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MCM: Der Fall des Michael Cromer

Einst waren seine Taschen weltweit Statussymbol der Reichen und Schönen. Dann verlor der Münchner Designer alles - sein Haus, sein Geld, sein Reich. Die MCM-Geschichte ist Beispiel für das Dilemma, wenn sich Kreativität und Naivität im Big Business paaren.

Von Gerd Elendt und Jochen Siemens

Er hat gelächelt. Ja, sagt Mara Cromer, heute habe er wieder gelächelt und die Augen aufgemacht. So gelächelt, wie man es eben mit einem Mund, in dem ein fingerdicker weißer Schlauch steckt, machen kann. Zu viel lächeln soll er auch nicht, denn dann kommt bei ihm vielleicht gleich wieder die Aufregung, und das würde die EKG-Kurve auf dem Bildschirm neben seinem Bett wieder nervös machen und dann könnte … Immerhin war sie neun Zentimeter dick angeschwollen, die Ader. Cromer im Koma schrieben die Münchner Boulevardzeitungen über jene Tage vor zwei Wochen, als Michael Cromer nach einer erneuten Operation an der Bauchschlagader und der anschließenden Wundendzündung von den Ärzten ins künstliche Koma versetzt wurde. An Münchner Stammtischen wurden derbere Bulletins gehandelt - "Koffer-König liegt im Sterben".

Mara Cromer fährt jeden Morgen aus ihrem Reihenhaus in Sauerlach, einem Dorf südlich von München, mit dem Auto zur Intensivstation des Klinikums rechts der Isar. Auch wenn die Ärzte sagen, der Berg sei noch nicht überwunden, klammert sie sich an das Lächeln. "Der wird wieder", hofft sie und sagt, "Ich weiß, dass sich mein Mann wieder erholen wird." Nein, es kann so doch nicht zu Ende gehen, die Cromers lassen sich nicht unterkriegen, nein ...

Eine Fahrt durch ihre alte Welt

Wenn Mara Cromer dann am Abend wieder nach Hause fährt, ist das eine Reise durch ihre alte Welt. München, Maximilianstraße, eine von 250 MCM-Filialen und -Depots weltweit war hier mal, eine der größten. Marmorboden, polierte Glasvitrinen und Taschen, überall Taschen, Beutel, Koffer. Über dem Eingang das lorbeerumrankte MCM-Zeichen, im Laden Menschen mit goldenen Uhren und Seidenstecktüchern. In der Luft viel zu viel Chanel- Parfüm. Und im Laden auch der Mann, der heute mit einem Schlauch im Mund lebt.

Michael Cromer, groß, lachend, laut - der König der Taschen und Koffer. Der Mann, der Anfang der Siebziger in Rom erlebte, wie der Portier eines Luxushotels die Louis-Vuitton-Tasche eines Freundes sofort ins Hotel trug - und Cromers alte schweinslederne stehen ließ. "Da hat er gesagt, das passiert mir nie wieder", erzählt seine Frau. Ja, so sind sie immer noch, die Legenden der Selfmade-Helden, der Träumer, die ganz nach oben wollten. Cromer heute 67, kam ganz nach oben, egal, ob sich die Geschichte in Rom wirklich so zutrug.

Viele angebliche Freunde

Man muss ein wenig mehr von Cromers Ganzoben wissen, um das heutige Ganzunten zu verstehen: das Reihenhaus, die etwa 600 Euro im Monat, von denen die Cromers heute leben, die mehrfach geplatzte Aorta und "die vielen angeblichen Freunde, die einen schnell vergessen", wie Mara Cromer sagt. Mal abgesehen von der Schadenfreude einer Gesellschaft, die den "Michi" sowieso für einen lauten und etwas grellen Aufsteiger hielt.

Gelegenheitsschauspieler war der gebürtige Rheinländer in den 70er Jahren in München, ein Freund von Filmemacher Werner Enke und May Spills. In der Komödie "Nicht fummeln, Liebling" mit Gila von Weitershausen und "Hau drauf, Kleiner" spielte er mit. Enke erinnert sich, "der Cromer war gut vor der Kamera", und "der war damals schon vernarrt in Verpackungen. Er fuhr mit seinem apfelgrünen Porsche durch München, und wenn er ausstieg, drehten sich alle Frauen um".

