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Krise in Griechenland: "Der Kampf ist noch nicht vorüber"

Das Sparpaket ist durch. Für die Widerständler ist aber noch nichts endgültig. Sie kämpfen weiter, und die Polizei schlägt hart zurück. In Athens Zentrum eskaliert die Gewalt.

Von Manuela Pfohl und Natalia Sakkatou, Athen

Athen im Ausnahmezustand: Nachdem das griechische Parlament dem Sparpaket von Ministerpräsident Giorgos Papandreou zugestimmt.hat, hat sich die Lage in der Hauptstadt am Mittwochabend zugespitzt. Hunderte Vermummte lieferten sich rund um den zentralen Syntagmaplatz Schlachten mit der Polizei. Die Randalierer warfen Brandflaschen auf ein Postamt und zwei andere Gebäude. Die Feuerwehr konnte regelrecht erst in letzter Minute sieben Menschen aus einem brennenden Gebäude retten und das Feuer löschen, wie das griechische Fernsehen berichtete.

Die schweren Zusammenstöße zwischen den Randalierern und der Polizei hatten bereits am Mittag begonnen. Tausende Menschen flohen in Panik vom Platz vor dem Parlament. Tränengasschwaden wurden durch das Stadtzentrum getrieben. Ein Athener Luxushotel musste wegen der dramatischen Lage evakuiert werden. Ein Angestellter des Hotels sagte, die Gäste hätten die beißende Luft "nicht mehr ertragen" können.

Mehr als 200 Menschen seien verletzt worden, berichteten griechische Medien. Die meisten von ihnen hätten Augen- und Atemwegsbeschwerden. Laut Polizei wurden 38 Menschen festgenommen, 26 Polizisten erlitten Verletzungen.

"Wir dürfen die Entscheidung nicht durchgehen lassen"

Von all dem ahnt die 75-jährige Zina noch nichts, als sie am Mittwochmorgen ihre Sachen zusammenpackt für den Protest am Syntagmaplatz, zu dem die alte Dame sich seit Wochen regelmäßig auf den Weg macht. Zwar haben die Nachrichten gemeldet, dass schon um acht Uhr Tränengas verschossen wurde, aber Zina, die ein Hüftleiden hat und nur mit Mühe laufen kann, glaubt noch, dass sie sich einen weiteren Protesttag zumuten kann. Denn das ist für sie Ehrensache. Schon als Kind hat sie den Eltern geholfen, die im Widerstand gegen die deutsche Besatzung waren.

Zina hat viel erlebt. Doch das, was jetzt geschieht, macht sie richtig wütend. Denn, so meint die Rentnerin, diese Regierung, die sich sozialistisch nennt, versuche, das Volk ein weiteres Mal zu betrügen. "Wir dürfen die Entscheidung heute nicht durchgehen lassen, weil wir damit unseren eigenen Untergang besiegeln."

Zina will sich mit einer Gruppe von Aktivisten zunächst am Krankenhaus Evangelismos treffen. In ihrer Handtasche hat sie nicht nur ihre Tränengasmaske. Sondern auch das Magenmittel, das in Athen als Geheimtipp gegen Gas gilt und mit dem die Protestler sich alle ihre Gesichter einreiben. "Passt auf euch auf", sagt Zina, ehe sie sich von denen verabschiedet, die direkt zum Syntagma laufen. "Wir treffen uns später."

"Wir brennen dich, deine Familie und dein Haus nieder"

Doch es gibt kein Später. Denn schon am Mittag ist die Lage in Athen außer Kontrolle. Der Syntagmaplatz und alle davon abgehenden Straßen sind zur Kampfzone geworden. Ein friedlicher Protest vor dem Parlament, so wie ihn die Menschen fast 40 Tage lang gelebt haben, ist heute nicht möglich. Statt demokratischem Diskurs gibt es auf den Straßen massive Polizeipräsenz, die jede Demonstration unmöglich macht. Überall in der Stadt brennen Barrikaden, Steine fliegen, Polizisten schießen wahllos mit Tränengas in die Menge. Nicht einmal der medizinische Stützpunkt der Camper auf dem Platz vor dem Parlament bleibt verschont. Über Radio Entassi melden die Widerständler, dass eine Gasgranate direkt auf das Zelt der Rot-Kreuz-Helfer geworfen wurde.

