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Loblied auf Griechenland: Sie haben es sich verdient

Die Deutschen haben an den Griechen gut verdient und gehören zu den Krisengewinnlern. Jetzt sollten wir Griechenlands Reformen belohnen.

Ein Essay von Andreas Hoffmann

Auch wieder über die Griechen geärgert? Dann gehören Sie zur Mehrheit. Sechs von zehn Deutschen wollen den Hellenen kein weiteres Geld mehr geben. Das Land von Platon wird zur Plage, die Euro vernichtet. Diese Griechen! Kriegen nichts auf die Reihe, zahlen sogar noch an Tote Renten und hätten jetzt fast eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Die sollten mal Reformen machen. Stattdessen schimpfen sie uns Geldgeber noch "Euro-Nazis". Wir überweisen doch Milliarden um Milliarden nach Athen. Ganz selbstlos.

Selbstlos? Von wegen. Wir Deutsche sind die Krisengewinnler. Wir verdienten früher an den Griechen. Wir verdienen jetzt. Das Land ist ein Goldesel, der Euro in unsere Kassen scheißt.

Die Erfolgsstory startete im Jahr 2002, als der Euro eingeführt wurde. Die deutschen Unternehmen fanden mehr Abnehmer für ihre Produkte, weil der Wirtschaftsraum wuchs. Schlagartig schwankte kein Wechselkurs mehr und schmälerte die Gewinne der Firmen. Die gemeinsame Währung ließ die Zinsen sinken für Griechen, für Spanier, Portugiesen und Iren. Sie konnten leichter investieren und kauften ein. Bei uns. Von der Einführung des Euro im Jahr 2002 bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 stiegen die deutschen Ausfuhren allein nach Griechenland um 60 Prozent. Ähnlich wuchsen die Exporte in die anderen heutigen Krisenländer Irland, Spanien und Portugal. Unsere Firmen strichen Milliarden ein. Still genossen, versteht sich.

Der Euro half Banken und Versicherern. Sie konnten leichter Geldquellen im Ausland anzapfen, Kredite verkaufen, Staatsanleihen erwerben. Unsere Banken etwa überschwemmten die Länder mit billigen Darlehen. Mitte 2008, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, hatten sie so viele Kredite vergeben, dass die Banken 115 Prozent ihres Eigenkapitals an die Krisenländer verliehen hatten. Das zeigt eine Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Sechs Jahre zuvor lag der Wert noch bei 52 Prozent. Es war ein Exportförderungsprogramm der Güteklasse A. Die deutschen Banken fixten die Griechen mit billigem Geld an, damit sie bei deutschen Firmen Autos und Maschinen kauften.

Griechen bescheren uns günstige Zinsen

Wir profitieren noch heute. Glauben Sie nicht? Stimmt aber. Die EU nimmt derzeit Darlehen für zwei Prozent Zinsen am Markt auf und verkauft sie für fünf Prozent an Griechen, Iren und Portugiesen. Das sind drei Prozentpunkte Zinsgewinn. Bei den 8,4 Milliarden Euro, die wir bislang über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) an Griechenlandanleihen verkauft haben, hat Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa 200 Millionen Euro eingenommen, schätzt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

Sonst noch was? Ja: Dank den Griechen kann sich Deutschland günstig verschulden. Im Jahr 2007 lag der Zins für deutsche Staatsanleihen bei 4,5 Prozent, im Jahr 2010 dagegen bei 2,25 Prozent. Rund um den Globus greifen die Anleger zu deutschen Schuldtiteln, weil die als besonders sicher gelten. Um seinen 1,2 Billionen Euro teuren Schuldenberg zu finanzieren, nimmt der Bund etwa ein Viertel der Schulden jedes Jahr neu auf. Das ist eine Summe von etwa 350 Milliarden Euro. Zwei Prozentpunkte weniger Zinsen sparen uns gut sieben Milliarden Euro im Jahr.

Selbst vom nächsten Rettungspaket könnten wir profitieren. Über die Europäische Zentralbank (EZB). Die hat in der Krise viele Griechenlandpapiere gekauft - nicht zum Ursprungspreis, sondern mit hohen Preisnachlässen. Banken und Versicherer wollten die unsicheren Anleihen loswerden. Werden die Hellenen gerettet, muss die EZB die Papiere nicht abschreiben und erhält, wenn die Anleihen fällig werden, den vollen Ausgabepreis. Ein schöner Gewinn, vom dem die Deutschen als größter Anteilseigner am meisten erhielten.

Knallharte griechische Reformen

Ja, ja. Ich höre es schon. WENN die Griechen zurückzahlen. Das können sie doch gar nicht? Die sind viel zu faul? Ach was. Die Griechen haben Reformen verabschiedet, an die wir Deutsche nicht im Traum denken. Im Öffentlichen Dienst sanken die Löhne im Schnitt um 15 Prozent, bei Spitzenverdienern sogar um 30. Jede fünfte Stelle bleibt unbesetzt, die Mehrwertsteuer kletterte um vier Prozentpunkte auf 23 Prozent. Seit über 60 Jahren kennen Staatsausgaben in Deutschland nur den Weg nach oben. Die Griechen dagegen senkten die Ausgaben innerhalb eines Jahres um über acht Prozent. Wären wir ähnlich mutig, müssten wir 96 Milliarden Euro in einem Jahr einsparen. Das wären etwa 40 Prozent der Personalausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden. Fast die Hälfte aller Stellen wäre futsch. Das würde sich kein hiesiger Politiker trauen. Die Griechen wagen es.

Dass sie dennoch weiter in der Krise sitzen, liegt an den irrationalen Finanzmärkten, die um ihre Milliarden zittern. An Ratingagenturen, die Erfolge schlecht reden und die Misere verschärfen. An europäischen Regierungen, insbesondere der deutschen, die die Wähler fürchten, weil neue Hilfsmilliarden unbeliebt sind. Gewiss, es liegt noch vieles im Argen in Griechenland. Das Steuersystem ist ein Witz, wenn ein Drittel der Mehrwertsteuer überhaupt nicht bezahlt wird. Der Staat besitzt zu viele Unternehmen, die Bürokratie wuchert irre, und die politische Macht liegt in den Händen zweier Familien. Das alles muss sich ändern. Aber dafür brauchen die Griechen Zeit - und die sollten sie bekommen.

Wir wissen doch selbst am besten, wie lange Reformen brauchen. Im November 1989 fiel die Mauer. Heute, 21 Jahre und 1,2 Billionen Euro-Einheitskosten später, trennt Osten und Westen immer noch vieles. Dass wir die Einheit dennoch ganz gut bewältigt haben, lag auch an unseren europäischen Nachbarn. Sie waren nachsichtig und stützten uns. Das sollten wir den Griechen ebenfalls gönnen. Sie haben mit dem Ja zum Sparpaket auch uns gerettet.