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Kopfwelten: Reichtum verdirbt die Sitten

Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz fürchtet um ihr Vermögen und der Chef der HSH Nordbank erhält eine Sonderzahlung in Millionenhöhe. Verdirbt Geld den Charakter? Auf jeden Fall stellt es uns auf eine harte Probe. Das zeigen die Erfahrungen im Leben und auch Studien zum Einfluss des Mammons auf menschliche Bindung und Moral.

Von Frank Ochmann

Das hätten Sie gerne? Besser nicht, denn zuviel Geld ist schlecht für den Charakter

Das hätten Sie gerne? Besser nicht, denn zuviel Geld ist schlecht für den Charakter

Was regen sich bloß alle auf! Knapp drei Millionen Euro - mit Zins und Zinseszins vielleicht auch ein bisschen mehr - hat der als Retter engagierte Chef der schwer taumelnden HSH Nordbank, Dirk Jens Nonnenmacher, vor ein paar Monaten als Sonderzahlung verhandelt. Da dieses Vertragsdetail nun herausgekommen ist, schlagen die Wellen der Empörung hoch.

Doch was sind denn knapp drei Millionen extra für Nonnenmacher - einen Professor aus Heidelberg übrigens -, wenn die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz angeblich schon bei einem eingestandenen Mindestvermögen von 27 Millionen Euro unter Existenzängsten und Herzrhythmusstörungen leidet, beim Discounter einkauft und sich beim Italiener überlegt, ob ein Viertel vom Roten wohl mit Blick auf die Altersversorgung noch drin ist? Nein, das ist nicht zum Lachen. Weder aus Amüsement noch aus Schadenfreude. Schauen wir lieber, ob uns wenigstens die Wissenschaft helfen kann, solche Menschen ein bisschen besser zu verstehen.

Geld kann den Menschen umkrempeln

Geld verderbe den Charakter, sagen wir schon einmal so dahin und beziehen uns dabei zumeist auf Einzelbeobachtungen wie die geschilderten. Aber gibt es für diese weit verbreitete, deswegen aber ja noch nicht wahre Behauptung irgendeinen Beweis? Rein theoretisch könnte es schließlich auch so sein, dass überhaupt nur solche Menschen zu größeren Summen im Leben gelangen, die bereits einen fiesen Charakter haben. Abgesehen natürlich zum Beispiel von Lottogewinnern wie dem rheinischen Glückspilz, der jüngst 10,2 Millionen Euro einsackte, oder von Menschen wie Frau Schickedanz. Auch die kann schließlich nichts für das Geld, das wie ein warmer Regen über sie kam und nun offenbar fast vollständig verdampft ist.

Forscher wie die Neuropsychologin Kathleen Vohs von der University of Minnesota in Minneapolis beschäftigen sich mit der Frage, welche psychologischen Konsequenzen der Besitz von Geld, womöglich von sehr viel Geld, für einen Menschen hat und wie sich das auf sein Verhalten auswirken kann. Tatsächlich spricht viel dafür, dass Geld einen Menschen regelrecht umkrempeln kann. Allein der Gedanke an Geld wirkt offenbar zum Beispiel wie ein Schmerzmittel: Versuchsteilnehmer, die zuvor 80 Hundert-Dollar-Noten abgezählt hatten und dann Zeige- und Mittelfinger der linken Hand für 30 Sekunden in 50 Grad heißes Wasser halten mussten, empfanden dabei weit weniger Qualen als Mitglieder einer Vergleichsgruppe, die vor dem Hitzetest statt des Geldes 80 leere Papierbögen abzählen mussten.

Besitz schafft Distanz - auch zu moralischen Regeln

Nicht nur körperlich, sondern erst recht psychisch können uns ein paar Scheine mehr im Portemonnaie oder auf dem Konto stärken - gut für den Einzelnen, schlecht für die Gemeinschaft. Denn fasst man die Ergebnisse von Kathleen Vohs und Kollegen zusammen, dann wirkt der Mammon wie ein Lösungsmittel auf zwischenmenschliche Bindungen.

In mehreren Experimenten zeigte sich, dass Geldbesitz bei dem, der hat, eine Art Unabhängigkeitsdrang hervorruft: Hilfe von anderen wurde im Experiment weniger in Anspruch genommen, umgekehrt aber auch seltener gewährt. Die Gedanken beim Geld bevorzugten Probanden zudem in verschiedenen Laborsituationen allein statt im Team zu arbeiten oder allein statt mit anderen zu spielen. Und wurden sie mit einem Unbekannten konfrontiert, hielten sie durchweg größeren körperlichen Abstand als Versuchsteilnehmer mit "neutralen" Gedanken im Hinterkopf. Die Maßstäbe verschieben sich, und Besitz schafft Distanz. Das offenbar sogar zu den für alle geltenden moralischen Regeln. In einer eben veröffentlichten Studie beobachteten die Verhaltensforscherin Francesca Gino und der Wirtschaftswissenschaftlers Lamar Pierce den Einfluss der Nähe eines buchstäblichen Haufen Geldes auf Fairness und Ehrlichkeit ihrer Probanden. Die mussten Scrabble spielen oder neue Wörter aus vorgegebenen bilden. Dabei bekamen sie durchweg Gelegenheit, ihr Ergebnis nach Belieben zu schönen und damit eine höhere finanzielle Belohnung einzustreichen, als ihnen der Regel nach zustand.

Bei den Versuchsteilnehmern in einer kargen Umgebung nutzte etwa ein Drittel die eine oder andere Chance zum Schummeln. Waren die Probanden aber "vom Reichtum geblendet" - weil ihr Blick unwillkürlich auf verlockende Stapel von Geld ganz in ihrer Nähe fiel - stieg der Anteil der Betrüger auf beeindruckende vier von fünf Teilnehmern. Halten wir also aus all diesen Ergebnissen fest: Reichtum, und sei es nur die Aussicht darauf, isoliert Menschen voneinander und verdirbt zudem den Charakter. Auf jeden Fall, wenn es die anderen sind, die zu viel Geld haben, nicht wahr?

Literatur:

Aquino, K. 2009: Testing a Social-Cognitive Model of Moral Behavior: The Interactive Influence of Situations and Moral Identity Centrality, Journal of Personality and Social Psychology 97, 123-141
Gino, F. & Pierce, L. 2009: The abundance effect: Unethical behavior in the presence of wealth, Organizational Behavior and Human Decision Processes 109, 142-155
Uhlenbroich, B. 2009: So verlor ich meine Millarden, Bild am Sonntag v. 19.7.2009, S. 1, 10-12
Vohs, K. et al. 2006: Merely Activating the Concept of Money Changes Personal and Interpersonal Behavior, Current Directions in Psychological Science 17, 208-212
Vohs, K. et al. 2006: The Psychological Consequences of Money, Science 314, 1154-1156
Zhou, X. et al. 2009: The Symbolic Power of Money - Reminders of Money Alter Social Distress and Physical Pain, Psychological Science 20, 700-706