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Kommentar

Aktien als Altersvorsorge: Friedrich Merz hat eine gute Idee - blöd nur, dass sie von ihm kommt

Aktien als Teil der Altersvorsorge sind wichtig - das hat Friedrich Merz richtig erkannt. Und will diese Anlageform steuerlich attraktiver machen. Was eigentlich eine gute Idee ist, hat allerdings zwei eklatante Fehler: Beliebter werden Aktien dadurch nicht. Und sein Vorschlag hat Geschmäckle.

Friedrich Merz

Friedrich Merz will Aktien als Altersvorsorge attraktiver machen. 

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Es ist ein Teufelskreis: Die staatliche Rente wird bei den kommenden Generationen vorn und hinten nicht mehr reichen, aber ein Mix aus Unwissen und Unsicherheit lässt die Deutschen vor Aktien zurückschrecken. Die einen setzen auf die eigene Immobilie, die anderen auf Anlageformen, die kaum Ertrag abwerfen. Oder das Thema wird ganz einfach ausgeblendet. Mit fatalen Folgen.

Nun trommelt Friedrich Merz für eine Förderung von Aktien als Altersvorsorge. Damit rückt einer der Kandidaten auf den CDU-Vorsitz ein wichtiges Thema in den Fokus. Allerdings hat sein Vorschlag gleich eine ganze Reihe von Schwachstellen. Neben inhaltlicher Kritik ist es Merz' aktueller Job, der dabei ein Geschmäckle hinterlässt.

Staatliche Rente und die Altersarmut

Aber der Reihe nach: Die Niedrigzinszeiten und das Urvertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung wird in den kommenden Jahrzehnten hässliche Auswirkungen offenbaren. Ab 2030 könnte jedem zweiten Bundesbürger eine Altersvorsorge drohen, die unterhalb der Armutsgrenze liegt, das zeigen Berechnungen des "WDR". Die Deutsche Rentenversicherung Bund weist das natürlich zurück. Dabei liegt schon heute der Anteil der Rentner, die eine Rente von weniger als 800 Euro im Monat erhält, bei 48 Prozent. Was diese Statistik nicht sagt, ist wie viele dieser Rentner andere Bezugsquellen haben - ob nun angespartes Geld, eine eigene Immobilie oder zusätzliche Einkünfte. 

Aber die Zahlen zeigen: Schon heute ist die Situation brenzlig. Und sie wird sich weiter verschärfen. Es sei denn, es wird gespart. Und zwar richtig. Die Politik fand ab dem Jahr 2002 die Antwort in der Riester-Rente, einem staatlich geförderten, privaten Rentenmodell. Doch Kritik daran hagelt es seit Jahren aus allen Richtungen: Zu bürokratisch, zu renditeschwach, zu teuer sei das Konstrukt. Und so werden kaum noch neue Sparverträge abgeschlossen. Friedrich Merz weiß das. Und will die Deutschen nun an die Aktienmärkte locken, damit sie dort verstärkt fürs Alter Vermögen aufbauen. Und bekommt dafür zunächst auch Lob. "Eine Politik, die vor der sicheren Finanzkrise des Staates die Augen verschließt, wäre verantwortungslos. Merz hat hier genau den richtigen Vorschlag unterbreitet, denn nur durch eisernes Sparen kann die absehbare Altersarmut noch gemildert werden", sagt Hans-Werner Sinn, Ex-Chef des Ifo-Instituts zur "Welt". Auch andere Top-Ökonomen klatschen Beifall. 

Die Deutschen und die Angst vor Aktien

Und damit haben sie recht. Die Deutschen sind im internationalen Vergleich zögerlich, wenn es um Aktien geht. Hauptargument ist die Ahnungslosigkeit und Angst. Zu präsent sitzt noch der Crash der 2000er Jahre, als auch börsenfremde Anleger die "Volksaktie" der Telekom als prima Investment kauften - und viel Geld verloren. Merz' Vorschlag ist in soweit richtig, dass er fordert, dass das Geld, das an den Kapitalmärkten angespart wird, nicht im Alter nachversteuert werden sollte. Denn das droht aktuell. Diejenigen, die sich mit einem Fondssparplan an die Märkte gewagt haben, müssen später noch saftige Steuern zahlen. Merz will, dass damit Schluss sein soll. Eine richtige Forderung, die trotzdem falsch ist.

Und zwar aus zwei Gründen: Kaum ein Mensch, der aktuell im Berufsleben steht, wird Aktienkäufe deshalb umschiffen, weil er Besteuerung im Alter fürchtet. Das ist zwar ungerecht, aber wohl kaum der Hinderungsgrund. Vielmehr geht es um Unwissen und Unsicherheit. Mangelndes Wissen macht die Menschen abhängig von Experten, ob nun bei Banken oder Fondshäusern, die sie ehrlich und transparent beraten. Doch das war leider nicht immer der Fall. Und so flossen Gelder in falsche Produkte, in teure Anlagen, die die erwirtschaftete Rendite wegschmelzen ließ - lediglich die Geldhäuser und Berater profitierten. Die Finanzkrise war am Ende auch eine Vertrauenskrise in die Bankenbranche. Steuerliche Vorteile werden das nicht ändern - sondern nur ehrliche Beratung bei den Anbietern. Und simple Produkte, die man den Menschen auch erklären kann.

Friedrich Merz: Mehr Blackrock statt Bürger

Das zweite Problem von Merz' Idee ist das Geschmäckle, das den ganzen Vorstoß vergiftet. Denn Friedrich Merz ist Chefaufseher von Blackrock in Deutschland, dem weltgrößten Vermögensverwalter. Und so würde ausgerechnet sein Arbeitgeber von diesem Vorstoß profitieren. Ein Interessenkonflikt? Nein, natürlich nicht, kontert Merz. Er habe diese Meinung auch schon vor seiner Blackrock-Zeit vertreten und würde damit nicht aufhören. Dass solche Ideen deutlich an Wirkungskraft verlieren, wenn zwischen Politik- und Wirtschaftsposten fröhlich umhergewechselt wird, scheint Merz nicht aufzufallen. Denn dann vermischen sich Interessen bis zur Unkenntlichkeit: Nützt es nun dem Bürger - oder den Banken und Firmen?

Was in dieser Diskussion bisher wenig beachtet wird: Ob nun mit oder ohne Steuervorteil oder staatlicher Förderung - gerade diejenigen, die auf die Altersarmut zusteuern, werden sich kaum Aktien leisten können. Rund 40 Prozent der Deutschen würde heute schon von der Hand in den Mund leben und könnte gar nichts fürs Alter zurücklegen, so der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. Die steuerlichen Vorteile würden lediglich zeigen, dass Friedrich Merz in einer "Parallelwelt" lebe. 

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