Finanzkrise Was die Krise mit sich reißt


Die Autoindustrie verordnet Zwangsurlaub, und die Zulieferer denken über eine Produktionsdrosselung nach: Deutschlands Wirtschaft steuert mit hohem Tempo in eine Rezession. Wir zeigen, wen es am heftigsten trifft - und welche Branchen noch glimpflich davonkommen könnten.
Von Thomas Fricke und André Kühnlenz

Es ist gerade ein halbes Jahr her, da prahlten deutsche Industriebosse auf der Hannover Messe, wie gefragt "made in Germany" weltweit ist. "Die Welt liebt deutsche Maschinen", sagte damals Maschinenbaupräsident Manfred Wittenstein. Vorbei. Seit Wochen folgt eine Hiobsbotschaft der anderen. Nach der Oktober-Umfrage des Ifo-Instituts haben sich die Geschäftserwartungen der deutschen Unternehmen so drastisch verschlechtert wie noch nie seit der Einheit.

Mit jeder neuen Meldung über schrumpfende Aufträge oder Gewinne wachsen auch die Zweifel, dass die deutsche Industrie wirklich so robust ist, wie es Optimisten vor Kurzem noch behaupteten. Was ist aus der Stärke deutscher Autobauer geworden? Warum trifft es den Maschinenbau plötzlich so herb, die vermeintliche Vorzeigebranche des deutschen Exports? Weshalb senkt der Chemieverband seine Prognose? Wir analysieren, welche Branchen die Krise schon erfasst hat. Und welche noch einigermaßen robust wirken. Was hat den Absturz ausgelöst? Und wie lange werden die wichtigsten Branchen jetzt kriseln?

Begonnen hat die Talfahrt schon im Frühjahr, und die Gründe sind für Konjunkturexperten leicht ausgemacht: eine hohe Zahl von Schocks, die selbst robuste Firmen in die Knie zwangen - neben der Finanzkrise, die an sich noch gar keine so großen realwirtschaftlichen Schäden mit sich gebracht hat, über den dramatischen Anstieg der Ölpreise und die enorme Verteuerung des Euro bis hin zu den Nachwirkungen der Mehrwertsteuererhöhung auf die Konsumlaune oder die abrupte Verschlechterung der Abschreibungsbedingungen für Investitionen seit Anfang 2008.

All das hat am heftigsten die Autobranche getroffen, deren Aufträge drastisch unter den Zahlen des Vorjahrs liegen - und die am meisten unter dem hohen Ölpreis gelitten haben. Gefolgt werden die Autobauer von Einzelhändlern und Konsumgüterherstellern, die zu spüren bekommen, wie drastisch die Kaufkraft der Deutschen durch höhere Mehrwertsteuern sowie gestiegene Benzin- und Nahrungsmittelpreise belastet worden ist. Kaum besser stehen die Chemiebetriebe da. Relativ glimpflich sieht dagegen bis dato noch aus, was IT- und Baufirmen für das nächste Jahr erwarten. Doch auch hier schwindet der Optimismus

Autoindustrie

Sparkurs und Betriebsferien

Erstmals seit 1993 dürften in diesem Jahr die Umsätze der Autohersteller sinken. Im vergangenen Jahr erzielten sie in Deutschland noch ein Plus von sieben Prozent im Vergleich zu 2006. Die Gründe für den Rückgang sind die einbrechende Konjunktur in Europa und Nordamerika sowie schwächere Wachstumsraten in den Schwellenländern. Außerdem halten hohe Benzinkosten die Kunden vom Kauf von Neuwagen ab. Daimler musste in den vergangenen Monaten bereits zweimal die Gewinnprognose für dieses Jahr kürzen. Auch BMW nahm das ursprüngliche Ergebnisziel für 2008 zurück. Ebenso die Prognosen gekappt haben Renault, PSA Peugeot Citroën, der Lkw-Hersteller Volvo und viele Zulieferer. Die Autoindustrie reagiert mit Einsparungen und verlängerten Werksferien auf die Krise. Nahezu alle namhaften Hersteller von Daimler über BMW bis zu Opel oder Ford drosseln bereits die Produktion. Zudem werden Verträge mit Leiharbeitern gekündigt oder nicht verlängert. Mit einer Besserung rechnet die Branche frühestens im Jahr 2010. Experten gehen für 2009 von Tausenden Entlassungen aus.

