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Interview

Digitalisierung: Drohnen, Roboter und Mähdrescher mit Stromkabeln – so sieht der Bauernhof 4.0 aus

Peter Pickel forscht für den größten Landmaschinenhersteller der Welt, John Deere. Er sagt, dass die Landwirtschaft bei der Digitalisierung viel weiter ist als die Industrie. Außerdem nimmt er an, dass Kleinbetriebe durch die Agrar-Revolution eine Wiedergeburt erleben können.

Autonomes Fahren ist kein "Neuland" auf dem Acker. Blick ins Cockpit eines Traktors-

Autonomes Fahren ist kein "Neuland" auf dem Acker. Blick ins Cockpit eines Traktors-

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Herr Pickel, Sie sind Vorsitzender des John Deere European Technology Innovation Center und zuständig für Zukunftstechnologien. Die Landwirtschaft befindet sich ein einer neuen Agarrevolution. Was passiert da gerade?

Was waren die größten Erfindungen in unserem Metier? Die Erfindung der Verbrennungskraftmaschine. Damit eng verbunden ist die Erfindung des Traktors. Dann käme der Mähdrescher. Nun kommt die vierte großen Welle. Wir nennen es "Smart Farming" oder Landwirtschaft 4.0. Die Landwirtschaft befindet sich im Prozess der digitalen Transformation.

Smart, digital und 4.0 hört man häufig. Ich stelle mir da Roboter in einer Fertigungsstraße vor.

Der Trend 4.0 erfasst die ganze Industrie, aber auf dem Agrarsektor sind wir sehr viel weiter als auf anderen Gebieten. In der Landwirtschaft sind wir in Sachen Digitalisierung vielen industriellen Bereichen weit voraus.

Moment - im Stall gibt es mehr Roboter als in der produzierenden Industrie?

Ja. Roboter werden heute im breiten Stil in der Innenwirtschaft eingesetzt. Das sind Melkroboter, Roboter, die das Futter zuteilen, solche Dinge. Das ist mittlerweile Standard. Im Stall arbeiten mehr Roboter als in der Industrie. Es gibt meines Wissens keinen Industriezweig, der so viele Roboter einsetzt, wie die Innenwirtschaft der Agrarbranche. Oder schauen wir uns Trecker an. Bei den Pkw kann man seit ein paar Jahren auf der Autobahn die Hand vom Lenker nehmen. Unsere Trecker können schon seit fast 20 Jahren autonom fahren. Wir treffen auf dem Feld natürlich auf günstigere Bedingungen als auf der Straße.

Smart sollte auch sauber sein. Sie bauen gewaltige Trecker mit noch gewaltigeren Motoren. Auf dem Acker wird jede Menge Diesel verbrannt. Das sind klimafeindliche CO2-Emissionen.

Das ist richtig. Ich denke, die Elektromobilität von Landmaschinen wäre die fünfte große Erneuerungswelle. Wir zeigen gerade ein Fahrzeug, das autonom unterwegs ist, sehr viel weniger wiegt und das über ein Kabel auf dem Acker versorgt wird. Das könnte langfristig eine Lösung für den Energieeinsatz sein.

Ein Trecker, der ein Kabel hinter sich herzieht? Das hört sich etwas skurril an. Aber damit sparen Sie das teuerste Bauteil nämlich die Batterie ein. Und die müsste bei der Leistung ihrer Maschinen gewaltig sein.

Das ist derzeit eine Vision oder ein Prototyp. Da fehlt es noch an vielen Dingen. Sie müssen sehr hohe Leistungen schalten können, das muss abgestimmt werden mit Netzbetreibern.

Prof. Peter Pichel hofft, dass Landwirtschaft 4.0 zu einer Renaissance ländlicher Räume beitragen kann. 

Prof. Peter Pichel hofft, dass Landwirtschaft 4.0 zu einer Renaissance ländlicher Räume beitragen kann. 

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Aber es ist auch verlockend. Wenn Sie auf der landwirtschaftlichen Fläche den Strom selbst erzeugen können, wäre der Einsatz klimaneutral und dazu auch noch billiger.

