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Madeleine Schickedanz: Die Frau an der Quelle

Beim angeschlagenen Karstadt-QuelleKonzern hat eine Unbekannte mit großem Namen das letzte Wort: Madeleine Schickedanz, die Hauptaktionärin und Tochter des legendären Versandhausgründers

Von Rolf-Herbert Peters

Bunte Blätter wirbeln durch die Forsthausstraße. Ein Gärtner treibt Herbstlaub mit einem Gebläse vom Gehweg, der zu dem 70.000-Quadratmeter-Grundstück führt. Es ist der 20. Oktober, das herrschaftliche Anwesen in Fürth-Dambach wird herausgeputzt. Die Hausherrin hat Geburtstag. Hier im gelben Familienpalais, hinter zwei Meter hohen Mauern aus rotem Sandstein, verschanzt sich Madeleine Schickedanz gern an solchen Feiertagen. Sie mag kein Publikum. Doch die scheue Erbin des Versandhausunternehmens Quelle wird heute nicht eintreffen. Sie wird auch nicht ihr Büro vis-à-vis im modernen Bau der Madeleine-Schickedanz-Vermögensgesellschaft aufsuchen, wo sie sich alltags um ihren Reichtum kümmert. Hab und Gut im Wert von mehr als 1,6 Milliarden Euro machen eine Menge Arbeit.

Sie sei im Ausland unterwegs,

heißt es bei Quelle lapidar. Wo genau? Achselzucken. Es geht ihr privat so gut wie selten, sagen Vertraute. Sie führt eine glückliche Ehe, und ihre Enkel lassen sich von ihr gern betütteln. Nach Empfängen ist der 61-Jährigen dennoch nicht zumute. Da liegt dieses Vermächtnis wie ein dunkler Schatten auf ihrem Leben: das Geschäft ihrer Eltern, das ihr Reichtum und Autorität verschaffte. Das aber auch zwei ihrer Ehen zerstörte und Verwandte zu Feinden machte. Die Firma, die gerade in der tiefsten Krise der Unternehmensgeschichte steckt - und in der sie als Hauptaktionärin die letzten Entscheidungen treffen muss.

Sie war es, die vor sieben Jahren eingewilligt hat, dass der einst kraftstrotzende fränkische Familienbetrieb Quelle bei Karstadt einstieg und schließlich zu Karstadt-Quelle fusionierte. Sie hat sich bequatschen lassen von all den vermeintlichen Experten, die sagten, das sei das Beste für Quelle. Wegen der Globalisierung, Diversifizierung, wegen der Synergien. Doch es ging bergab. Was besonders schmerzt: Die Männer, die den Schlamassel verantworten, hat sie mit ausgesucht. Sie stand noch fest zum Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Urban, als längst die Sirenen schrillten. "Die treue Seele", wie Bekannte sie nennen, ließ Urban monatelang am Rande der Insolvenz weitermachen, bis es wirklich nicht mehr ging. Jetzt glaubt sie genauso fest an Christoph Achenbach, den ehemaligen Quelle-Versandhauschef, den sie gegen alle Widerstände als neuen Konzernboss durchgeboxt hat.

Wunder konnte auch er

bisher nicht vollbringen. Der Ruf von Karstadt-Quelle ist schwer beschädigt, die Kunden laufen davon. In den vergangenen Wochen brach der Umsatz im Kataloggeschäft an manchen Tagen im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel ein. Kürzlich musste Achenbach erneut die Jahresprognose senken. Eine Demütigung für Madeleine Schickedanz, für die Mitarbeiter - und posthum für ihre Eltern Grete und Gustav. Jetzt muss sie an die 200 Millionen Euro aus eigenem Vermögen nachschießen, um das Schlimmste zu verhindern: die Pleite. Am 22. November soll eine außerordentliche Hauptversammlung in der Düsseldorfer Stadthalle eine Kapitalerhöhung um insgesamt mindestens eine halbe Milliarde Euro beschließen. Die Aktionäre, die anreisen, werden mit Würstchen und Erbsensuppe abgespeist. Sparen, sparen und noch mal sparen: Nur so ist der Konzern zu retten.

