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Claudia Kemfert "Die Quote funktioniert wie eine Brille: Erst stört sie, dann verbessert sie den Durchblick"

Claudia Kemfert ist Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie sagt: Es gibt genügend Studien, die zeigen, dass Frauen benachteiligt werden. Auch die Wissenschaft brauche dringend eine Quote.
Protokoll: Silke Gronwald

"Ich bin Volkswirtin und Wissenschaftlerin und wir wissen aus der Forschung, dass weniger als 15 Prozent der Wirtschaftsprofessoren weiblich sind. In einem aktuellen Ökonomen-Ranking sind nur zwei Frauen unter den ersten 30 Professoren zu finden. Die Ursache kennen wir auch: Frauen müssen gegen eine unbewusste Diskriminierung und Stereotype ankämpfen. Es gibt internationale Studien, die zeigen, dass beispielsweise ein männlicher Autor von einem wissenschaftlichen Papier stärker profitiert als eine weibliche Autorin. Er wird öfter zitiert als sie.  Das sind offensichtliche Benachteiligungen, unfaire Bedingungen.

Diese unbewusste Diskriminierung kostet die Frauen zusätzliche Energie. Sie absolvieren ihre Karriere quasi "rückwärts und auf Stöckelschuhen". Und dieser Stress ist unsichtbar. Wenn Frauen dann stöhnen, heißt es gleich, sie seien nicht belastbar oder nicht durchsetzungsfähig.  Um diese unbewusste Benachteiligung aufzubrechen, müssen wir sie zuallererst bewusst machen. Dazu brauchen wir Verhaltenstrainings für Männer und Frauen sowie verbindliche Quoten. Eine Quote funktioniert wie eine Brille: Anfangs stört sie auf der Nase, dann verbessert sie den Durchblick und mit der Zeit will man sie nicht mehr missen.  

Ich trete öffentlich für die Quote ein, weil die Praxis und die empirische Forschung in allen genderbezogenen Wissenschaften eindeutig zeigen: Frauen bringen aufgrund ihrer Erfahrungen andere Sichtweisen als Männer ein. Und diverse Teams sind ausgewogener, produktiver, innovativer und machen weniger Fehler. Diversität ist manchmal anstrengend, aber immer erhellend. Rein männliche Gremien hingegen laufen Gefahr, zum Club der Ja-Sager zu werden. In einer demokratischen Gesellschaft kann das niemand wollen.    

"Mr statt Mrs - ein Fauxpas passiert in diesem hochkarätigen Umfeld sonst nicht"

Ich bin 2007 als erste und einzige Frau in das persönliche Beratungsteam des damaligen EU-Kommissionspräsidenten Manuel Barroso gekommen. Beim ersten offiziellen Lunch lag auf jedem Platz eine Namenskarte. Auf meiner stand: "Mr Claudia Kemfert“.  Ein winziger Fehler: Mr statt Mrs oder Ms. Doch solch ein Fauxpas passiert in diesem hochkarätigen Umfeld sonst nicht. Eine Frau am Tisch – das war für das Orgateam damals wohl unvorstellbar. Ich saß direkt neben Barroso. Wir haben zusammen darüber gelacht. Dann nahm er einen Stift und malte ein "s" hinter das „Mr“. 

Ich bin nun schon seit 20 Jahren dabei und habe leider nicht erlebt, dass sich der Frauenanteil in der Wissenschaft erhöht hat, trotz freiwilliger Selbstverpflichtungen und dem Versprechen, bei gleicher Qualifikation würden Frauen bevorzugt. Diskriminierung ist wie eine schlechte Angewohnheit, die man erst ablegt, wenn es nicht anders geht. Deswegen brauchen wir die Quote."

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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