HOME

Wintersport: Eiskalte Geschäfte - wie zwei Männer aus Neuss mit Kunstschnee Millionen machen

Zwei Männer aus Neuss verkaufen Schnee. Weil vom Himmel nichts kommt, hat ihre Firma in weiten Teilen Deutschlands ein Monopol. Die Geschichte einer richtig rieselnden Geschäftsidee.

Von Rolf-Herbert Peters

Die Unternehmer Johannes Janz (l.) und August Pollen

Wie präpariert man punktgenau eine Piste auf Schalke, damit die Biathleten an diesem Donnerstag mitten im Ruhrgebiet ihre Runden ziehen können? Wie rettet man das Weltcup-Skispringen Anfang Februar in Willingen, wenn der Schnee einfach nicht aufs Sauerland fallen will? Und wie erschafft man ein Winterwunderland am verregneten Niederrhein, damit sich 120 Snowboard- und Skifahrer aus aller Welt wie in den Alpen austoben können?

Man ruft einfach die Herren Holle an. Dann wird der Schnee geliefert.

So wie in Mönchengladbach Ende November, kurz vor dem "Big Air Festival" nahe dem Borussia-Stadion. In wenigen Tagen werden hier die Snowboard-Freestyler um ihre Olympiateilnahme kämpfen. Die 49 Meter hohe Kunstrampe ist schon fertig aufgebaut, in den vergangenen Stunden haben die Lastwagen 600 Kubikmeter Neuschnee angekarrt, und eigentlich müssten ihn jetzt nur noch die beiden Pistenraupen, eine heißt "Emily", auf die hölzerne Strecke bringen, doch im Moment – regnet es Strippen. Der Cheftechniker blickt aufs Regenradar: "Die nächsten Stunden geht hier nix!", sagt er. Die Arbeiter ziehen eine Plane über den weißen Haufen. Nicht weil er tauen könnte. Er darf nicht schmutzig werden. Schneeflöckchen soll Weißröckchen bleiben.

Kunstschnee aus Neuss – zwei Skihallenbesitzer haben ein Quasimonopol

Bestellter Kunstschnee: In Mönchengladbach wird die Freestyle-Schanze präpariert


"Gut 80 Kubikmeter Kunstschnee schaffen wir in 24 Stunden"

Trotz des Schmuddelwetters ist Mönchengladbach in diesen Tagen einer der schneesichersten Orte Deutschlands. Wegen ebendieser Herren Holle, die im richtigen Leben Johannes Janz und August Pollen heißen. Sie stehen im VIP-Zelt an einem Stehtisch, tragen dicke Steppjacken, als wären sie in Kitzbühel, und wirken ebenso entspannt. Schnee ist für sie nicht Gottes Wille oder Glück, er ist: ihr Business. Janz sagt: "Die Nachfrage nimmt zu. Im mittleren Westen Deutschlands haben wir inzwischen eine Art Schneemonopol."

Im alten Märchen schüttelt Frau Holle die Betten aus, im dritten Jahrtausend haben die Herren Holle eine Fabrik. Sie steht in Neuss, auf einer ehemaligen Müllhalde, und ist eigentlich eine jener Halligalli-Skihallen mit künstlicher Beschneiung, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in der Nordhälfte der Republik entstanden sind. Zum Angebot gehören: eine 300 Meter lange Piste samt Sessellift und Rodelbahn, das "Gasthaus Jausenstadl" samt Schnitzel und Kaiserschmarrn, ein Viersternehotel, der Kletterpark, "Almgolf", ein Fun-Fußballpark – und ein Sportgeschäft mit Preisen auf Kitzbühel-Niveau.