Daten & Fakten

  • Betriebe: 979
  • Beschäftigte: 781.200
  • Umsatz: 337 Milliarden Euro
  • Exportquote: 62 Prozent
  • Anteil an Industrie: 22 Prozent

Oliver Wihofszki

Konsumgüter und Einzelhandel

Kaufstreik ohne Ende

Noch ist völlig unklar, wie stark und wie schnell sich die Krise auf die Kauflaune der Verbraucher auswirken wird. Das Marktforschungsinstitut GfK geht davon aus, dass die Turbulenzen an den Börsen die Konsumstimmung deutlich dämpfen. Die deutschen Einzelhändler versuchen dennoch, zuversichtlich zu wirken. Nach Angaben des in Zweckoptimismus geübten Branchenverbands HDE laufen die Geschäfte stabil, auch drohe den Händlern keine Kreditklemme. Experten gehen allerdings durchaus davon aus, dass es in der Branche in der kommenden Zeit zu Entlassungswellen kommen wird. Der HDE hält an seiner Prognose für 2008 fest, nach der ein nominales Wachstum von 1,5 Prozent und ein reales Minus von einem Prozent zu erwarten sind. Etwas mehr Realitätssinn zeigen die Konsumgüterhersteller. Der Markenverband, in dem Konsumgüterhersteller wie Procter & Gamble und Nestlé organisiert sind, macht sich wenig Hoffnungen für die nächste Zeit. Man habe zuletzt schon stark unter der nachlassenden Konsumfreude gelitten, nun versetze die Finanzkrise der negativen Entwicklung zusätzlichen Schwung.

Daten & Fakten

  • Betriebe: 5888
  • Beschäftigte: 1.116.330
  • Umsatz: 329 Milliarden Euro
  • Exportquote: 28 Prozent
  • Anteil an Industrie: 20 Prozent

Katja Wilke

Chemie

Neue Geschäftsgrundlage

Das klarste Signal für einen Abschwung kommt bisher vom Weltmarktzweiten Dow Chemical in den USA, der für 2009 eine Rezession erwartet - und diesen Begriff vorigen Donnerstag auch verwendete. In Deutschland informieren die Branchengrößen diese Woche über das aktuelle Geschäft. Weltmarktführer BASF hatte im Sommer bereits härtere Zeiten in Aussicht gestellt, zeigte sich aber grundsätzlich zuversichtlich. Dasselbe gilt bisher für den Branchenverband VCI. Er senkte vor gut einem Monat trotz Zufriedenheit mit dem Istzustand seine Wachstumsprognose 2008. Für die kommenden Monate rechnet er demnach mit schwächerem Wachstum, aber keinem Einbruch. Allerdings bastelt der Verband gerade an einer neuen Bewertung der Geschäftslage, die er Mitte kommender Woche veröffentlichen will. "Es wird eine Änderung geben", sagte ein Verbandssprecher auf Anfrage. In welche Richtung, ließ er zwar offen - aber dass diese nach oben geht, ist kaum anzunehmen. Die Zahl der Arbeitsplätze war zuletzt stabil. Die Branche beschäftigt in Deutschland mehr als 400.000 Menschen.

Daten & Fakten

  • Betriebe: 1263
  • Beschäftigte: 417.102
  • Umsatz: 174 Milliarden Euro
  • Exportquote: 56 Prozent
  • Anteil an Industrie: 11 Prozent

Klaus Max Smolka

Maschinenbau

Drastischer Auftragseinbruch

Für die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer geht der längste Aufschwung seit den 60er-Jahren zu Ende. Normalerweise dauert ein Boom in der Branche höchstens drei bis vier Jahre, dieses Mal waren es sechs. Umso härter trifft nun der Abschwung die wichtigste deutsche Industriebranche. Die Auftragseingänge brechen zurzeit in prozentual zweistelliger Höhe ein. Noch sind nicht alle Industriezweige gleich betroffen. Werkzeugmaschinenhersteller werden die rückläufigen Bestellungen voraussichtlich erst Mitte 2009 zu spüren bekommen. Dagegen berichten Textilmaschinenbauer schon jetzt vom schlimmsten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Druck- und Baumaschinenhersteller leiden ebenfalls. Insgesamt wird der Maschinenbau dieses Jahr noch mit einem passablen Plus von fünf Prozent abschließen - ein Auftragsrückgang schlägt sich erst nach knapp sechs Monaten in den Umsätzen nieder. Für 2009 erwartet der Branchenverband VDMA nur noch eine stagnierende Produktion. Mindestens drei Jahre könnte es laut Branchenexperten bis zum nächsten Aufschwung dauern.