Das ist ein wichtiger Aspekt. Doch auch wenn ein Landwirt schon seine eigene Energie erzeugt, müsste die Anlage entsprechend angepasst werden. Wir haben jetzt erst mal gezeigt, dass es machbar ist. Aber bis in die Serie dauert es noch sehr lang.

Technik soll nicht nur rationalisieren, sie soll auch einen allgemeinen Nutzen bringen. Reden wir über Spritzen. Düngemitteleinsatz und der Gebrauch von Pflanzenschutzmittel sind in der Gesellschaft umstritten. Darunter leidet das Image der Landwirtschaft gewaltig. Wie soll Ihre Technik helfen, zu einer nachhaltigeren oder sanfteren Landwirtschaft zu kommen?

Ich möchte Ihnen ein Beispiel beim Einsatz von Düngemitteln, beispielsweise Stickstoff, geben. Wir haben Infarotsensoren entwickelt, mit denen man den Stickstoffkreislauf schließen kann. Wie funktioniert das? Zuerst erfassen wir den Zustand der Felder. Wenn wir wissen, was angebaut werden soll, können den Einsatz von Düngemitteln planen, erfassen und ganz genau auf den Bedarf der Pflanzen anpassen.

Das ist bis jetzt nichts Besonderes. Blindlings wird schon lange nicht mehr gedüngt.

Da haben Sie recht. Aber nehmen mal einen schwierigen Stoff, der häufig verwandt wird: Gülle. Da ist eine Art von Naturprodukt und daher sehr heterogen in der Zusammensetzung. Wir wissen also vorher nicht, wie viel Stickstoff und andere Nährstoffe in der Gülle sind. Das schwankt sogar in einer Charge.

Unsere Sensoren messen nun beim Verteilen die tatsächlichen Werte und dosieren entsprechend. Wir haben einen heterogenen Stoff, den wir dennoch exakt einsetzen können. Mit Drohnen oder auch über Satelliten beobachten wir dann das Wachstum auf dem Feld. Dann können wir sehen, wie viel Nährstoffe die Pflanzen dem Boden entziehen. Und dann kann man sehr gezielt nachdüngen. Wenn man so vorgeht, erreicht man einen geschlossenen Nährstoffkreislauf. Ohne Düngemittel im Grundwasser. Garantiert.

Eine andere Frage. Wir haben über Gülle gesprochen. Aber mindestens ebenso umstritten sind Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat. Wie können wir uns davon lösen?

Da gibt es keine einfache Antwort. Aber wir streben verschiedene Lösungen an. Die erste lautet: "Hacken statt Spritzen".

Sie wollen die Unkräuter auszupfen?

Ein Weg funktioniert so: Wir legen die Saatkörner ganz präzise ab. Bei Zuckerrüben und Mais erreichen wir vom Traktor aus eine Präzision von einem Zentimeter. Also wissen wir genau, wo die Nutzpflanzen stehen. Zwischen ihnen soll nichts anders wachsen. Und weil wir das so exakt kartiert haben, müssen wir nicht spritzen, sondern können eine Maschine arbeiten lassen, die das Unkraut ausrupft, beziehungsweise weg hackt.

Dann wird gar nicht mehr gespritzt.

Wir haben auch eine zweite Methode. Wir gucken mit der Kamera auf den Boden. Dann identifizieren wir die Nutzpflanzen, so erkennen wir auch Unkräuter oder Krankheiten. Dann könnten wir auch auf ein Unkraut, das wir erkennen, eine gezielte, minimale Menge Herbizid ausbringen.

Die smarte Agrarrevolution soll angeblich sanfter und umweltverträglicher sein. Wie soll das gehen?

Im Smart Farming orientieren uns an den Bedürfnissen von Pflanzen und Tieren.

Die große Agrartechnik wird zum Tier- und Pflanzenversteher?

Ein Aspekt, den man bei der jetzigen Transformation gern vergisst: Wir wollen jedes Tier und jede Pflanze als ein Individuum betrachten und versorgen. Da ist eine der Kernvisionen.

Sie wollen in der Lage sein, dass jede einzelne Pflanze also jede Rübe auf einem Hof als Individuum erkannt wird?