Der letzte Trabi mit goldenen Felgen

Cromer verliebte sich in die Friseurin Mara, die hatte einen eigenen Salon, und Cromer dachte sich das Design aus. "Moderne Creation München" nannte er die Firma, die er 1977 gründete. Dann kam die Idee mit den Koffern und Taschen, gab ja nix Ähnliches in Deutschland. Laut, das muss man sagen, war er schon und auch geschmacklich immer etwas grell. Auf dem Höhepunkt des MCM-Reiches zeigte er der Welt seinen türkisfarbenen Ferrari. Und als in der Ex-DDR der letzte Trabi vom Band lief, kaufte ihn Cromer und ließ die Felgen golden lackieren. Das waren zynische Gesten des Reichtums, Cromer schien jedes Maß verloren zu haben.

Mitte der 90er Jahre hatte sein Reich 250 Filialen, alle an den besten Straßen der Welt, in New York, Los Angeles, Tokio, Paris, Mailand, London, Brüssel, Madrid. In New York umarmte ihn Michael Douglas, und in Tokio war es Cindy Crawford, die MCM auf dem Laufsteg vorführte. Der Jahresumsatz stieg auf 500 Millionen Mark, die lackierten Leinentaschen wurden zum Standardgepäck der Jetset-Klasse. "Er war immer ganz fassungslos, wenn er am Flughafen seine Taschen auf dem Band sah", sagt eine frühere Mitarbeiterin.

Cromer habe 60 Millionen hinterzogen

Fragt man Mara Cromer heute, wie es zu dem Absturz kam, sagt sie: "In Japan gibt es das Sprichwort: 'Geschäfte sind Kriege.‘ Das haben wir nicht gewusst." Im September 1995 geht beim Finanzamt München eine neunseitige handgeschriebene Anzeige gegen Michael Cromer ein. Anonym. Der Autor kennt sich aus, detailliert listet er angebliche Scheinbuchungen, versteckte Kassen und Bargeldhandel auf und behauptet, Cromer habe 60 Millionen Mark Steuern hinterzogen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, Beamte klingeln zur Hausdurchsuchung in Cromers Büro, als dieser gerade der englischen BBC ein Interview gibt. Der Zeitpunkt der Anzeige ist delikat gewählt, MCM steht mit seinen Banken in Kreditverhandlungen über 11,2 Millionen Mark.

Warum braucht so einer Kredit? Was keiner weiß: die explosionsartige Entwicklung des asiatischen grauen Marktes macht auch dem Taschenkönig zu schaffen. In dem Geflecht aus Lizenznehmern, Herstellern und Lieferanten hatte sich eine Schattenwirtschaft gebildet, die originale MCM-Produkte am Eigentümer vorbei in den asiatischen Markt pumpte und dort weit unter Ladenpreis verkaufte, was Cromer München erhebliche Umsatzeinbußen bescherte. Deshalb brauchte das allmählich überhitzte Gebilde MCM Geld.

"Wir waren sehr gutgläubig"

Was dann folgt, ist eine Kettenreaktion hysterischer, naiver und eben auch dummer Entscheidungen. Noch in der Nacht der Hausdurchsuchung setzt sich Cromer auf Anraten seiner Anwälte in die Schweiz ab, der Vorwurf, Millionen Steuern hinterzogen zu haben, macht die Juristen panisch. Im August kommt Cromer zurück, Steuerberater und Anwälte wollen mit der Staatsanwaltschaft sprechen. Doch da erfährt er von einem weiteren anonymen Brief, jetzt soll Cromer 110 Millionen Mark am Fiskus vorbeigeschleust haben, selbst die Staatsanwälte ächzen. "Wir haben denen gesagt, wenn wir 110 Millionen irgendwo versteckt hätten, würden wir doch nicht mehr hier sitzen", sagt Mara Cromer. Den Hinweis von Freunden, doch schleunigst die Berater zu wechseln, überhört Cromer. Nein, er kenne seinen Steuerberater seit Ewigkeiten, der mache nichts falsch, "wir waren sehr gutgläubig", sagt Mara Cromer.

