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Lesbos Flüchtlinge kampieren vor Lidl: Wenn Elend und Überfluss aufeinanderprallen

Sehen Sie im Video: stern-Reporter berichtet aus Lesbos über die aktuelle Lage nach dem Großbrand im Flüchtlingslager Moria.
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Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria kampieren Flüchtlinge vor einer Lidl-Filiale auf der griechischen Insel Lesbos. Internet-User fordern den Discounter zum Helfen auf – dabei liegt das Elend der Migranten nicht an dem Supermarkt.

Der Live-Bericht von Isabel Schayani in der ARD-Talkshow "Anne Will" berührte am Sonntagabend viele Zuschauer. Die Journalistin war von der griechischen Insel Lesbos zugeschaltet, wo nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria tausende Menschen obdachlos sind. Dort interviewte sie eine Familie, die von ihrem Elend berichtete – es fehlte an Essen und Trinken, zu viert teilte sich die Familie drei Eier zum Abendessen. "Die Versorgungssituation ist mies", sagte Schayani. "Das kennen wir gar nicht aus Europa, die Leute haben Hunger." (Lesen Sie hier die TV-Kritik zur Sendung.)

Flüchtling kampieren vor einem Lidl auf Lesbos
Seit dem Brand im Flüchtlingslager Moria kampieren Flüchtlinge vor einer Lidl-Filiale auf der griechischen Insel Lesbos
© Petros Giannakouris/AP / DPA

Schon bei der Schalte am Sonntag erwähnte Schayani, das die Geflüchteten in Sichtweite einer Lidl-Filiale auf Lesbos kampierten. "Rundherum sind Tausende von Menschen, die hungern, und der Supermarkt ist zu", berichtete Schayani. Am Montag belegte sie ihre Beobachtungen auf Twitter auch mit Bildern. Darauf ist zu sehen, wie erschöpfte und verzweifelte Menschen vor dem Eingang des Discounters auf dem Boden liegen.  

Kritik an Discounter-Kette Lidl auf Lesbos

Seitdem wird in den sozialen Netzwerken Kritik an dem Verhalten der deutschen Kette laut: User fordern die Betreiber dazu auf, die Geflüchteten mit Essen und Trinken zu versorgen – denn davon gibt es in dem Laden mehr als genug. "Das wäre besser als jede Werbekampagne", schrieb eine Twitter-Userin. "89 Milliarden Euro Umsatz hat #Lidl im letzten Jahr gemacht. Und da kann man diesen notleidenden Flüchtlingen weder Lebensmittel noch Getränke kostenlos zur Verfügung stellen???", twitterte eine Journalistin.

Allerdings sind bei weitem nicht alle dieser Meinung. Manche empfinden die Forderungen sogar als unverschämt. Man könne von dem Discounter aus dem baden-württembergischen Neckarsulm nicht erwarten, seine Produkte kostenlos zu verteilen. 

Und noch etwas übersehen die Lidl-Kritiker: So dramatisch die Lage vor Ort auch ist – ganz untätig war die Kette auf der griechischen Insel nicht. Schon in der vergangenen Woche hatte Lidl auf Lesbos Wasser an Flüchtlinge verteilt. Auch davon wurden Bilder auf der Social-Media-Plattform geteilt. Das Bild des Flüchtlingselends vor dem Supermarkt wird dennoch zu einem Symbol des Gegensatzes, der entsteht, wenn die Not der Migranten und der Überfluss des reichen Europa aufeinander prallen.

Zukunft der Flüchtlinge nach wie vor unklar

Für den Hunger und Durst der Migranten sind jedenfalls nicht in erster Linie die Supermärkte vor Ort verantwortlich. Journalisten berichten, dass Hilfsorganisationen von der griechischen Polizei daran gehindert werden, die Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Getränken zu versorgen. Damit solle erreicht werden, dass sich die Geflüchteten in das neue Lager begeben, das innerhalb weniger Tage errichtet wurde.

Seit dem Brand im Flüchtlingslager Moria sind etwa 13.000 Flüchtlinge obdachlos. Ob und wo sie in Europa aufgenommen werden, ist noch unklar. Auch in Deutschland wird heftig darüber diskutiert. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte im Bundestag am Freitag die Aufnahme von 100 bis 150 minderjährigen Flüchtlingen angekündigt. 

Deutschland werde einen "substanziellen Beitrag" leisten, da die Menschen auf Lesbos "in einer verzweifelten Situation" seien, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will eine Entscheidung bis zur Sitzung des Bundeskabinetts an diesem Mittwoch. Sie sei dazu in Abstimmungen mit Seehofer, sagte Merkel nach Angaben von Teilnehmern in der CDU-Präsidiumssitzung in Berlin. Die Bundesregierung strebe weiterhin eine europäische Lösung an.

Quellen:"Anne Will" / Isabel Schayani auf Twitter 

mit DPA

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