Von den Daten her kann das kein Mensch erfassen. Da wollen wir hin. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Das wird vielleicht noch fünf oder auch zehn Jahre dauern.

Sie sagen also: "Ja, unsere Landwirtschaft wird technisierter, aber genau dadurch wird sie auch "sanfter", weil wir nicht mehr jeden Halm über einen Kamm scheren".

Moderne Technik wird sehr viel umweltfreundlicher sein. Und ich persönlich hoffe, dass dieses Bild dazu führt, dass Landwirtschaft wieder "cool" wird.

Das sind interessante Visionen, aber es hört sich doch auch nach "Big Tech" und großen Rechnungen an. Können sich das nur gigantische Riesenbetriebe leisten? Oder lässt sich 4.0 so adaptieren, dass es sich auch für kleine Hofgrößen lohnt?

Eine schwierige Frage, das muss ich zugeben. Wenn eine neue Technik entsteht, wird sie zunächst einmal bei den großen Geräten eingesetzt, aber einmal eingeführt, lässt sie sich dann meist leicht nach unten zu skalieren. Diesen Prozess sehe ich hier auch.

Also so ähnlich wie in der Autobranche: Erst die Oberklasse und in ein paar Jahren kommt dann der Golf?

Ich glaube, das wird bei der Landwirtschaft 4.0 noch weiter gehen. Meine Hoffnung ist: Vielleicht wird es sogar möglich sein, mit dieser Technik viel kleinere Strukturen anzulegen.

Sie meinen damit: Dass es sich lohnen kann, kleinere Felder wieder zu bewirtschaften. Die Mechanisierung der Landwirtschaft hat zu immer größeren Strukturen geführt. Die Dimensionen haben sich vom Maß des Menschen gelöst. Und Sie glauben, dass Ihre Technik diesen Prozess brechen könnte?

4.0 braucht diese großen gleichmäßigen Flächen nicht. Da stehen die Chancen ganz gut. Das ist jedenfalls unsere Vision. Wie das umgesetzt wird, kann ich nicht sagen. Da sind sehr viele Faktoren am Werk.

Leute müssen auch Lust haben, in diesen Strukturen zu arbeiten. Heute wird die Landflucht nicht mehr hauptsächlich davon getrieben, dass die Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird. Sondern auch, weil die Menschen nicht mehr auf dem Land leben wollen.

Einer der großen Megatrends unserer Zeit ist die Urbanisierung. Die Menschen ziehen weg aus den ländlichen Bereichen, weil sie nicht für attraktiv halten. Das führt im Moment dazu, dass wir Techniken entwickeln, die mit immer weniger Arbeitskraft auskommen müssen. Da gibt es auch Kostengründe. Aber ein wichtiger Faktor ist: Diese Arbeitskraft steht gar nicht zur Verfügung.

Die moderne Landwirtschaftstechnik soll es ermöglichen, in kleineren Dimensionen auch sehr spezielle, individuelle Produkte anzubauen? So etwas wie einen ökologischen Feinschmecker-Bauernhof?

Das erwarte ich. Doch wenn der Trend zur Urbanisierung und damit zu Verödung des Landes aufgehalten werden soll, dann müssen wir die Lebensbedingungen im ländlichen Raum insgesamt verbessern. Da muss es vernünftige Schulen geben, Ärzte. Eine gute Infrastruktur – all das gehört dazu. Das ist kein Trend, den eine Firma wie John Deere brechen kann. Firmen wie wir wollen und können aber eine Gegenbewegung dazu unterstützen.

Da gehört politischer Wille dazu.

Da steht viel auf dem Spiel. Ich möchte etwas ausholen. Wir haben vorhin von Erfindungen gesprochen. Ich glaube, die größte "Erfindung" – wenn wir das jetzt einmal so nennen wollen – der Menschheit überhaupt, ist die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht. Agrarkultur stand ganz am Anfang. Sie hat dazu geführt, dass wir sesshaft geworden sind. Das ist die Grundlage für alles in unserer Kultur. Damit haben sich auf der ganzen Welt die Lebensgewohnheiten geändert – so sind wir geworden, was wir heute sind. Das sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.