Konjunkturloch Berlin Arm, sexy und undynamisch


Dass die Bundeshauptstadt zwar arm, aber sexy ist, hat Klaus Wowereit bereits in einem Bonmot festgehalten. Nun kann sich Berlins Bürgermeister einen neuen Spruch ausdenken: Für den Umstand, dass seine Stadt Wachstumsschlusslicht aller 30 OECD-Staaten ist.

Berlin war in den vergangenen Jahren die wachstumsschwächste Region in der OECD. Die Hauptstadt habe zwischen 1998 und 2003 rund ein Siebtel ihres Anteils an der Gesamtwirtschaftsleistung der OECD verloren, teilte die Organisation von 30 Industriestaaten mit. Auch Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und das Saarland gehören zu den 20 Gebieten mit besonders geringem Wachstum. Spitzenreiter unter 284 Regionen sind hingegen die Northwest Territories und Alberta in Kanada, der Süden und Osten Irlands sowie Seoul und die Region Chungcheong in Südkorea. In Europa finden sich weitere Wachstumspole in Tschechien, Ungarn, Spanien und Griechenland.

Berlins Wachstumsschwäche erklärt sich nach OECD-Angaben zum Teil aus der vergleichsweise schwachen Wirtschaftsentwicklung Gesamtdeutschlands. Deutlich größer sei jedoch der Effekt regionaler Faktoren. "So war zwischen 1998 und 2003 das Wirtschaftswachstum in Berlin nicht einmal halb so hoch wie im Bundesdurchschnitt", hieß es. Grund dafür sei vor allem die schwache Entwicklung der Wirtschaftsleistung je Einwohner und pro Erwerbstätigen. So habe der Strukturwandel zu einer Spezialisierung auf weniger produktive Branchen geführt.

Gute Voraussetzungen für dynamische Wirtschaftsentwicklung

Berlins Bevölkerung ging zwar von 1998 bis 2003 zurück, ein steigender Anteil junger und produktiver Altersgruppen habe dies jedoch weitgehend ausgeglichen. "Im Vergleich zu anderen Regionen in der OECD hat Berlin gute Voraussetzungen für eine dynamische Wirtschaftsentwicklung", sagte der Autor der Studie Vincenzo Spieza. Die Hauptstadt sollte sich aber stärker um die regionalen Ursachen seiner Wachstumsschwäche kümmern und könne sich nicht darauf verlassen, dass sie im gleichen Umfang wie der Bundesdurchschnitt von der derzeit guten Konjunktur profitiere.

Die deutschen Exporteure und Hersteller von Investitionsgütern erhalten momentan Rückenwind vom florierenden Welthandel. In Berlin indes gingen in den vergangenen Jahren tausende Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Auch seit 2004 hinkt die Hauptstadt beim Wirtschaftswachstum deutlich hinter der gesamtdeutschen Entwicklung her.

In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ist es vor allem die schleppende Entwicklung der Produktivität, die neben nationalen Faktoren zum schlechten Abschneiden geführt hat. In Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland seien der Bevölkerungsrückgang und die sinkende Erwerbstätigkeit die wesentlichen regionalen Faktoren für die vergleichsweise schlechte Wirtschaftsentwicklung. In beiden Fällen habe ein leichter Produktivitätszuwachs dies jedoch zum Teil ausgeglichen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untersuchte 284 Regionen von 27 Mitgliedsländern und analysierte Wirtschaftskraft, Beschäftigung, Bildungsniveau, Gesundheitsversorgung und Lebensqualität.

Reuters Reuters

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