Cromer geht wieder in die Schweiz, und jetzt wollen die Banken ihren 11,2-Millionen- Kredit zurück. Sofort. Geht nicht, sagt Cromer, dann falle MCM zusammen. Die Banken wollen Sicherheiten: als Pfand den Markennamen MCM und seine und die Gesellschafteranteile seiner Frau, die ein Anwalt in München verwalten soll. Und einen Sanierer, der die See wieder beruhigt. Cromer sagt Ja, vorschnell. Er glaubt Bankern und Beratern. Er kennt sie doch alle so lange, die Bank ist mit ihm reich geworden. Der Sanierer Ludwig Schneider und der Anwalt Josef Zeller in München entlassen Michael Cromer als Geschäftsführer. Die Haie beginnen, an der Beute zu knabbern. Das einstige Familienunternehmen "Moderne Creation München" wird in Stücke gehackt, schwer durchschaubare "Holdings" in der Schweiz werden nach und nach verkauft, die Markenrechte hierhin, Vertrieb und Produktion dorthin.

"Wir hatten gar nicht so viel"

Michael Cromer versteht die fintenreichen Verschiebungen seines Lebenswerks nicht mehr. Da beteiligt sich einer der Sanierer an einer Holding, die ein Stück aus dem MCM-Kuchen für 15 Millionen Mark kauft - und drei Monate später für 30 Millionen weiterverkauft; da wird ein anderes Stück für symbolische 1 DM verscherbelt. Cromer selbst sitzt in der Schweiz, seine Frau und seine Tochter sitzen in München. Ende der 90er Jahre ist Michael Cromer sein Lebenswerk los, die immensen Kosten für Sanierer, Berater und Anwälte haben sein Privatvermögen fast aufgebraucht. "Wir hatten ja gar nicht so viel, wir haben ja jede Mark gleich wieder in die Firma gesteckt", sagt Mara Cromer.

Einmal haben sie versucht, sich zu wehren. 1998 verklagten die Cromers beim Landgericht München I die neue MCM Holding AG. Die Klage lautete auf "Feststellung der Nichtigkeit" der Verträge, mit denen ein Jahr zuvor der Markenname MCM für 15 Millionen an die neue MCM Holding in Zug, Schweiz, verkauft wurde. Cromer und Frau Mara machten ihr Vorkaufsrecht geltend, das ihrer Meinung nach verletzt worden war. Doch der Prozess endete für sie mit einem Desaster: Das Landgericht stellte in seinem Urteil vom 22. September fest: Die Klage werde abgewiesen, da das Gericht nicht zuständig sei, Cromer hätte in der Schweiz klagen müssen. Er blieb auf den Gerichts- und Anwaltskosten sitzen, für weitere Händel fehlte nun das Geld. Und weil Cromer die Prozesskosten nicht voll zahlen konnte, verlangt die MCM Holding AG noch heute 47.000 Euro von ihm. Als die Vertreter der Holding jetzt von einem geplanten Cromer-Buch hörten, versuchten sie im Vorweg das zu erwartende Honorar beim Verlag zu pfänden.

Cromer hat die Lautstärke nicht verloren

Michael Cromer hat dieses Buch, "Die MCM-Story", geschrieben wie das heisere J'accuse eines empörten, aber auch naiven Mannes. Den Sätzen merkt man an, dass Cromer seine Lautstärke nicht verloren hat, er spricht in Ausrufezeichen und "was hätte ich den machen sollen!?". Es ist die Biografie eines beeindruckenden Aufsteigers der Eitelkeitsindustrie und einer Gesellschaft von Aufsteigern, die bitter lernen musste, dass der Kapitalismus ganz oben die Bussiwährung nicht kennt.

