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Griechenland in der Eurozone: Chronologie einer Katastrophe

Griechenland steht vor dem Bankrott und stellt die Europäische Union vor die Zerreißprobe. Wie konnte es soweit kommen?

Von Friederike Ott

In Athen toben Straßenkämpfe gegen den Sparkurs der griechischen Regierung, EU und IWF suchen fieberhaft nach einer Lösung, wie sie mit einem Mitgliedsland der Währungsunion kurz vor der Pleite umgehen sollen. Das System Eurozone steht vor dem Abgrund, weitere Staaten könnten in den Strudel gerissen werden. Wie konnte es dazu kommen, dass die Beitrittskriterien so schlampig kontrolliert wurden? Warum hat man erste Warnzeichen nicht ernstgenommen? stern.de protokolliert den Verlauf der griechischen Tragödie.

Januar 2001

Griechenland tritt der Eurozone bei. 2000 gibt das Land an, die EU-Konvergenzkriterien zu erfüllen.

November 2004

Einem Bericht der EU-Statistikbehörde Eurostat zufolge hat Griechenland in den Jahren 1997 bis 1999 ein Defizit in den öffentlichen Kassen von "erheblich mehr als drei Prozent" gehabt: Das Staatsdefizit belief sich 1997 auf 6,4 Prozent, 1998 auf 4,1 Prozent und 1999 auf 3,4 Prozent. Angegeben hatte die Regierung jedoch vier Prozent für 1997, 2,5 Prozent für 1998 und 1,8 Prozent für 1999. Kommission und Brüssler Diplomaten weisen darauf hin, dass die aktuelle griechische Regierung die falschen Zahlen aufgedeckt habe und dafür nicht bestraft werden dürfe. Die Kommission sieht keine rechtlichen Grundlagen für einen Ausschluss Griechenlands aus dem Euro-Raum.

Dezember 2009

Die Rating-Agentur Fitch stuft die Bonität Griechenlands herab. Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat das Land damit nicht mehr den Top-Status "A". Die EU-Mitgliedstaaten verweigern konkrete Hilfen zur Haushaltssanierung.

3. Februar 2010

Die Europäische Kommission beschließt, den griechischen Haushalt unter EU-Kontrolle zu stellen. Das Land soll so das Defizit bis 2012 in den Griff bekommen. Athen muss nun alle zwei bis drei Monate in Brüssel über seine Sparerfolge berichten.

23. April 2010

Griechenland bittet die Euro-Partner und den Internationalen Währungsfonds (IWF) offiziell um Hilfe, um einen Staatsbankrott abzuwenden. Die Zinsen für griechische Staatsanleihen sind zuvor stark gestiegen. Die EZB ermöglicht Griechenland die Aufnahme von Krediten indem sie auch die schlecht bewerteten griechischen Staatsanleihen als Sicherheit akzeptiert.

5. Mai 2010

Die Proteste gegen das Spardiktat der Regierung erreichen einen tragischen Höhepunkt. Randalierer haben die Filiale einer Bank in Athen in Brand gesetzt, drei Menschen sterben.

Mai 2010

Griechenland soll im Kampf gegen den drohenden Staatsbankrott über drei Jahre Kredithilfen von insgesamt 110 Milliarden Euro bekommen. Griechenland muss dafür unter anderem sein Haushaltsdefizit bis 2014 unter die Marke von drei Prozent absenken.

Juli 2010

Griechische Tank- und Lastwagenfahrer streiken. Sie wollen sich dagegen wehren, dass die EU eine Öffnung geschlossener Berufe verlangt. Griechische Lastwagenfahrer haben kaum Konkurrenz, das die Lizenz für einen Wagen bis zu 300.000 Euro kostet. Zehntausende Touristen sitzen fest.

August 2010

Die Sparanstrengungen der Griechen zeigen erste Erfolge: Die Regierung konnte die Staatsausgaben um zehn Prozent senken, jedoch gingen auch Wirtschaftsleistung und Steuereinnahmen zurück. Die Arbeitslosenzahl erreicht jedoch eine Quote von zwölf Prozent. Zuvor waren es 8,5 Prozent gewesen.

November 2010

Ministerpräsident Giorgos Papandreou spricht erstmals davon, dass Griechenland die EU-Kredite womöglich nicht in der vereinbarten Zeit zurückzahlen kann. "Die Frage steht im Raum", sagt er.

Die griechische Regierung legt den Etat für 2011 vor. Sie will fünf Milliarden Euro einsparen, um die Krise zu bewältigen. Sie kürzt die Ausgaben für defizitäre Staatsbetriebe, für das Gesundheitswesen und für die Verteidigung. Die Mindesthöhe von Verbrauchssteuern hebt sie von elf auf 13 Prozent an.

März 2011

Papandreou warnt vor den Folgen einer Umschuldung für sein Land. Das würde zum Zusammenbruch griechischer Banken führen. Er verspricht: "Wir werden jeden Cent zurückzahlen."

26. April 2011

Die Statistikbehörde Eurostat gibt bekannt, dass es schlimmer um Griechenlands Staatsfinanzen steht als befürchtet. Das Defizit belief sich im Jahre 2010 auf 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. EU und IWF hatten mit 9,6 Prozent gerechnet. Erlaubt sind laut EU-Konvergenzkriterien aber nur drei Prozent. Das griechische Finanzministerium verspricht, sich weiter auf Reform- und Sparvorhaben zu konzentrieren.

Mai 2011

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn fordert den Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Dann könnte es die Währung abwerten und wettbewerbsfähig werden, so seine Argumentation. Später spricht sich auch FDP-Politiker Frank Schäffler für das Ausscheiden aus der Währungsunion aus. Gegner dieser Forderung fürchten jedoch, dass sich die Last der Staatsschulden vervielfachen könnte, weil Griechenland seine Schulden in Euro zurückzahlen müsste und die Drachmen extrem an Wert verlieren würden. Sie warnen vor einem Bankenkollaps und bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Juni 2011

Ratingagenturen stufen griechische Staatsanleihen weiter herab. Griechenland hat das schlechteste Rating aller bewerteten Länder

7. Juni 2011

Finanzminister Wolfgang Schäuble warnt vor der Insolvenz Griechenlands und fordert eine Umschuldung. Dabei würden private Investoren an den Kosten der Rettung beteiligt, zum Beispiel indem die Zinsen gesenkt und die Laufzeiten von griechischen Staatsanleihen und Hilfskrediten verlängert werden. Der Gläubiger - also der, der Griechenland in Form von Staatsanleihen einen Kredit gewährt und dafür Zinsen kassiert - bekommt am Ende weniger Geld. Den meisten EU-Ländern geht dieser Schritt zu weit. Auch EZB-Präsident Trichet lehnt das ab.

16. Juni 2011

Der US-Einlagensicherungsfonds warnt davor, dass europäische Banken die Stabilität des gesamten Finanzsystems in Gefahr bringen und es zusammenbrechen lassen könnten. Die Organisation bemängelt, dass europäische Geldhäusern noch immer selbst ihre eigenen Kapitalanforderungen festsetzen können und objektive Beschränkungen fehlten.

  • Friederike Ott