Öffentlich sagt sie kein Wort zum Pfusch ihrer Führungskräfte. Kein Donnerwetter, aber auch keine aufmunternden Sätze an die 95.000 Mitarbeiter. Die Tochter der legendenumwobenen Vorzeigeunternehmerin Grete Schickedanz schweigt beharrlich. Dem stern ließ sie übermitteln, sie stehe zu dem Unternehmen und glaube fest an den Erfolg. "Mit den Jahren kommt man vom Unternehmen immer weiter weg", lautet eines ihrer seltenen Statements der vergangenen Jahre. Sie hat nicht einmal mehr ein Büro in der Fürther Quelle-Zentrale.

Dabei hätte sie das Zeug zum Big Business: Wer sie kennt, beschreibt sie als klug, gebildet und konsequent. Die Stimme zwar vielleicht ein bisschen zu dünn, aber sonst der Typ Erfolgsfrau, erstaunlich jung wirkend für ihr Alter. Und sie kann kämpfen, hat schon ganz andere Krisen durchgemacht. Die schlimmste begann am 21. März 1982. Damals eröffneten ihr die Ärzte, dass ihre vierjährige Tochter Caroline Blutkrebs hat. Wahrscheinlich unheilbar. Doch Mutter und Tochter gaben nicht auf. Sechs Jahre verbrachte Madeleine Schickedanz bei Caroline im Krankenhaus. Als das Mädchen, das ihr so ähnelt, für geheilt erklärt wurde, fuhr die Protestantin nach Lourdes, dankte ihrem Schöpfer und gründete eine Kinderkrebsstiftung, die sie aus ihrem Vermögen finanziert. Und sie wusste endgültig, dass sie für ihre Familie und nicht für den Ruhm lebt. "Wenn man sich mit solchen Problemen wie Kinder- und Krebserkrankungen beschäftigt", sagte sie einmal, "da tut man sich mit Themen, die der Gesellschaft wichtig sind, ein bisschen schwer."

Vertraute glauben, dass Familie bei ihr auch deshalb eine so große Rolle spielt, weil sie die Versäumnisse ihrer Eltern kompensieren will. Ihre eigene Kindheit verlief alles andere als unbeschwert. "Es hat mich geschüttelt", gab sie zu, wenn das Geschäft einmal wieder vorging. Die Geschichte der Familie Schickedanz ist von Tragik, nicht von Harmonie geprägt.

Vater Gustav gründete 1927 in Fürth

den ersten Versandhandel, den er Quelle nannte, weil die Kunden nun nicht mehr beim Handel, sondern direkt an der "Quelle" kaufen sollten. Zwei Jahre später raste seine erste Frau Anna beim Trip nach München mit dem Auto vor einen Baum. Sie starb, Tochter Louise - Madeleines Halbschwester - überlebte. Später heiratete Gustav sein fünftes Lehrmädchen, "das Frollein Grete" aus Fürth-Dambach. 1943 brachte Grete im Luftschutzbunker der Nürnberger Frauenklinik Madeleine zur Welt. Zunächst lebten sie im 50 Kilometer entfernten Hersbruck, wo die Mutter 1946 das erste Kaufhaus gründete. Gustav durfte nicht, die Besatzungsmächte hatten ihm Berufsverbot erteilt wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft. 1953 zog die Familie zurück nach Fürth, um den Versandhandel neu zu beleben.

