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Kommentar: Piëchs Vollbremsung

Der Rausschmiss des VW-Chefs zeichnete sich schon länger ab. Jetzt hat Gottvater Ferdinand Piëch seinen Nachfolger weggebissen - ein Drama aus Wolfsburg.

Von Harald Kaiser

Was für ein Karriere-Scherbenhaufen. Zum zweiten Mal in seiner Laufbahn wird Bernd Pischetsrieder von einem Top-Job geschubst. Erst wurde ihm 1999 bei BMW das Steuer aus der Hand genommen, weil er bei der kranken Tochter Rover so lange untätig zuschaute, bis sie den Konzern in den Abgrund zu ziehen drohte. Jetzt die Wiederholung bei Volkswagen. Noch im Mai wurde nach längerem Gerangel zwar sein Vertrag um fünf Jahre verlängert, doch zuvor hatte ihm Ferdinand Piëch, Konzernübervater und Vorgänger im Amt, längst tiefe Image-Schrammen beigebracht.

Als Piëch Pischetsrieder in den VW-Vorstand holte, sprach er noch ehrfurchtsvoll davon, dass er vor dem Bayern großen Respekt habe. Der sei durch die Hölle gegangen und wieder aufgestanden. Die Vermutung liegt jetzt nahe, dass es Piëch nur darum gegangen ist, einen entscheidungsschwachen Top-Manager zu seinem Nachfolger aufzubauen - damit Piëch selbst als Gottvater des Aufsichtsrats noch kräftig mitmischen konnte.

Piëchs eigene Fehler, etwa die Luxuslimousine Phaeton zu bauen oder die Marken Bentley wie auch Lamborghini dem Konzern für hunderte von Millionen einzuverleiben, konnte der knorrige Österreicher stets geschickt kaschieren. Kaum hatte Pischetsrieder Piëch als Chef beerbt, hatte er auch dessen Probleme am Bein - und wurde sie nicht mehr los. Ja, schlimmer, sie wurden zu seinen. Auch die überteuerte Produktion des aktuellen Golf V, der wegen einer aufwändigen Hinterachse relativ lange Montagezeiten benötigt, hat nicht Pischetsrieder angezettelt. Sein Vorgänger trägt dafür die Verantwortung. Doch auch das Problem wurde zu jenem von Bernd Pischetsrieder, der auch in dem Punkt nie gegen Piëch agieren konnte. Welcher Vorstandsvorsitzende watscht schon seinen Aufsichtsratschef ab? Einmal wenigstens bekam Piëch von Pischetsrieder ein Ohrfeigchen - als er beschloss, den Dauerverlustbringer Phaeton nicht mehr in den USA anzubieten, weil der sich dort bei den Händlern die Reifen platt gestanden hat.

Ein Manager der mittleren Ebene

bei Volkswagen sagte einmal, dass Piëch erstens ein Gedächtnis wie ein Elefant habe und zweitens nichts, aber auch nichts ohne Plan tue. Beide Punkte haben sich nun erfüllt. Denn man muss sich in Erinnerung rufen, dass Ferdinand Piëch wie ein Depp in der Presse dastand, als er vor Jahren eingestehen musste, dass er bei einem vermeintlichen Mega-Deal eine Kleinigkeit nicht berücksichtigt hatte. 1998 verkündete er stolz, dass VW nun Rolls-Royce und Bentley geschluckt habe. Doch damit war es nicht weit her. Bernd Pischetsrieder, damals noch BMW-Vormann, lachte sich nämlich bereits ins Fäustchen. Denn er hatte längst für BMW die Namensrechte an Rolls-Royce gekauft. Man kann sich gut vorstellen, wie Piëch gekocht hat, als er die Panne eingestehen musste und gleichzeitig auch zu verkünden hatte, dass genau deswegen Rolls-Royce nicht in der Markensammlung von Volkswagen verbleibe, sondern zu BMW wandern werde. Dort ist die britische Autoschmiede heute noch. Und nun zum Elefanten-Gedächtnis: Diese Schmach hat Piëch Pischetsrieder nie verziehen. Er lockte ihn in die Wolfs-Burg, ließ Jahre verstreichen. Der Rest ist jetzt bekannt.

Und weil der Mann angeblich nichts ohne Plan tut, muss man davon ausgehen, dass der Rausschmiss jetzt lang vorbereitet war. Das geht so: Hier und dort in den Medien Zweifel an den Sanierungsfähigkeiten des Vorstandsvorsitzenden streuen, und die Schlagzeilen sind sicher. So ist es geschehen. Im Grunde war Pischetsrieder schon im Frühjahr demontiert. Jetzt kommt Audi-Chef Martin Winterkorn, der noch unter Piëch oberster Entwicklungsboss des Konzerns war und ihn am liebsten schon damals gern beerbt hätte. Womöglich verrechnet hat sich ein anderer: Wolfgang Bernhard, der ehrgeizige VW-Markenvorstand, der die Sanierung vorantreiben soll. Bernhard kam von Mercedes, wo er kurz vor dem Amtsantritt als Mercedes-Chef vom Konzernregenten Jürgen Schrempp wegen gewisser Ungebührlichkeiten gefeuert worden ist. Bernhard war der Sonne zu nahe gekommen. Beobachter in Wolfsburg bemerken schon seit längerem, dass sich Bernhard als der Konzernherr aufführt. Kann also gut sein, dass sich auch Bernhard zu den Verlierern im Gerangel um den besten Platz zählen muss.