Die Schneefabrik: In der Skihalle in Neuss können 80 Kubikmeter am Tag produziert werden

Die Schneefabrik: In der Skihalle in Neuss können 80 Kubikmeter am Tag produziert werden

Am nächsten Tag hat der Regen aufgehört. Die Schneefabrikbesitzer Pollen und Janz sitzen in der Hotel-Lounge und schauen durch die Fenster auf ihre Piste, wo sich Snowboarder und Skifahrer unter LED-Scheinwerfern in die Tiefe stürzen. 100 Kilometer Kühlschläuche, gefüllt mit einem Glykol-Wasser-Gemisch, halten die Lufttemperatur auf minus drei Grad. Dazu das Schneetreiben: Aus zwölf Rohren an der Hallendecke wird reines Wasser mit 14 Bar Druck durch feine Düsen getrieben. Es zerstäubt, die Tröpfchen kristallisieren zu winzigen Flocken und tänzeln zu Boden. "Gut 80 Kubikmeter Schnee schaffen wir in 24 Stunden", sagt Janz.

Schnee verkaufen als Geschäftsmodell – was für eine Idee! Das klingt nach dem listigen Sesamstraßen-Schlemihl, der Ernie einen dahinschmelzenden Schneemann aufschwatzt. Janz und Pollen grinsen. Sie sind 55 und 53 Jahre alt und seit der Jugend befreundet. Einst ließen sie sich zusammen zu Skilehrern ausbilden, dann gründeten sie ein Alpinreisebüro und schließlich eröffneten sie die Firma Allrounder, um in Neuss diese Skihalle zu bauen und sie 2001 zu eröffnen. "Wir wollten auf keinen Fall in einem stink normalen Büro enden. Wir wollten unsere Leidenschaft zum Beruf machen.", sagt Pollen.

Die Idee mit dem Schnee kam ihnen 1997. Nach einem Kneipenbesuch stapften sie die verschneite, abschüssige Fußgängerzone von Mönchengladbach hinab Richtung Taxistand. "Wir dachten, wenn wir jetzt Skier hätten, könnten wir einfach runterfahren", erzählt Janz. Noch in dieser Nacht beschlossen sie: Wir holen einen Ski-Event in die Stadt! – auch um für ihr Reisebüro zu werben. "Am nächsten Tag haben wir den Bürgermeister, Stadtmarketing und andere Verantwortliche angerufen. Die meisten sagten: Ihr seid bekloppt."

Die Unternehmer Johannes Janz (l.) und August Pollen


"Jetzt um die Weihnachtszeit sind wir total ausgebucht"

Doch die beiden ließen sich nicht abschrecken – und tatsächlich wurde 1998 der Weltcup im Synchron-Skifahren in der Fußgängerzone ausgetragen. Direkt vor dem C & A und fast 300.000 Zuschauern. Janz sagt: "Damals haben wir gesehen, welche Emotionen Schnee auslösen kann, wenn er auftaucht, wo man ihn nicht erwartet."

Am Anfang produzierten die Herren Holle ihre weiße Ware noch nicht selbst. Wie auch? Damals gab es nirgends auf der Welt Anlagen oder Spezialisten. Janz und Pollen bestellten ihn bei einem belgischen Kühlanlagenbauer, der eigentlich Gefriertruhen für Gemüse fertigt. Der tüftelte, bis es funktionierte, und stellte den Schnee in einem Zelt vor Ort mit flüssigem Stickstoff und Druckluft her. "Der Mann war ein echter Daniel Düsentrieb und fand das riesig", sagt Janz.

Die Unternehmer Johannes Janz (l.) und August Pollen

Die Unternehmer Johannes Janz (l.) und August Pollen

In der Skihalle öffnet sich gerade ein Tor. Ein grüner Radlader rast herein und rammt seine Schaufel in einen rund fünf Meter hohen Schneeberg, den die Pistenkatzen zusammengeschoben haben. Der Haufen ist das Warenlager. Vor der Halle wartet ein Sattelzug mit fünf Achsen, der die Fuhre zur "Big Air"-Rampe nach Mönchengladbach fahren soll. Sie stehen unter Zeitdruck nach dem Regen. Übermorgen wollen die Freestyler mit dem Training beginnen. Janz und Pollen arbeiten am Limit. "Jetzt um die Weihnachtszeit sind wir total ausgebucht", sagt Janz. "Wir haben nun mal das "weiße Gold", das es immer seltener gibt."

