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Krise in Griechenland: Ein Leben in den Miesen

In der deutschen evangelischen Gemeinde in Athen kann man ermessen, welche Härten der Sparkurs den Menschen aufbürdet. Mittendrin: Sozialarbeiterin Birgit Lewer.

Von Manuela Pfohl und Natalia Sakkatou, Athen

Es hätte nicht viel gefehlt und das Sommerfest wäre ins Wasser gefallen. In diesem Jahr reichte das Geld der deutschen evangelischen Kirchengemeinde in Athen einfach nicht mehr dafür aus. Da konnte Pastor René Lammer rechnen, so viel er wollte. Und dann lag plötzlich diese anonyme Spende im Briefkasten. Als Hilfe für die Finanzierung des Festes. "Gott sei Dank", sagt Birgit Lewer und schaut auf ihre Uhr. Am Nachmittag muss sie im Haus Koroneos, dem Alten- und Pflegeheim der Gemeinde, sein, wo gefeiert werden soll. Es ist noch eine Menge vorzubereiten, da passt es überhaupt nicht, dass ihre kleine Tochter mit Tränengas in den Augen in der Tür steht und erklärt, dass die Stadt überall von der Polizei abgesperrt ist. Der Sparbeschluss der Regierung hat die Athener zu Tausenden auf die Straße getrieben. Irgendwohin zu kommen ist fast unmöglich. Es herrscht das blanke Chaos. Und Birgit Lewer versucht, es mal wieder zu managen. "Aber das ist ja mein Job", sagt die 51-Jährige augenzwinkernd. "Ich bin schließlich ausgebildete Psychodrama- und Gemeinschaftstherapeutin."

Vor 21 Jahren kam sie der Liebe wegen nach Athen. Sie hat alle möglichen Jobs gemacht und viel zurückstecken müssen, ehe sie, ihr Mann und die zwei Kinder sagen konnten: "Jetzt geht es uns gut." Und nun? "Jetzt stehen wir wieder da und wissen oft nicht, wie die Zukunft aussehen wird." Was die Sparbeschlüsse der Regierung für die Familie bedeuten werden, sei noch gar nicht abzusehen. "Viel mehr Sorgen mache ich mir allerdings um die, die jetzt schon am Ende mit ihren Kräften sind", sagt Birgit Lewer und denkt dabei an die 45 Bewohner des Altenheims und ihre "Schäfchen" in der Sozialstation der Gemeinde, die sie sechs Stunden pro Woche betreut. "Und das sind richtig dramatische Schicksale."

Das Geld für private Altersvorsorge - alles weg

Anna zum Beispiel. Die ist auch vor Jahrzehnten aus Deutschland gekommen, um in Athen zu leben. Sie hat als Sekretärin gearbeitet, jahrelang privat in eine Rentenversicherung eingezahlt, damit sie im Alter mal den Lebensstandard halten kann, den sie gewohnt war. Doch nun kann die 70-Jährige nur noch überleben, weil die Kirchengemeinde sie und ihren Mann unterstützt. "Irre", sagt Birgit Lewer. Der Arbeitgeber hat keine Sozialabgaben für Anna gezahlt, deshalb bekommt sie keine staatliche Rente. Außerdem machte die Versicherung, bei der sie privat eingezahlt hatte, vor drei Jahren pleite. Da war das ganze Geld weg. Und Anna stand plötzlich ohne Einkommen da. Seit 15 Monaten kann sie die Miete nicht mehr zahlen. Es sei ein echtes Wunder, dass der Vermieter ihr noch nicht gekündigt hat.

Als die Sozialarbeiterin Lewer Anfang 2010 zum Amt ging, um die Sache zu klären, zuckten die Angestellten nur die Schultern. Man bearbeite gerade die Fälle von 2009. Es könne noch eine Weile dauern, ehe die Rentnerin Sozialhilfe bekomme. "Und nun warten wir schon seit über einem Jahr darauf." Pastor Lammer und Birgit Lewer haben die Finanzen der Gemeinde x-mal durchgerechnet. Bis September vielleicht könnten sie die alte Frau noch unterstützen. Dann wäre Schluss. Denn Anna ist nicht die Einzige, die durch die griechischen Verhältnisse ruiniert worden ist.

"Ehrlich gesagt, habe ich so eine dramatische Situation noch nicht erlebt, und ich frage mich, ob die Leute in Deutschland wirklich wissen, wovon sie reden, wenn sie sagen, die Griechen müssten einfach den Gürtel etwas enger schnallen", schimpft Birgit Lewer. Die Fakten seien doch eindeutig: Das Durchschnittseinkommen liegt bei 1000 Euro monatlich. Kindergeld gibt es in Griechenland erst ab dem dritten Kind. Sozialhilfe nur für die über Siebzigjährigen, Hartz IV oder etwas Vergleichbares sei nicht vorgesehen und Arbeitslosengeld nur für zwölf Monate. Dabei ist es egal, wie viel jemand zuvor verdiente. Der Satz liegt bei 450 Euro monatlich. "Nun kann man sich leicht vorstellen, was passiert, wenn jemand seinen Job verliert oder wegen einer Krankheit nicht mehr arbeiten kann. Wenn dann die Miete nicht mehr gezahlt werden kann oder die Raten fürs eigene Haus, ist es vorbei."