In den Folgejahren hatte Madeleine die Wahl zwischen den Büros ihrer Eltern und den Armen ihrer Erzieherinnen. Die Eltern kümmerten sich ganztags um Quelle. Ihr Vater brach 1977 an seinem Schreibtisch zusammen und starb kurz darauf. Grete lebte rund um die Uhr in ihrer Katalogwelt, wo Mütter glücklich, Väter stolz und Kinder adrett sind. Sie taufte einen Ableger für edle Mode ab 40 auf den Namen ihrer Tochter: "Madeleine". Noch wenige Monate bevor sie 1994, von Alzheimer gezeichnet, in den Armen ihrer Tochter starb, ging keine Seite ohne ihr Okay in Druck.

Zudem suchte sie die Öffentlichkeit.

Grete in Bayreuth. Grete mit Bundeskanzler. Grete mit Bundespräsident. Grete mit Max Schmeling. Selbst an Madeleines Geburtstag drehte sich alles um ihre Mutter - auch Grete ist an einem 20. Oktober geboren. Immer heftiger rüttelte Madeleine an den Gittern ihres goldenen Käfigs. Mit 21 schmiss sie ihr Betriebswirtschaftsstudium und heiratete ihren Tanzschulpartner. "Es ist sehr schwierig", bekannte sie, "wenn man eine Übermutter hatte wie ich, ein ebenbürtiger Gegenpart zu sein."

Heute ist Madeleine Schickedanz offiziell Hausfrau, verfolgt aber die Unternehmensentwicklung "bis ins Letzte", wie sie sagt. Ihre Ehemänner, drei an der Zahl, nahmen stets Schlüsselpositionen in der Firma ein. Über Jahre liefen die Geschäfte gut - die Ehen miserabel. Von ihrem ersten Mann, Hans-Georg Mangold, Spross einer Fürther Spielwarendynastie, trennte sie sich nach zwei Kindern und acht Jahren. Ihm folgte Wolfgang Bühler, Sohn eines AEG-Managers. Für ihn verzichtete sie sogar auf das Sorgerecht für Tochter Daniela und Sohn Hans-Peter aus erster Ehe. Doch Bühler, der Bonvivant auf dem Vorstandssessel, war schnell unbeliebt in der Quelle-Sippe. Mit ihm bekam Madeleine Schickedanz Sohn Matthias und Tochter Caroline - und verbitterte zusehends. Als Quelle im Mai 1995 das neue Zentrallager in Leipzig eröffnete, ließ sie Kanzler Helmut Kohl zwischen sich und Bühler setzen, um die Contenance zu wahren. Dann flüchtete sie aus dem Fürther Familienpalais und zog nach Hersbruck in die Fachwerkvilla ihrer Eltern.

Seit dieser Zeit lebt Leo Herl, 62, an ihrer Seite, ein jovialer Mann mit Schweizer Pass und mächtiger körperlicher Präsenz, der früher Bühlers Büro leitete - wie übrigens auch Vorstandschef Achenbach. Er ist nur einfaches Aufsichtsratsmitglied, doch Achenbach und der Aufsichtsratsvorsitzende Thomas Middelhoff sind ohne das Plazet von Madeleines Mann machtlos. Herl kümmert sich zudem um den Familienbesitz: als erster Geschäftsführer der Madeleine-Schickedanz-Vermögensverwaltung - und als ausgefuchster Geschäftsmann.

Das Refugium des Paares befindet sich in St. Moritz - fernab von schlechten Geschäftszahlen. Hier scheint an 322 Tagen die Sonne, hier haben sie geheiratet. Ihre Datscha am feinen Suvretta-Hang steht unterhalb des Skigebiets. Zu den Nachbarn zählen die Heinekens (Brauerei), die Guccis (Mode) oder die Agnellis (Fiat). Die steinerne Chesa der Schickedanz wirkt bescheiden unter den Prunkbauten. Sie versteckt sich hinter hohen Tannen, die den Blick ins Tal versperren. Ein schlichter Lattenzaun umrandet das Grundstück. Die Schlagläden sind geschlossen, die Kinderspielgeräte im Garten schon jetzt im Herbst mit Pulverschnee gepudert.

