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Insektensterben Verkauf verbotener Pestizide an Hobbygärtner: "Eine Verschlusskappe – und ich sei alle Insekten in meinem Garten los"

Verbotene Pestizide: Eine tote Biene liegt auf dem Boden
Nervengift gegen Insekten: "Der Einkauf war erschreckend einfach"
© Kutsuks / Getty Images
Biologe Jan Hellberg begleitete die stern-Recherchen über den Einsatz von verbotenen Giften von Hobby- und Kleingärtnern. Den Umgang mit den potenten Pestiziden fand er regelrecht skandalös.

Herr Hellberg, bei der Recherche mit dem stern haben Sie unter anderem in Polen Insektenvernichtungsmittel gekauft, die in Deutschland verboten sind. Wie war das für Sie als Wissenschaftler?

Sehr spannend. Nach unseren Testkäufen in Berlin gab es mehrere Hinweise darauf, dass sich der ein oder andere Gärtner illegal Pflanzenschutzmittel in Polen beschafft. Dem sind wir auf den Grund gegangen und auch schnell fündig geworden.

Mit welcher Legende sind Sie auf dem Markt in Slubice aufgetreten?

Der Einkauf war erschreckend einfach. Wegen der Sprachbarriere habe ich der Verkäuferin nur ein paar Worte auf Deutsch gesagt – "Insekt", "Apfel", "Insektizid" – und praktisch sofort habe ich Acetamiprid, ein systemisch wirkendes Neonicotinoid, erhalten. Systemisch bedeutet, dass das Mittel in alle Pflanzenbereiche gelangt, auch in die Blüte. Ich habe mehrere Pakete vom Mittel mit Acetamiprid verlangt und sie auch bekommen. Als ich dann Roundup Flex 480 hinter dem Tresen gesehen habe, habe ich einfach darauf gezeigt und das hochkonzentrierte Glyphosat gekauft. Mir wurden von anderen deutschen Kunden augenzwinkernd sofort Tipps gegeben und kommentiert: "Wirkt super!"

Dürfen diese Mittel in Deutschland verwendet werden?

Im Garten oder auf anderen Flächen dürfen diese Mittel definitiv nicht von Hobbygärtnern ohne Sachkundenachweis angewendet werden, vor allem nicht als Spritzmittel nach eigener Dosierung! Das hochkonzentrierte Mospilan 20 SP enthält pro Kilogramm 200 Gramm Acetamiprid, ein höchst umstrittener und für Bestäuber wie Bienen und andere Nützlinge hochgefährlicher Wirkstoff – ein Neonicotinoid, also ein Nervengift für Insekten. Die Anwendung im Freiland ist für drei andere Neonicotinoide bereits EU-weit verboten! Für mich ist völlig unverständlich, warum Acetamiprid nicht auch längst verboten ist. Niedriger konzentrierte Mittel mit Acetamiprid sind leider immer noch in Gärten erlaubt. Aber nie bei Obst. Positiv anzumerken ist, dass viele Baumärkte und Gartencenter mittlerweile auf den Verkauf von Glyphosat verzichten. Aber dafür gibt es jetzt Produkte wie Roundup AC ohne Glyphosat. Es enthält Essigsäure bzw. Nonansäure oder Pelargonsäure. Weniger problematisch ist das neue Roundup meiner Meinung nach nicht. Man muss es nämlich wesentlich häufiger anwenden, damit es ähnlich gut gegen Unkräuter wirkt. Gut für den Umsatz des Herstellers, der es sogar geschafft hat, dass Roundup AC auf Freiflächen mit Holzgewächsen erlaubt ist. Einen Schritt vor, zwei zurück!

Welche Mittel haben Sie auf dem Markt in Slubice bekommen?

Zum Beispiel "Bi 58 Insektenvernichter". An allen Ständen gab es Ein-Liter-Flaschen oder noch größere Packungen, diese Größe ist in Deutschland gar nicht erhältlich für nichtberufliche Anwender. "Bi 58" gilt als bienengefährlich und darf im Haus- und Kleingartenbereich auf keinen Fall im Freiland angewendet werden und auf keinen Fall bei Obst! "Bi 58" enthält den Wirkstoff Dimethoat und ist ab August 2019 in Deutschland verboten. Es gilt eine Abverkaufsfrist bis Ende Januar 2020 und eine Aufbrauchfrist bis Mitte 2020. Als ich bei unserem Marktbesuch meinte, "Bi 58" sei mir nicht stark genug, hat der Verkäufer ein hochkonzentriertes Mittel mit dem Wirkstoff Chlorpyrifos unter dem Tresen hervorgezogen. Da war ich baff! Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Chlorpyrifos sind in Deutschland verboten. Ich habe mich dumm gestellt und gefragt: "Kommt da der ganze Liter in meinen Spritzbehälter?" Der Verkäufer musste lachen und meinte, eine Verschlusskappe – und ich sei alle Insekten in meinem Garten los.

