologisch nicht zu machen und würde auch das Uran knapp werden lassen. Dazu kommen das Unfallrisiko, die Terrorgefahr und das Endlagerproblem.

Also alle Meiler aus?

Sichere Kraftwerke könnte man durchaus 15 Jahre länger laufen lassen, wenn parallel in erneuerbare Energien und Energieforschung investiert wird. Aber man sollte keine neuen bauen. Das Energieproblem wird die Atomkraft sicher nicht lösen, weil über 80 Prozent unserer Energie aus Kohle, Öl und Gas kommt.

Was macht Sie eigentlich optimistisch, dass man den Klimaschutz in die Köpfe kriegt?

Jeder einkommensschwache Haushalt würde sich doch freuen, wenn es Energieformen gäbe, die nicht nur klimafreundlich, sondern auch bezahlbar wären. Ich glaube, wenn man den Leuten das Problem erklärt, ist die Bereitschaft, etwas zu tun, sofort da. Vielleicht wäre auch ein eigenes Schulfach Energie und Klima nützlich.

Frau Kemfert, was sind Sie eigentlich - eine Volkswirtin auf Öko-Mission?

Nein, ich will aufklären und motivieren. Mit der Ökoschiene hatte ich noch nie viel zu tun. Mich stört es, wenn einem irgendwelche Ökoveteranen vorschreiben wollen, was man im Leben zu tun und zu lassen hat. Ich bin nämlich überhaupt nicht der Verzichtsmensch, ich lebe viel zu gerne.

Interview: Roman Heflik, Dorit Kowitz print

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