Kommentar Reguliert den Strommarkt!


Die jüngst angekündigten Preiserhöhungen der Strom- und Gasversorger lassen Verbraucher vor Wut kochen. Doch die unschöne Wahrheit lautet: Je mehr Energie wir sparen, desto stärker bröckeln die Umsätze der Energiekonzerne - und desto stärker drehen diese an der Preisschraube.
Von Rolf-Herbert Peters

Die Deutschen kochen gern. Allerdings immer mehr aus Wut über die steigenden Strompreise und immer weniger am Elektroherd. Letzteres vermelden die Betreiber der gerade laufende Nahrungs- und Genussmittelmesse Anuga. Ein Grund hierfür liegt in der Bequemlichkeit, ein anderer im Gewissen der Nation: Wir sehen uns inzwischen eher im Einklang mit der Natur, wenn wir ein Päckchen Fertigessen für Minuten in die Mikrowelle schieben, anstatt den Sonntagsbraten zwei Stunden lang auf dem glühenden Ceranfeld schmoren zu lassen. Die Klima-Mania hat das Land erfasst. Väter räumen die Baumarktregale mit den Energiesparlampen leer. Mütter ziehen manisch den Stecker aus der Steckdose, wenn die Stand-by-Birne an der Playstation leuchtet. Und Kinder gehen mit nassen Haaren aus dem Haus, weil der 2000-Watt-Föhn alle familiären Sparziele zunichte machen würde.

Deutsche reiten auf der Klima-Welle

Die Sparwut lässt sich bereits deutlich in Zahlen ablesen: Die Deutschen haben im ersten Halbjahr dieses Jahres 279 Milliarden Kilowattstunden weniger gezapft als im Vorjahreszeitraum, meldet der Verband der Elektrizitätswirtschaft. Das entspricht einem Rückgang von 1,1 Prozent. Dieser Wert wiegt umso schwerer, als die Zahl der Elektrogeräte in den Haushalten rasant steigt und die Konjunktur brummt, was den Industrieverbrauch in die Höhe schnellen lässt. Selbst Experten können sich nicht erinnern, wann es einen solch starken Rückgang schon einmal gegeben hat.

Das Klima mag davon profitieren, Eon-Chef Wulf Bernotat - der übrigens im privaten Keller eine energiesparende Wärmepumpe betreibt - dagegen nicht. Er muss an seine Aktionäre denken: Weniger Stromverbrauch bedeutet weniger Umsatz und in der Folge eine geringere Renditechance. Mit der saftigen Preiserhöhung - Privatkunden sollen bis zu zehn Prozent mehr zahlen - will er diesen Abwärtstrend stoppen, noch bevor er einsetzt. Eigentlich könnte er den Kunden zurufen: "Selbst schuld, wenn ihr beim Verbrauch knausert!" Aber das wäre nicht politisch korrekt.

Höhere Staatsabgaben sind objektiv "Unsinn"

Deshalb gibt er lieber den Klimaschützer und fabuliert von höheren Abgaben an den Staat, die den Aufschlag nötig machten - obwohl das objektiv "Unsinn" ist, wie es Umweltminister Sigmar Gabriel außergewöhnlich präzise formulierte. Bernotat argumentiert zudem mit höheren Beschaffungskosten, dabei bezieht er seinen Strom zumeist aus längst abgeschriebenen eigenen Atom- und Kohlekraftwerken. Und er verweist auf die steigenden Preise an der Strombörse EEX, obwohl dort nur 15 Prozent des Stroms gehandelt wird und Eon und RWE den Kursverlauf mit ihren Volumina dominieren.

Nicht nur Eon, auch RWE, EnBW oder Vattenfall greifen im Kampf gegen das Energiesparen zur Waffe Preiserhöhung. Die ist in diesem Jahr besonders scharf, weil sich die Konzerne die Tarife nicht mehr von den Länderregierungen genehmigen lassen müssen. Vor Kunden, die den Aufschlag nicht zahlen wollen und wütend kündigen, fürchten sie sich nicht besonders: Die Abtrünnigen landen nicht selten unwissend wieder in den Armen der Oligarchen, denn viele vermeintliche Billiglieferanten wie "E wie Einfach" (Eon), Yello (EnbW) und manche Regionalanbieter sind Töchter oder Beteiligungen der vier Konzerne. Das Geld für den Strom fließt also am Ende wieder in die Kassen von Bernotat und Co.

Regulierung dringend gebraucht

Beim Strom wird also in den kommenden Jahren ein ähnlicher Effekt einsetzen, wie ihn die Bürger beim Hausmüll bereits durchlitten haben: Dort wurde die graue Tonne immer teurer, je weniger Müll die Haushalte ablieferten. In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich die Fälle allerdings. Die Müllentsorger konnten nicht anders: Sie mussten ihre nicht sinkenden Fixkosten auf die Kunden umlegen und darum die Preise pro Tonne hinaussetzen. Die Energieanbieter, genauer ihre Aktionäre, treiben dagegen keine Kosten, sondern eine Renditegier, die man zu Recht unverschämt nennen darf - als gäbe es ein Grundrecht auf Reichtum durch Stromverkauf.

Privathaushalte leiden unter den ständig steigenden Kosten, auch wenn Bernotat, der den Strom "zu billig" findet, das mit 6,4 Millionen Euro Jahresgehalt nicht so arg spürt wie der Durchschnittsbürger. Da Strom zur Grundversorgung zählt und niemand darauf verzichten kann, muss sich der Staat dringend etwas einfallen lassen. So traurig es ist: Ohne Regulierung wird der Strommarkt wohl niemals funktionieren.

Ach, übrigens: Auch Eon-, RWE- oder EnbW-Aktionäre sind Stromkunden. Für sie gilt ab sofort: Jammerverbot!


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