HOME

Lokführer-Streiks: Nach einem Tag tut's weh

Punkt 12 Uhr hat die Lokführergewerkschaft ihren Streik im Güterverkehr begonnen. Viele Unternehmen haben sich fieberhaft auf mögliche Folgen vorbereitet: Notfallpläne wurden erstellt, freie LKWs gesucht, Containerschiffe sollen auf See parken. Richtig weh dürfte aber erst Tag zwei des Streiks tun.

Ab Mittag legt die Gewerkschaft der Lokomotivführer GDL den Güterverkehr auf der Schiene lahm. Der Streik hat um Punkt 12 Uhr begonnen und soll erst Samstag um sechs Uhr enden. Mit den Arbeitsniederlegungen will die GDL den Druck auf die Bahn erhöhen, ein neues Angebot vorzulegen. Die Lokführer verlangen einen eigenständigen Tarifvertrag und deutlich höhere Einkommen. Die Bahn hat einen Notfallplan aufgestellt, damit wichtige wirtschaftliche Verbindungen weiterlaufen. Doch auch die Wirtschaft bereitet sich mit Notfallplänen auf die zu erwartenden Engpässe vor.

Verschiedene Krisenstrategien

So hat die Hamburger Hafenbehörde Port Authority einen Krisenstab eingerichtet. Immerhin ist der Hamburger Hafen der größte Umschlagplatz für Bahncontainer in Europa. Sollte der Containerabtransport für einen Tag ins Stocken geraten, könnten die Hafenbetriebe das noch abfedern, sagte Heinz-Werner Fuchs von der Hamburger Hafenbahn im Deutschlandradio. "Aber alles, was über einen Tag hinausgeht, führt zu erhablichen Einschränkungen," so Fuchs.

Der Grund: Auf den einzelnen Hafenterminals sei nicht mehr so viel Platz übrig. "Irgendwann können die Schiffe nicht mehr entladen werden, weil auf dem Terminal nichts mehr zwischengelagert werden kann," so Fuchs. Deshalb will Hapag-Lloyd, die größte Containerreederei Deutschlands, ihre Containerschiffe umleiten oder notfalls auf See warten lassen, falls die Abfertigung bei den Containerhäfen eingestellt wird. Die Reederei beobachte die Entwicklung sehr genau - und werde kurzfristig reagieren, sagte ein Hapag-Lloyd-Sprecher im Deutschlandradio.

Kritische Lieferungen vorgezogen

Auch die Autoindustrie ist bei der Anlieferung von Teilen und beim Abtransport der Autos auf die Bahn angewiesen. Einige Unternehmen wie ThyssenKrupp Steel haben mit der Bahn Sondervereinbarungen getroffen. Verkehrsströme auf die Straße zu verlagern, ist nach Ansicht des Bundesverbands Spedition und Logistik (BSL) kaum möglich. Die Lastwagen seien ausgelastet. Ebenfalls auf Notfallpläne setzt man bei der Noddeutschen Affinerie, dem größten Kupferproduzenten Europas. Außerdem wurden zeitkritische Lieferungen vorgezogen.

Befürchtungen, der Streik werde drastische Folgen haben, wies der GDL-Vorsitzende Manfred Schell zurück: "Es wird weder einer verhungern, noch wird einer erfrieren in Deutschland." Das Recht, auch im Personenfernverkehr und im Güterverkehr zu streiken, hatte sich die GDL am vorigen Freitag vor dem Sächsischen Landesarbeitsgericht in Chemnitz erkämpft. Im Güterverkehr der Deutschen Bahn sind laut GDL 5500 Lokführer beschäftigt, von denen 80 Prozent in der Gewerkschaft organisiert sind.

Unterschiedliche Einschätzungen

Die Wirksamkeit von Streiks im Güterverkehr bewerten Fachleute allerdings unterschiedlich. "Es besteht die Gefahr, dass sich das Mittel des Streiks abnutzt", sagt Gewerkschaftsexperte Hans-Peter Müller von der Fachhochschule Berlin. Der Güterstreik bleibe für die Öffentlichkeit erst einmal unsichtbar und erhöhe den Druck auf den Arbeitgeber nur wenig, die Bürger müssten auch keine Hamsterkäufe tätigen.

Dagegen bewertet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) einen Streik ab einer Dauer von drei Tagen als volkswirtschaftlich bedenklich. "Spätestens dann sind die Lager der Firmen geräumt, mit denen sie noch produzieren können", sagt Volkswirt Stefan Kooths vom DIW. Betroffen seien vor allem die Auto- und die Stahlindustrie. Ab einer Streikdauer von sieben bis zehn Tagen sei der Schaden "volkswirtschaftlich nicht mehr zu verkraften".

GDL will's wissen

Schell drohte der Bahn bereits mit einer weiteren Eskalation des Tarifkonflikts: Der Regional- und S-Bahnverkehr soll zwar in dieser Woche zunächst von weiteren Arbeitsniederlegungen verschont bleiben. Sollte sich der Bahnvorstand nicht auf die GDL zubewegen, sehe sich die GDL "zu weiteren Arbeitskämpfen gezwungen", sagte Schell. Als Zeitraum nannte er die Woche vom 12. bis 16. November. "Dann werden wir uns nicht auf einen Bereich beschränken, sondern im Nah-, Fern- und Güterverkehr streiken." Zudem könnten die Streiks dann auch unbefristet sein.

spi/DPA / DPA