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Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis: Der Zocker

Plötzlich scheint alles möglich zu sein in Athen, mit Yanis Varoufakis als Finanzminister. Sprengen sich die Griechen aus der Eurozone? Oder macht das Land sich abhängig von Putin und dessen Geld?

Von Andreas Petzold

Yanis Varoufakis, Finanzminister der Tsipras-Regierung, hegt seine Pläne für Griechenland und lässt sich nicht durchschauen

Yanis Varoufakis, Finanzminister der Tsipras-Regierung, hegt seine Pläne für Griechenland und lässt sich nicht durchschauen

Unterschätzen sollte ihn niemand, diesen kahl geschorenen, griechischen Bruce Willis, der nun auf Geheiß seiner Wähler scheinbar Rache nimmt an der Troika, an der EU, den Euro-Strategen, an Angela Merkel: Yanis Varoufakis. Der Finanzminister im neuen Kabinett von Alexis Tsipras begegnet seinen neuen europäischen Gesprächspartnern zwar mit dem Gestus eines Türstehers - Hände lässig in den Hosentaschen, raus hängendes Hemd, süffisantes Grinsen -, aber er weiß sehr genau, was er will: nämlich eine extra "harte Tür" für die Geldgeber der Euro-Gruppe. Und der Troika verweigert er gleich ganz den Zutritt, weil ihm schlicht deren Gesicht nicht passt.

Der 53-jährige Ökonomie-Professor ist dabei keinesfalls naiv. Was man durchaus vermuten könnte. Schließlich gefährden er und sein Chef Tsipras mit ihrer Unnachgiebigkeit nicht weniger als die Liquidität des griechischen Bankensystems. Der Bankrott droht. Denn die Hilfe der Kreditgeber wird über den 28. Februar hinaus nur dann verlängert, wenn weiterhin Sparmaßnahmen und Reformen umgesetzt werden.

Bekanntermaßen geschieht das Gegenteil: Renten werden erhöht, Zuzahlungen für Arztbesuche und Medikamente reduziert, Staatsbedienstete wieder eingestellt, Privatisierungen rückgängig gemacht - die Leitung der Privatisierungs-Behörde wurde gefeuert. Und das ist erst der Anfang des Rolle-Rückwärts-Katalogs, der den Staat Milliarden kostet, die er nicht hat.

Athen zeigt Draghi unverblühmt den Mittelfinger

Hinzu kommt: Syrizas Wahlsieg hatten viele Wähler schon eingepreist und es seit Dezember mit dem Abstottern von Steuern und Sozialbeiträgen nicht mehr so genau genommen. Dadurch fehlen zwei Milliarden in der Staatskasse. Derweil kriselt es auch gewaltig in den Büchern der Banken. Drei Milliarden im Dezember, acht Milliarden im Januar - das sind die Abflüsse von den Konten der griechischen Institute. Ein Bank Run könnte sich anbahnen, auch wenn die Abhebungen in der vergangenen Woche etwas moderater ausfielen.

Hektisch achtet die griechische Nationalbank darauf, dass die Bankautomaten ausreichend bestückt sind. Es darf nicht auch noch Panik aufkommen. Schon einmal, im Sommer 2012, horteten die Griechen haufenweise Bargeld aus Angst vor einem Ausscheiden aus der Eurozone. Damals ließ die EZB quasi über Nacht Euro-Noten einfliegen, um die Nachfrage zu bedienen.

Wäre EZB-Chef Mario Draghi in diesen Tagen erneut so hilfsbereit, zeigt Athen ihm doch so unverblümt den Mittelfinger? Und Varoufakis setzt noch einen oben drauf: Man bräuchte die sieben Milliarden nicht, die an der Umsetzung der Troika-Auflagen hängen, beschied er ganz cool. Nebenbei: Der Schuldenschnitt, den seine Partei so vehement fordert, würde mindestens zwei große hellenische Banken in Richtung Abgrund treiben. Sie sind bis unters Dach vollgestopft mit Staatsanleihen, ausgegeben von der griechischen Notenbank. Die wären nach einem Schuldenschnitt kaum noch etwas wert. Also, wie um alles in der Welt will Varoufakis sein Land flüssig halten?

Varoufakis kennt seine Karten

Sieht aus, als habe er einen Plan, der für die Öffentlichkeit noch nicht durchschaubar ist. Immerhin kennt sich der Motorradfan, der als viel gelesener Starökonom in seinem Land gilt, exzellent aus in Makroökonomie. Studium in Essex, promoviert in Mathematik und Statistik, zwölf Jahre Lehrbeauftragter für Ökonomie in Sydney, anschließend unterrichtete er an der Universität Austin, Texas.

Varoufakis, der Zocker, kennt also seine Karten. Und es sieht nicht danach aus, dass einer der Spieler demnächst passen wird. Schäuble und Merkel haben keine Lust nachzugeben und innenpolitischen Aufruhr zu riskieren. Und Tsipras hat sich schon so weit zu seinen Wählern aus dem Fenster gelehnt, dass der "Point of no Return" eigentlich überschritten ist.

Falls sich nicht doch noch ein Kompromiss findet, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Die russische Notenbank könnte ein paar ihrer Milliarden schicken - noch kann sie auf 385 Milliarden Dollar Reserve zurückgreifen. Das hätte die delikate Folge, dass Athen sponsored by Putin vorübergehend Zinsen und Rückzahlungen bedienen und in aller Ruhe die EU an den Verhandlungstisch bitten könnte. Dagegen gäbe es juristisch wohl kaum einen Hebel.

Plötzlich scheint alles möglich

Die andere, spektakulärere Variante wäre ein Grexit: Tsipras und Varoufakis lassen es absichtlich zum Crash kommen und sprengen sich aus der Eurozone. Juristisch ist das zwar unmöglich. Ein Euroland kann weder austreten noch rausgeschmissen werden, ohne gleichzeitig die EU zu verlassen. Aber die Macht des Faktischen würde alle Paragraphen hinfällig werden lassen. Und auch in diesem Fall würden Russen, Chinesen und eventuell sogar die unverträglichen Türken möglicherweise ihre geopolitische Chance nutzen und ein paar Schecks ausstellen.

Wenig scheint im Augenblick undenkbar. Das zeigen auch die burlesken Kommentare unter dem Hashtag #Tsiprasfacts. Auf Twitter hat der neue Ministerpräsident bereits die Amtsbezeichnung "Defender of the Drachme". Ob das ein Ehrentitel ist, wird sich zeigen.