Ein Großteil des Vermögens von Madeleine Schickedanz ist in der Schweiz zu finden. Die Besitzverhältnisse der Sippe sind vertrackt - aber immer führen sie zu den Eidgenossen. Madeleines Halbschwester Louise heiratete den Basler Unternehmersohn Hans Dedi. Der stritt sich bald mit Madeleines damaligem Gatten Wolfgang Bühler. Dedis Tochter Margarete, eine Betriebswirtin mit Draht zur Firma, ehelichte den jungen Juristen Ingo Riedel. Als der selbstbewusst zur Hausmacht griff, ging "ein unüberwindbarer Bruch" durch die Erben, wie ein Vertrauter berichtet.

Fortan kämpften sie vor allem ums Geld. Beide Clans, die Schickedanzens und die Dedi-Riedels, haben die Aktien ihrer Familienmitglieder gepoolt, in der Hoffnung, dass so niemand eigenmächtig ausschert. Dennoch wechselte Dedis Sohn Martin auf die Seite seiner Tante Madeleine. "Ich werde die Kapitalerhöhung mittragen und meine Aktien behalten", erklärt er gegenüber dem stern. Die Riedel-Holding hat dagegen ihren Anteil in den vergangenen Monaten von zwölf auf etwa 2,5 Prozent gesenkt - wohl, um Sanierungskosten zu sparen.

Die Schickedanz-Seite hält heute

rund 49 Millionen der 118 Millionen Karstadt-Quelle-Aktien. Etwa 40 Millionen dürften Madeleine Schickedanz persönlich gehören. Die sind beim derzeitigen Kurs 345 Millionen Euro wert. Vor drei Jahren hätte sie noch 1,8 Milliarden dafür bekommen. Dem Pool gehören außerdem ihre Vermögensverwaltung, ihr Mann Leo Herl und die Vermögensverwaltung ihres Neffen Martin an. Es gibt noch ein weiteres Pool-Mitglied, die Schweizer Firma Grisfonta AG. Dahinter, so vermuten Finanzexperten, verbirgt sich ein erheblicher Teil des Besitzstandes von Madeleine Schickedanz.

Die Grisfonta AG, eine Vermögensverwaltung, firmiert offiziell in der Schulstrasse 1 der Schweizer Gemeinde Landquart. Unter der Adresse finden sich ein Supermarkt, eine Postfiliale, ein Café, ein paar Büros und Shops. Von Grisfonta keine Spur, nicht einmal ein Briefkasten. Ein Anwalt im Haus verweist auf den Grisfonta-Geschäftsführer Ernst Nigg, der in einem Apartmentbau gegenüber dem Bahnhof gemeldet ist. Dort befindet sich auch der Sitz der Herl Consult AG, einer Firma des Schickedanz-Gatten Leo Herl. Nigg ist Jurist, Steuerexperte, einflussreiches Mitglied des Graubündner Kantonsparlaments - und Bürgermeister der Gemeinde. "Anlässlich eines Liegenschaftenkaufs" habe er "die Familie Herl-Schickedanz" kennen gelernt, sei weder verwandt noch verschwägert. Ansonsten: Schweigen. Madeleine Schickedanz kann sich glücklich schätzen, solche Bekannte zu haben: In Graubünden bestimmen Kanton und Gemeinde, wie wenig Steuern betuchte Zuwanderer zahlen müssen.

Daheim in Fürth-Dambach,

eine gute Flugstunde für den firmeneigenen Learjet entfernt, legt sich Dunkelheit über das Schickedanz-Anwesen. Gegenüber, in der Vermögensverwaltung, brennt noch Licht. Nicht selten brütet Madeleines Sohn Matthias, 29, der hier jobbt, über den Akten. Trotz aller Probleme will Madeleine Schickedanz das Erbe wahren. Vielleicht ist ja ihr Stammhalter der kommende Mann ihres Vertrauens.

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