Und nicht nur das: Auch auf Flüchtende in der Metrostation am Platz ließ die Polizei mit Gasgranaten feuern. Das Ergebnis: Eine große Anzahl Verletzte, die wegen der Polizeisperren nicht versorgt werden konnten. Die Empörung der Menschen schlägt in blanke Wut um.

"Ich bin zu den Polizisten hingegangen und habe sie gefragt, warum tut ihr uns das an", erzählt Gianna. Die zarte 36-jährige Dolmetscherin kann kaum fassen, was die Beamten ihr erwiderten: "Wir brennen dich, deine Familie und dein Haus nieder." Der Schock sitzt ihr in den Knochen. "Ist das noch unser Griechenland?"

Immer mehr aus der bürgerlichen Mitte protestieren

Seit Mai 2010, als das erste Sparpaket beschlossen wurde, fühlen sich die Griechen in Kollektivhaft genommen für die Fehler, die Regierung, Wirtschaft und Banken gemacht haben. Der Protest stieg mit jeder neuen sozialen Verschlechterung und erfasste die breite Masse der griechischen Bevölkerung. Auf den Straßen des Protestes finden sich neben politisch engagierten Aktivisten und Gewerkschaftern auch immer mehr Menschen aus der bürgerlichen Mitte, die sich bisher als unpolitisch definierten.

So wie Katherina und Kostas. Die Lehrerin und der Ingenieur haben zwei Kinder, gute Jobs, eine nette Eigentumswohnung in einem Athener Vorort - und die Hoffnung auf ihre Zukunft inzwischen nahezu aufgegeben. Denn mittlerweile wird das Leben zu einem Problem. Die beiden haben ein gemeinsames Einkommen von monatlich rund 3000 Euro, das vor allem Kostas sich mit unzähligen Überstunden und Wochenenddiensten schwer erarbeitet. Dass er bei all der Plackerei wie alle anderen Griechen nur zehn Tage Jahresurlaub erhält, nimmt er hin.

Doch mit den Sparmaßnahmen hat sich Katherinas Jahreseinkommen um 4500 Euro verringert, während gleichzeitig vieles sehr viel teurer geworden ist. Nun sind auch die kleinen Fluchten aus dem Alltag nicht mehr möglich. Kino, Urlaub, in ein Restaurant essen gehen oder den Kindern einfach mal so ein Geschenk machen, sind seitdem gestrichen. Dass die Proteste gegen das neue Sparpaket wirklich etwas bewirken werden, glauben Katherina und Kostas nur bedingt. "Aber wir wollen trotzdem nichts unversucht lassen, es geht schließlich um die Zukunft unserer Kinder", meinen sie.

"Der Kampf ist noch nicht vorüber"

Immer wieder haben sie mit den Nachbarn und auch mit den Demonstranten auf dem Syntagmaplatz darüber diskutiert, welche Alternativen es für Griechenland geben könnte. Klar ist nur, dass es einen Umbau der ineffektiven Wirtschaft geben muss: Reformierung der Landwirtschaft hin zu ökologischem Landbau, um sich von Importen unabhängig zu machen. Die Förderung erneuerbarer Energien, eine Neustrukturierung des Finanzsektors, der auch eine Besteuerung der Gewinne enthält. Ideen gibt es genug. Wie sie umgesetzt werden können, müssten eigentlich die Experten entscheiden, meinen Katherina und Kostas. Doch genau das sei das Dilemma. "Wir haben in der Regierung jede Menge korrupter Politiker, die genau wissen, wie man Geld in die eigene Tasche wirtschaftet, die aber keinen Plan haben, wie man unser land aus der Krise führt."

Der zentrale Auftrag der Widerständler auf dem Syntagmaplatz lautet deshalb, dass die Politiker und Experten endlich ihren Job machen. Wenn sie dazu nicht in der Lage sind, sollten sie ihren Platz räumen. In Sprechchören hallen die Forderungen durch die Straßen. Doch das Parlament erreichen sie an diesem Tag nicht. Sie werden übertönt von den Detonationen der Tränengas- und Knallgasgranaten, von den Sirenen der Feuerwehren und dem aus Demonstrantensicht fatalen Lob der EU für das soeben beschlossene neue Sparpaket.

Was das für sie bedeuten wird, weiß Zina noch nicht, als sie am Abend die Nachrichten hört. Sie weiß nur, dass sie weiter protestieren wird. "Der Kampf ist noch nicht vorüber." Denn sie denkt wie viele Griechen: "Jetzt erst recht."

Von:

Natalia Sakkatou und Manuela Pfohl