Jeder versucht, über die Runden zu kommen

Auch im Pflegeheim Koroneos ist die Misere deutlich zu spüren. 2000 Euro kostet ein Platz monatlich. Im Vergleich zu Deutschland spottbillig, zumal das Pflegekonzept verhältnismäßig aufwendig ist. Doch selbst diese Summe können immer weniger Bedürftige aufbringen. "Wir haben ein deutsches Ehepaar in der Gemeinde, sie ist 86, er 88. Mit Parkinson und Demenz. Die beiden bräuchten unbedingt Betreuung. Doch sie haben zusammen nur 600 Euro Rente monatlich. Wie soll man denen helfen?"

In ihrer Nachbarschaft kann Birgit Lewer den Verfall deutlich beobachten. In dem traditionellen Arbeiterviertel, in dem die untere Mittelschicht wohnt, versucht zwar Jeder, irgendwie über die Runden zu kommen, doch es wird immer schwieriger. "Eine Frau aus unserem Haus hat einen krebskranken Mann. Er kann nicht mehr arbeiten, also muss sie das Geld ranschaffen. Dafür arbeitet sie tagsüber in zwei Jobs und nachts geht sie in die Häuser als Wäscherin, um noch etwas dazu zu verdienen", erzählt Lewer. 400.000 Haushalte in Griechenland seien schon ohne Strom, weil die Leute sich die Energie nicht mehr leisten können. "In unserem Viertel gibt es einige Wohnungen, in denen es abends dunkel bleibt."

Dass die Gesellschaft überhaupt noch funktioniere, liege daran, dass die Griechen sich immer wieder gegenseitig stützen. "Nur wie lange geht das noch", fragt die Sozialarbeiterin. Die Zeichen stehen jedenfalls schon auf Sturm.

Regelmäßig treffen sich die deutschen Frauen in der Gemeinde, um die aktuellen Dinge des Alltags zu besprechen. Seit einiger Zeit geht es dabei meistens um Politik und immer häufiger auch um die Frage, ob man zurück nach Deutschland gehen soll. "Einigen haben wir schon dazu geraten. Aber die meisten sind inzwischen fest hier verwurzelt. Da gibt es kein Zurück mehr." Für sie selber komme eine Rückkehr in die alte Heimat auf keinen Fall infrage, versichert Birgit Lewer. "Ich verlasse doch nicht das sinkende Schiff."

"Die Kinder sind das größte Problem"

Auch Christina will in Athen bleiben. Christina, die eigentlich Grafikerin ist, muss alleine ihre Tochter großziehen. Früher, als sie noch regelmäßig gut bezahlte Aufträge von Siemens bekam, war das in Ordnung. Doch nach dem Skandal blieben die Aufträge aus, und nun verdient sie sich als Sekretärin etwas dazu. Das reicht gerade, um einigermaßen klarzukommen. Noch. "Ich kann es mir leisten, meine Tochter zum Klassenausflug zu schicken. Andere Frauen in der Gemeinde haben die fünf Euro nicht mehr." Birgit Lewer nickt. "Die Kinder sind das größte Problem." Ihre Tochter sei jetzt 18, sie habe ihre Schule abgeschlossen und würde gern Biologie studieren. "Nur, während des Studiums verdient sie ja nichts. Ich weiß nicht, wovon wir sie unterstützen sollen."

Viele Familien stünden vor dem Dilemma, dass die Ausbildung der Kinder zu teuer werde. "Doch Jobs gibt es für die Jungen ja auch schon lange nicht mehr." Viele Firmen hätten ihre EU-Subventionen kassiert, dann die Betriebe geschlossen und ins billigere Rumänien verlagert, stand kürzlich in der Zeitung. Christina hat das furchtbar geärgert. "Wieso macht die EU denn dagegen nichts? Und wieso lässt unsere Regierung so etwas zu?"

Jeder in der Gemeinde kennt dutzende Beispiele der Misswirtschaft und Ungerechtigkeit. Und deshalb haben sich die Frauen auch dazu entschlossen, gegen die Regierung zu demonstrieren. Seit Wochen ziehen sie immer wieder auf den Syntagmaplatz vor dem Parlament. Sie diskutieren die Alternativen zum Sparkurs und hoffen darauf, dass die Vernunft in die Köpfe der Politiker einzieht. Auch jetzt, nach dem neuen Sparbeschluss der Regierung, werden sie weiter protestieren. "Wir dürfen es ihnen nicht durchgehen lassen", sagt Birgit Lewer. Ein Satz, der in diesen Tagen häufig in Athen zu hören ist. Doch jetzt muss die Sozialarbeiterin endlich los. Das Sommerfest wartet. Und die alten Leute sollen nicht spüren müssen, dass es draußen, jenseits des geschützten Hauses Koroneos, gerade sehr ungemütlich wird.

Von:

Natalia Sakkatou und Manuela Pfohl