Daten & Fakten

  • Betriebe: 4078
  • Beschäftigte: 925.753
  • Umsatz: 219 Milliarden Euro
  • Exportquote: 58 Prozent
  • Anteil an Industrie: 14 Prozent

Kirsten Bialdiga

IT/Telekommunikation/Elektrotechnik

Große Verunsicherung

In der deutschen Informations- und Telekommunikationstechnologie-Branche herrscht bei den meisten Unternehmen noch Optimismus. Rund 86 Prozent der Firmen spüren bislang keine direkten Auswirkungen der Finanzkrise auf ihr Geschäft, zeigt eine aktuelle Umfrage des Branchenverbands Bitkom. Analysten blicken skeptisch auf 2009: Das US-Marktforschungsunternehmen Gartner rechnet im schlimmsten Fall weltweit mit einem Wachstum der IT-Ausgaben von nur noch 2,3 Prozent - weniger als die Hälfte der ursprünglichen Prognose.

Die Elektrotechnikunternehmen spüren nach Auskunft ihres Branchenverbands ZVEI seit einigen Monaten eine "zyklisch langsamere Gangart" und schrumpfende Aufträge. Für 2009 lautet die vorsichtige Umsatzprognose "bis zu zwei Prozent", nach vier Prozent 2008. "Keiner kann so recht ausmachen, welche Folgen die Finanzkrise haben wird", sagte ZVEI-Chefvolkswirt Andreas Gontermann. Neben einer restriktiveren Kreditvergabe beeinträchtigen auch hohe Rohstoffpreise und der starke Euro das Geschäft.

Daten & Fakten

  • Betriebe: 3126
  • Beschäftigte: 768.767
  • Umsatz: 198 Milliarden Euro
  • Exportquote: 49 Prozent
  • Anteil an Industrie: 12 Prozent

M. Ottomeier, T. Wendel, A. Maier

Bau

Rückfall in die Stagnation

Die Bauwirtschaft ist wahrscheinlich der letzte Wirtschaftszweig, der einen möglichen Abschwung zu spüren bekommen wird. Lange Laufzeiten der Projekte von der Planung bis zur Fertigstellung machen die Branche zum chronischen Konjunkturnachzügler. Deshalb rechnet die Bauindustrie in diesem Jahr noch nicht mit spürbaren Einschränkungen. "Die Auftragsbücher sind rappelvoll", sagte der Geschäftsführer des Hauptverbands kürzlich. Die diesjährige Umsatzprognose von plus vier Prozent auf 87 Mrd. Euro werde erfüllt. Die börsennotierten Baukonzerne Hochtief und Bilfinger Berger stachen vorige Woche mit höheren Gewinnprognosen und Aktienrückkäufen aus dem meist trüben Börsenbild heraus. Für 2009 erwarten Experten allerdings einen Rückfall der Branche in die Stagnation. Dabei war der Aufschwung gerade erst am Bau angekommen. Umsätze und Aufträge stiegen nach zehn Jahren steiler Talfahrt erst seit 2006 wieder. Der Beschäftigungsabbau war so radikal, dass jetzt die Fachkräfte fehlen. Deshalb stagniert die Zahl der Arbeitskräfte in diesem Jahr voraussichtlich bei 700.000.

Daten & Fakten

  • Betriebe: 7173
  • Beschäftigte: 719.517
  • Umsatz: 82 Milliarden Euro
  • Anteil Neuaufträge aus dem Ausland: 56 Prozent

Michael Gassmann

Stahl und Metalle

Produktionsabbau weltweit

Das hat es noch nie gegeben: Erstmals in seiner 42-jährigen Geschichte gab der Weltstahlverband im Herbst keine Prognose für das kommende Jahr ab. Mitte September hatte die Organisation einen Ausblick für 2009 erarbeitet - nur drei Wochen später erwies der sich jedoch als überholt. Nur so viel: Der Stahlverbrauch werde 2009 etwas stärker wachsen als die Weltwirtschaft. Auch der deutsche Stahlverband hält sich mit Prognosen für 2009 zurück. In diesem Jahr steige der Verbrauch hierzulande noch um 2,5 Prozent auf den Rekordwert von gut 43 Millionen Tonnen, hieß es. Nach fünf Jahren rasanten Wachstums bekommen die Stahlhersteller nun die nachlassende Nachfrage ihrer wichtigsten Industriekunden zu spüren. In der Folge sank die weltweite Produktion im September um drei Prozent und damit zum ersten Mal seit vielen Jahren. Mit Produktionskürzungen weltweit steuern viele Stahlhersteller zurzeit gegen, um so früher erlebte Preisstürze zu verhindern. Dank der Nachfrage aus den Schwellenländern dominiert mittel- und langfristig aber weiterhin der Optimismus.

Daten & Fakten

  • Betriebe: 794
  • Beschäftigte: 248.394
  • Umsatz: 106 Milliarden Euro
  • Exportquote: 40 Prozent
  • Anteil an Industrie: 7 Prozent

Kirsten Bialdiga

FTD

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