Der Winter, der keiner mehr ist, bringt vor allem die Veranstalter von Ski-Events – ihre Hauptkunden – in Not. Es drohen hohe Entschädigungen, wenn die Millionen-Veranstaltungen wegen des Wetters ausfallen müssen.

Ohne die bestellte Schneesicherheit aus Neuss hätte es weder den Langlauf-Sprint am Düsseldorfer Rheinufer gegeben noch den Biathlon-Wettbewerb in der Schalker Veltins-Arena, für den Janz und Pollen den Schnee für eine 1300 Meter lange Strecke liefern. Sie haben schon Weltcups im sauerländischen Willingen und im thüringischen Oberhof gerettet, und sogar ins 660 Kilometer entfernte Oberstdorf, früher doch wirklich schneesicher!, ihre Laster geschickt – sonst wäre die legendäre Vierschanzentournee ausgefallen.

"Schnee ist ein emotionales Element"

Immer öfter werden auch kleinere weiße Bestellungen bei ihnen aufgegeben. Das Örtchen Lannesdorf südlich von Bonn etwa hat dieses Jahr zu seinem 1125-jährigen Bestehen eine 90 Meter lange Rodelbahn bestellt. Veranstalter von Weihnachtsmärkten lassen sich gern ein paar Fuhren Romantik auf das verregnete Pflaster kippen. Und Kindergärten ordern einen Haufen zum Tollen. Berutschbar, formbar, vergänglich. Pollen sagt: "Schnee ist ein emotionales Element, aus dem Träume und Fantasien gemacht werden."

Die beiden Schnee-Manager schauen noch mal in ihrer Halle vorbei. Dort röhren die Kompressoren. Von wegen: Leise rieselt der Schnee. Janz greift eine Handvoll und schwärmt von der Konsistenz wie ein Sternekoch von seiner Kreation. "Griffig, fluffig, so muss er sein. Und eine schöne Oberfläche bilden. Zudem ist er sehr stabil."

Vor der Auslieferung wird der Schnee nochmals komprimiert, damit er möglichst viel Energie speichert. So schmelzen selbst bei zehn Grad plus kaum mehr als 15 Prozent am Tag. Optisch ist der Neusser Schnee sowieso kaum vom Belag der Alpenpisten zu unterscheiden.

Diese Qualität hat ihren Preis: Kunden zahlen, je nach Menge, 60 bis 80 Euro pro Kubikmeter, plus Verladepauschale. In der Sommersaison kostet es nur gut die Hälfte, "weil die Nachfrage viel geringer ist", sagt Pollen. Aber auch die heißen Tage sind längst eine Wachstumssaison. Warum nicht ein bisschen Schnee zur Grillparty?

Oder – müsste es nicht eigentlich eher heißen: Warum überhaupt?!

Den Menschen einen Traum erfüllen

Denn selbstverständlich ist künstlicher Schnee ökologisch so unsinnig wie frische Erdbeeren an Heiligabend. Schließlich werden jede Menge Ressourcen verbraucht: Man benötigt 350 Liter frisches Wasser, um einen Kubikmeter Flocken herzustellen, dazu kommen 41 Kilowattstunden Strom für den Riesenkühlschrank auf der alten Müllhalde. Pollen kennt die Einwände. "Klar können wir über jedes Kühlhaus diskutieren. Ein beheiztes Freibad verbraucht mehr als das Doppelte an Energie." Vielleicht seien sie mit ihrem Schnee die Profiteure des Klimawandels, aber sie seien über ihn dennoch "not amused".

In Mönchengladbach wächst unterdessen die Schneepiste auf der Rampe. Unermüdlich kraxelt "Emily" hinauf und plättet den Belag. Die Sonne blinzelt ab und zu durch die Wolken, die Temperatur soll bis zum "Big Air" auf den Gefrierpunkt sinken. Es soll sogar, oh Wunder, leicht schneien – vom Himmel.

Die Herren Holle sind zufrieden. Sie haben den Menschen mal wieder einen Traum erfüllt. Gut möglich, dass sie bald eine zweite Schneefabrik hochziehen.

ADAC-Test: In Bayern fährt man am günstigsten Ski