Sie hätten aber auch mehrere Flaschen kaufen können?

Wir hätten ein Dutzend Flaschen kaufen können. Dann fragte der stern-Reporter, ob er Fotos von den Flaschen mit Cholorpyrifos machen dürfe. Der Händler willigte erst ein, aber kurze Zeit später wollte er, dass die Fotos gelöscht werden. Es gab eine Rangelei. Die stern-Leute taten so, als ob sie die Fotos löschen. Aber die blieben ja doch im Speicher.

Sie haben auch in Berliner Baumärkten und Gartencentern Stichproben gemacht. Mit welchem Ergebnis?

Die Beratung war einfach überall ungenügend. Mit meiner Geschichte als unerfahrener Gärtner hätte ich mit einer intensiven Beratung gerechnet, auch zum ökologisch verträglichen Pflanzenschutz. Und ich hatte schon das Gefühl, dass einem die Schädlingsvernichtung durch chemisch-synthetische Gifte richtig einfach gemacht wird, ja sogar ausdrücklich empfohlen wird. Dabei sollte der Einsatz von chemischen Mitteln immer nur die allerletzte Option sein. Skandalös fand ich übrigens auch, dass der präventive Einsatz der Mittel empfohlen wurde. Wir sollten unsere Pflanzen besprühen, um einen Schädlingsbefall zu vermeiden.

Sind also tatsächlich alle Gärtner Mörder?

Nein, eben nicht. Es gibt wundervolle Initiativen für das Gärtnern ohne Pflanzenschutzmittel. Viele verzichten gänzlich auf Gifte. Bei der Aurelia Stiftung haben wir aber grob ausgerechnet, wie viele Pflanzenschutzmittel der durchschnittliche Hobbygärtner einsetzt und waren überrascht.

Und wie viel?

2017 wurden circa 6,69 Kilogramm Pflanzenschutzmittel für nicht berufliche Anwender pro Hektar Haus- und Kleingarten in Deutschland abgesetzt. 

Ist das mehr oder weniger als ein normaler Bauer einsetzt?

Mehr! Ob die Hobbygärtner deshalb tatsächlich schlimmere Giftspritzer als die Landwirte sind, möchte ich daraus nicht direkt ableiten. Denn im nichtberuflichen Bereich werden immer noch viel weniger Wirkstoffe pro Fläche abgegeben. Die Pflanzenschutzmittel für Haus- und Kleingarten sind auch häufig niedriger konzentriert. 

Jan Hellberg (links) und stern-Autor Norbert Höfler bei der Recherche
Jan Hellberg (links) und stern-Autor Norbert Höfler bei der Recherche
© Philipp von Ditfurth

Sie arbeiten als Biologe für die Aurelia-Stiftung. Was wollen Sie erreichen?

Wir kümmern uns um den Naturschutz und speziell um Bienen, Bestäuber und Artenvielfalt – egal ob in der Landwirtschaft, Politik, Bildung oder Kunst. Thomas Radetzki, der Vorstand und Geschäftsführer der Stiftung, ist ein Pionier in der ökologischen Bienenhaltung und hat 35 Jahre lang eine Versuchs- und Lehrimkerei geleitet. Soweit erforderlich kämpfen wir für den Schutz der Bienen auch vor Deutschen und Europäischen Gerichten, so wie aktuell gegen die Zulassung und Zu-lassungsverlängerung von Glyphosat.

Wie finanzieren Sie sich?

Aus Spenden, Zustiftungen und soweit möglich aus öffentlichen Mitteln. Unser Vermögen ist leider gering. Deshalb sind wir immer auf finanzielle Unterstützung aus der Zivilgesellschaft angewiesen.

Hatten Sie schon Erfolge im Kampf gegen Bienenmörder?

Das Wort Bienenmörder würde ich so nicht verwenden. Schuld ist nicht "der Landwirt" oder "der Gärtner". Wir stecken alle in einem System, das noch deutlich verbessert werden kann.


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