HOME

Kurswechsel beim Stromriesen: Warum Atomkonzern Eon öko wird

Eon lebte über Jahrzehnte gut - nicht zuletzt durch staatliche Subventionen. Jetzt stellt der Konzern sein Geschäft neu auf, damit die Privilegien erhalten bleiben.

Eine Analyse von Rolf-Herbert Peters

Grün statt Atom: Eon will künftig mit erneuerbaren Energien Geld verdienen und mit dem Betrieb der Netze

Grün statt Atom: Eon will künftig mit erneuerbaren Energien Geld verdienen und mit dem Betrieb der Netze

Es klingt wie ein Paukenschlag: Am Sonntagabend verkündete Deutschlands größter Energiekonzern Eon, das Geschäft mit Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken bis 2016 abzustoßen. Genauer: Es Altaktionären und Neuinvestoren, so sich welche finden, zu überschreiben. Betroffen sind die Geschäftszweige, denen der Staat im Rahmen der Energiewende die Zukunft genommen hat: Atomkraftwerke müssen bis 2022 abgeschaltet werden, der deutsche Steinkohleabbau (Eon hat vor allem Steinkohlekraftwerke) läuft 2018 aus und mit Gaskraftwerken lässt sich kaum Geld verdienen, weil die Konkurrenten RWE und Vattenfall den Markt mit viel billigerem Braunkohlestrom aus heimischem Abbau fluten dürfen.

In der Vergangenheit sah das ganz anders aus. Der Konzern und seine Vorgänger Veba und Viag, die 2000 zu Eon verschmolzen, konnten von ihren Meilern prima leben und sich zu einer hochprofitablen Marktmacht mausern. Schon weil der Staat sie dabei kräftig unterstützte. Studien zeigen, dass die deutsche Steinkohlebranche bislang bis zu 310 Milliarden Euro und die Atomkraftbranche bis zu 210 Milliarden Euro Subventionen erhalten hat. Solche Vergünstigungen sind Geschichte, das haben die Düsseldorfer Manager viel zu spät erkannt. Eon ist vom Vorzeige- zum Sorgenkind verkommen: 31 Milliarden Euro Schulden lasten auf dem Konzern.

Der Staat soll zahlen

Und dann drücken in Deutschland auch noch die Altlasten der Zukunft. Jüngere Steinkohlekraftwerke, teils noch im Bau, müssen abgeschrieben werden - bei stetig sinkenden Einnahmen. Noch teurer werden der Abriss der sieben Atomkraftwerke und die Lagerung des Atommülls. Die deutschen Akw-Betreiber haben dafür insgesamt gut 30 Milliarden Euro zurückgestellt. Das wird kaum reichen, wie die Erfahrung mit bereits im Rückbau befindlichen Meilern zeigt, die immer teurer werden. Diese Risiken will Eon ganz schnell aus den Bilanzen streichen, um an der Börse wieder attraktiv zu werden. Die neue Atom-Kohle-Gas-AG müsste dann sehen, wo sie bleibt, falls ihr das Geld für die Altlasten ausgeht. Im Pleitefall müsste der Staat einspringen - wer sonst.

Im alten Eon-Konzern, der von der Mitarbeiterzahl um ein Drittel schrumpfen soll, will man sich derweil neuen staatlichen Fleischtöpfen zuwenden. Und zwar konsequent. Das eine ist der grüne Strom. Wer ihn produziert, ist so gut wie verbeamtet. Denn der Staat garantiert ihm über 20 Jahre kalkulierbare Erlöse durch feste Preise, so steht es im Erneuerbare-Energien-Gesetz. Besonders viel Geld gibt es für Meereswindparks in der Nord- und Ostsee, um die 15 Cent pro Kilowattstunde, Ausfallversicherung inklusive. Solche Großkraftwerke liebt Eon, deswegen steckt die Firma trotz aller Schulden nun Milliarden in den Ausbau von Offshore-Windparks.

Bei den Netzen abkassieren

Der andere Fleischtopf sind die Stromnetze. Auch sie sind attraktiv und fast ohne Risiko. Wer sie besitzt, darf Maut von denen kassieren, die sie benutzen. Ordentliche Renditen sind gesetzlich garantiert. Stromnetze gibt es in Dörfern und Städten, um die Haushalte und Firmen zu versorgen. Es gibt sie in den Regionen, um etwa Windparks oder Biogasanlagen anzuschließen und ihren Strom zu verteilen. Es gibt sie als Hochspannungsleitungen, die sich wie Girlanden durch die Republik schwingen.

Eon lässt seine Netze modernisieren, um ihre Kapazität zu erhöhen, und es werden immer neue Leitungen gezogen. Dafür muss am Ende der Stromkunde zahlen, so ist es Gesetz. In den Netzen wittern die Düsseldorfer großes Wachstum. Dienten sie früher vor allem der nationalen Versorgung, werden sie zunehmend die Verkehrswege des Europäischen Stromhandels. Elektronen fließen hin und her, um damit Geld zu verdienen. Wer dabei im Mauthäuschen sitzt, muss nur noch die Hand aufhalten.

Im kleinen Kreis hat ein früherer Eon-Chef mal auf die Frage, warum das Unternehmen nicht stärker in Ökostrom investiert, geantwortet, es gäbe politische Bedenken: "Stellen Sie sich mal vor, wie das Land aufschreien würde, wenn wir die Privilegien aus der Energiewende nur so abräumen würden." Jetzt, in der Not, sind alle Hemmungen gefallen.