Erst im Jahre 2000 endlich ein Punkt für Cromer. Drei Jahre ziehen sich die Ermittlungen der Finanzbehörden schon hin. Von den angeblich unversteuerten Millionen - erst 60, dann 110 - bleibt nur ein Rest, gut 800.000 Mark. Der anonyme Briefschreiber hatte offenbar mächtig übertrieben, so sah es auch der Richter. Ergebnis: zwei Jahre Haft auf Bewährung und 37.500 Mark Geldstrafe für die Beschäftigung von vier privaten Putzfrauen, die Cromer seit 1989 als betrieblichen Aufwand bei der MCM GmbH verbucht hatte. Renovierungskosten für seine Immobilien und die Marmorböden im Haus seiner Tochter Patrizia waren ebenfalls als Betriebsausgaben deklariert worden. Cromer zahlte die Strafe, die hinterzogene Steuer und akzeptierte eine Steuervorauszahlung. "Ich war krank, zermürbt und ausgelaugt." Er wollte zurück nach Hause, nach Deutschland.

Geldgeber zögern, Banken warten ab

Doch dann, 2003 droht ihm erneut die Bauchschlagader zu platzen. Der Zustand ist ernst, er wird operiert, die Ärzte mahnen strenge Ruhe an. Strenge Ruhe? Der Cromer? Nein, schon wieder rastlos zeichnet und entwirft er Taschen, "Stars" soll die neue Linie heißen, ein paar andere Farben, ein anderes Label, aber eigentlich MCM, was sonst. Doch die Geldgeber zögern, Banken warten ab, der Taschen-Cromer, ob der's noch kann? Und teure Taschen, anders als in den 80er Jahren machen heute alle großen Design-Häuser. Anwälte, diesmal aus renommierten Kanzleien in München, bereiten Schadensersatzklagen gegen die Zerfledderer von MCM vor, die Erfolgsaussichten - sagen einige - sind theoretisch gut. Theoretisch, aber die Gerichte werden lange brauchen, sich in dem Holdinglabyrinth und all den verwischten Spuren zurechtzufinden. Wer sich damals hinsetzte und die beiden anonymen und, wie man nun weiß, falschen Anzeigen schrieb, das wissen die Cromers inzwischen. Aber, Cromer nicht im Buch, auch der stern darf den Namen nicht nennen, warnen Anwälte. Es war jemand aus Cromers Taschenwelt, einer, der auch die Millionen einfahren wollte und vielleicht nicht wusste, zu welcher Vernichtung er mit dem Stift ansetzte.

Manchmal, wenn man durch Hamburg oder München geht, sieht man noch Reste des MCM-Reichs. Das marmorene MCM-Lorbeer- Zeichen prangt grau und schmutzig über manchen Geschäften, auch wenn dort jetzt Coffeeshops oder Handy-Läden sind. In Berlin am Kurfürstendamm gibt es noch einen MCM-Laden, schwarzer Marmor, Taschen mit gold schimmernden Verschlüssen, man spricht Russisch. Nach langer Irrfahrt durch Konsortien und Holdings ist der Name heute in Korea gelandet. Die Investorin Sung-Joo Kim will die Marke wiederbeleben, die immerhin noch jetzt einen Umsatz von 100 Millionen Euro macht. Vor allem in Südkorea, dort liegt MCM vor Louis Vuitton und Gucci, und die ehemalige Lizenznehmerin Cromers traut der Marke 400 Millionen Euro Zuwachs zu.

Ein Lebenswerk, das ihm genommen wurde

Es ist spät am Abend, Mara Cromer wird morgen wieder früh aufstehen, um nach München zu fahren und auf das Lächeln zu warten. "Meinen Mann freut es, dass MCM immer noch funktioniert. Er wusste immer, dass er ein Lebenswerk geschaffen hat, auch wenn es ihm genommen wurde." Ob sie etwas vermisst aus dem Leben früher? Das Geld, den Ferrari, den Glanz? "Die Unabhängigkeit", sagt sie, "wir haben so viel gearbeitet, um uns jetzt keine Sorgen machen zu müssen. Und jetzt haben wir nur Sorgen."

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Gerd Elendt und Jochen Siemens